Die Volksstimme wagt in den kommenden Wochen ein Blick in die Sporthistorie. In der Serie "Damals war‘s" werden Sportgrößen aus dem Jerichower Land vorgestellt, die in der Vergangenheit auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene außergewöhnliche Erfolge feierten. Ob im Fußball, Handball oder im Rudern, Reitsport und Boxen – Sportler des Kreises schafften den Sprung in Nationalkader, bis hin zum Olympiasieg. Heute: Der frühere Weltklasse-Handballer Ingolf Wiegert.

Schermen. Ingolf Wiegert schlägt einen dicken Band gesammelter Werke auf. Feinsäuberlich hat ein Sportfreund Artikel und Fotos aufgeklebt, die von der langen und erfolgreichen Laufbahn des Handballers vom SC Magdeburg zeugen. "Das ist Band zwei von vier", sagt Wiegert und blättert in Sekunden durch die Jahrzehnte.

Bei all den Triumphen, die der Weltklasse-Kreisläufer über knapp zwölf Jahre mit dem SCM und der DDR-Auswahl feierte, fällt es ihm rückblickend schwer, Fixpunkte seiner glanzvollen Karriere auszumachen. Natürlich war da der Olympiasieg 1980, als die DDR die UdSSR im Finale überraschend mit 23:22 nach Verlängerung bezwang. "Auch unsere Siege mit dem SCM im Europapokal, die internationalen Turniere und meine Berufung in die Weltauswahl sind Momente, die man nie vergisst", sagt der 53-Jährige.

Um den Menschen Wiegert zu verstehen, muss man ihn nicht unbedingt nach seiner Vergangenheit befragen. Vielmehr interessiert ihn das Hier und Jetzt seines Heimatvereins, dem er seit 1968 angehört. Angesprochen auf die sportliche Entwicklung des Champions- League-Siegers von 2002 in den vergangenen vier Jahren, muss er kurz überlegen, ehe er sagt: "Der SCM ist einer der bekanntesten Handballvereine der Welt. Wir müssen nur aufpassen, dass er seine Identität nicht verliert." Wiegert meint damit in erster Linie die Nachwuchs-Arbeit, die dem Verein früher wie heute Talente beschert, die das Niveau in der Bundesliga und auf internationalem Parkett mitbestimmen. "Da müssen wir wieder hinkommen, dass wir diese jungen Spieler halten beziehungsweise mehr Zeit geben, sich zu entwickeln", sagt Wiegert, dessen Sohn Bennet bekanntlich in der ersten Mannschaft spielt.

Seinen Vorbildern nacheifern und in ihre Fußstapfen treten – diesen Weg beschritt einst auch der junge Ingolf Wiegert. Nachdem er beim Schwimmen und Fußball vergeblich versuchte, Fuß zu fassen ("Da hat mir einer gegen das Schienbein getreten, da hatte ich keine Lust mehr drauf"), begann er bei TuS Fortschritt Magdeburg mit dem Handballspielen. "Das hat mir viel Spaß gemacht und ich habe mich im Training richtig reingehangen", sagt Wiegert. Damit war ein Wechsel zum SCM und ins DDR-Sportschulsystem vorprogrammiert, wenngleich "die Förderung anfangs nicht so intensiv war wie in den olympischen Kernsportarten wie Kanu, Schwimmen oder Rudern".

"Mit 15 war ich nur fünftbester Spieler"

Überhaupt wurde dem Jugendspieler Wiegert das Talent nicht in die Wiege gelegt. "Mit 15 war ich vielleicht nur der fünftbeste Kreisspieler. Ich habe sie aber dann später alle überholt", sagt er heute noch stolz. Mit dem unbändigen Ehrgeiz und dem Ziel, "sich auch von Rückschlägen nicht zurückwerfen zu lassen", gab er mit 19 Jahren unter Trainer Klaus Miesner sein Debüt in der ersten Mannschaft. Scheinbar mühelos füllte er die Lücke, die Wolfgang Lakenmacher nach seinem Rücktritt auf der Kreisposition hinterlassen hatte, aus und entwickelte sich schnell zum Leistungsträger der erfolgsverwöhnten Magdeburger Sieben.

"Er ist der Mann mit den Kugellagern in den Hüften, der wie nasse Seife war, schlüpfrig und nicht festzuhalten", beschrieb ihn der damalige jugoslawische Spitzenspieler Sead Hasanefendic. Wenn Wiegert heute dieses Zitat hört, muss er schmunzeln. "Natürlich war ich sehr dynamisch und in der Lage, unter jeglicher Bedrängnis den Ball zu fangen und mit ein, zwei Schritten zum Torerfolg zu kommen", fasst er sein charakteristisches Spiel zusammen. Gemeinsam mit Wieland Schmidt, Hartmut Krüger, Günter Dreibrodt, Ernst Gerlach und Harry Jahns gehörte er einem Team an, das siebenmal DDR-Meister wurde und zwei Europapokal-Siege der Landesmeister feierte. Zudem trug Wiegert 225-mal das Trikot der DDR-Auswahl, mit der er zweimal Dritter bei Weltmeisterschaften und 1980 Olympiasieger wurde.

" Wir wären 1984 topfit gewesen"

Bei all diesen Erfolgen gehörten auch Niederlagen zur Laufbahn der Handball-Legende. "Wir hätten 1984 gerne unseren Olympiasieg wiederholt, zumal wir zu dieser Zeit topfit waren", sprach Wiegert eines der dunkelsten Kapitel der Sportgeschichte, den Boykott der Spiele in Los Angeles durch die Ostblock-Staaten, an. Und auch die Sommer-Olympiade 1988 sollte Wiegert nicht mehr miterleben. "Im Januar 1988 habe ich mir die Achillessehne gerissen." Sein Karriereende war vorprogrammiert.

Wiegert blättert in dem dicken Band gesammelter Werke, in dem zahlreiche Volksstimme-Beiträge von Peter Skubowius abgedruckt sind. Der damalige Sportredakteur begleitete ihn über Jahre bei Spielen im In- und Ausland. "Er war der Mann, den sie die ¿dicke Drei‘ nannten. Er hat immer 110 Prozent gegeben und alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet", erinnert sich Skubowius.

Auch abseits des Feldes strahlte der Mensch Wiegert Dominanz aus, mitunter zum Leidwesen seiner Mitstreiter. So geradlinig er seine Karriere als Spieler verfolgte, so unstetig verlief seine Trainerlaufbahn. Nach ersten Erfolgen mit der A-Jugend des SCM, die er 1990 zum ersten gesamtdeutschen Meistertitel führte, übernahm er die Handballerinnen des Vereins und stieg mit ihnen in die 1. Bundesliga auf. Es folgte ein Engagement als Trainer des SCM-Männer 1993/94, ehe er ein Jahr als Bundestrainer der Frauen engagiert war. "Ich hatte da aber nicht das Gefühl, etwas bewegen zu können", sagt Wiegert. Zudem musste sich der Diplomsport-Lehrer 1995 zwischen Beruf und Sport entscheiden. "Ich blieb lieber Lehrer, weil ich da der Jugend mehr beibringen konnte", sagt der Magdeburger, der heute in Schermen wohnt.

"Ich mache keine halben Sachen"

Nach einer zweijährigen Auszeit übernahm er 1997 das Traineramt bei der SG Eintracht Glinde und führte den "Dorfverein" in der Nähe von Schönebeck innerhalb von fünf Jahren von der Bezirksklasse bis in die Regionalliga. "Anfangs wollte ich nur helfen. Später ist das immer mehr gewachsen. Ich mache halt keine halben Sachen", sagt Wiegert über seine wohl erfolgreichste Zeit als Trainer. Die hohe Belastung und interne Differenzen über die Zukunft des Vereins bewegten ihn schließlich zum Rücktritt. Schließlich brachte er beim Sachsen-Anhalt- Ligisten HSV Haldensleben vier Jahre lang als sportlicher Leiter seine Erfahrungen ein.

"Jetzt ist Schluss, ich mache erst einmal Pause", sagt Wiegert und klappt das dicke Band zu. Vielmehr will er sich stärker der Familie und Sohn Bennet widmen. "Vielleicht kehre ich in ein, zwei Jahren nochmal auf die Trainerbank zurück. Aber dazu muss das Angebot passen."

Die Förderung des Nachwuchses lässt Wiegert dagegen nicht aus den Augen. Seit 14 Jahren betreibt er die sogenannten Kempa-Stützpunkte, in denen Kinder, die noch nicht in einem Verein organisiert sind, an das Handballspielen herangeführt werden. Denn, wie sagte das Mitglied der "Hall of Fame", der Ruhmeshalle des SCM, kürzlich bei einem Handball-Sommer-Camp in Gommern: "Wer nichts für den Nachwuchs tut, der macht irgend-etwas verkehrt." Beim SCM wird man es vernommen haben.

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