Stegelitz l Seit 1983 steht der Stegelitzer an nahezu jedem Wochenende als Schiedsrichter auf dem Platz. Und vorerst soll für den 69-Jährigen längst noch nicht Schluss sein Nur zwei gelbe Karten in der Schlussphase, kein Elfmeterpfiff, kaum strittige Szenen. „Ein super Nachmittag“, sagt Rudolf Krüger. Nicht immer machen ihm die Mannschaften seine Arbeit auf dem Platz so einfach wie die SG Güsen/Parey und DSG Eintracht Gladau im Kreisoberliga-Duell vom vergangenen Sonnabend, doch der Blick zurück auf die vergangenen 37 Jahre ist keiner im Zorn: „Ich hatte nie ein einschneidendes Erlebnis auf dem Platz. Selbst als damals das Theater um Ostelbien Dornburg herrschte, gab es keine Probleme.“ Zu Beginn der Saison 2015/2016 hatten sich 59 seiner Schiedsrichterkollegen geweigert, die Spiele des von Rechtsextremen durchsetzten Kreisliga-Vereins zu leiten. Krüger zählte zu den sechs Ausnahmen, die es im Kreisfachverband Fußball Jerichower Land (KFV) gab.

Ansage vor dem Anstoß

Viereinhalb Jahre später gibt es fast an jedem Wochenende Meldungen über Beleidigungen und Drohungen bis hin zu körperlichen Übergriffen auf Unparteiische. Den Grund, warum es ihn nie getroffen hat, sieht der 69-Jährige in einem Ritual, wie es auch zuletzt in Parey zu beobachten war. Kurz vor dem Anstoß, bevor beide Mannschaften den Platz betreten, stellt sich Krüger vor den Spielern auf und verbittet sich für die folgenden 90 Minuten jegliche Wortgefechte zwischen Spielern und dem Schiedsrichtergespann, beziehungsweise untereinander. „Ich spreche dann mit besonders lauter Stimme, damit es auch die Trainer am Rand mitbekommen. So wissen gleich alle Bescheid.“ Woche für Woche, Spiel für Spiel und immer mit ähnlichem Wortlaut. „So läuft das“, sagt er.

Dabei schien zu Beginn des Jahres 1981 gar nichts mehr zu laufen im Fußballerleben von Rudolf Krüger. Mit 31 Jahren sorgte ein Schien- und Wadenbeinbruch für das vorzeitige Karriereende, doch er wollte dem Sport weiter verbunden bleiben. So fiel die Wahl schließlich auf die Rolle an der Pfeife und zu Beginn der Spielzeit 1983/1984 leitete er sein erstes Spiel als Schiedsrichter. Wie viele seit her insgesamt dazukommen sind, weiß niemand so recht. Doch allein in den vergangenen 15 Jahren waren es rund 400 Partien als Referee in der Kreisoberliga und Kreisliga, beziehungsweise in denen Krüger als Assistent in der Landesklasse an der Seitenlinie stand. Der Leidenschaft für das Amt konnte dabei auch das Arbeitsleben als Fernfahrer für den Burger Großhandel und später für die Lüning-Gruppe nichts anhaben. „Wenn mich der Ansetzer am Freitagabend gegen 21 Uhr irgendwo auf der Autobahn bei Dortmund angerufen hat und fragte, ob ich ein Problem damit hätte, morgen in Genthin statt in Gommern zu pfeifen, hat mir das nichts ausgemacht.“ Irgendwo wird am Wochenende schließlich immer gespielt. Ohne Unparteiischen geht es nicht und Krüger ist niemand, der sich aus der Verantwortung stiehlt.

Dabei ist der Mangel an Schiedsrichtern kein neues Phänomen. Dass sich vor allem junge Leute kaum mehr für das Schiedsrichterwesen begeistern können, trifft auch den Stegelitzer: „Das Schönste an dieser Tätigkeit ist es eigentlich, das Wissen weiterzugeben und den Schiedsrichter-Novizen etwas beizubringen. Ich betrachte es so auch als Pflicht, meine Linienrichter in einem Spiel zu schützen.“ Eine gut hörbare Ansage vor dem Anstoß schadet da sicher nicht, um die Sinne der Spieler in Sachen Autoritätsverteilung zu schärfen.

Doch liefert der Fußball überhaupt noch genügend Anreize für Unparteiische? Am Freitag vergangener Woche erhielt Krüger im Rahmen der Sportlerehrung des Kreissportbundes Jerichower Land (KSB) den Volksstimme-Ehrenpreis für seine jahrzehntelangen Verdienste. Sicher ein kleiner Beitrag zur Würdigung, doch KSB-Vorsitzender Lutz Lapke brachte das Dilemma bestens auf den Punkt: „Unsere Schiedsrichter stehen eigentlich nur dann im Mittelpunkt, wenn wieder irgendjemand Kritik äußert, der meint, es besser zu wissen.“ Krüger hilft in solchen Momenten vor allem die Erfahrung: „Wenn man früher selbst aktiv war, lässt sich manches nachvollziehen. Daneben gehen auch viele Dinge bei mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus. Die schönste Belohnung ist aber immer noch, wenn die Spieler – egal ob aus der Verlierer- oder Siegermannschaft – nach dem Schlusspfiff zu mir kommen, wir uns die Hand geben und uns zu einem guten Spiel beglückwünschen können.“

Das Spiel seines Lebens

Und dann gibt es ja auch jene Tage wie jenen aus dem Frühjahr 2012. Das Kreispokal-Halbfinale zwischen der SG Blau-Weiß Gerwisch und der SG Blau-Weiß Niegripp „war ohne Frage mein schönstes Erlebnis auf dem Fußballplatz: Freitagabend, rund 400 Leute waren da und haben für eine prächtige Stimmung gesorgt. Nach der Verlängerung stand noch kein Sieger fest.“ Am Ende brauchte es im Elfmeterschießen insgesamt 17 Schützen, ehe die Niegripper den Finaleinzug perfekt machten. Spätestens da weiß man: Nicht nur die unspektakulären, sondern auch arbeitsreiche und lange Tage können im Leben eines Schiedsrichters Spaß

 

machen. Und es braucht auch nicht immer die ganz große Fußballbühne, zuweilen spielt sich auch auf den Dorfsportplätzen echtes Gefühlskino ab.

Rudolf Krüger darf ohnehin zu den Spezies der Lokalpatrioten gezählt werden. Wohin ihn der eigene Lebensweg auch getragen hat, zog es ihn doch immer wieder zurück in den eigenen Geburtsort. Der Vorruheständler ist durch und durch heimatverbunden, wie sich nicht nur anhand der Tatsache zeigt, dass er „seinem“ Club nach wie vor als Mitglied treu geblieben ist. Seit es beim Stegelitzer SV keine Mannschaft mehr gibt, die im Spielbetrieb steht, pfiff er in den vergangenen Jahren für den VfL Gehrden und den SV Blau-Weiß Loburg, die so auf die erforderliche Zahl der zu stellenden Referees kamen und keine Strafzahlungen leisten mussten. SSV-Mitglied blieb Krüger jedoch über all die Zeit hinweg und daneben engagiert er sich auch abseits des grünen Rasens: „Beim Kegelclub in unserem Ort bin ich im Vorstand und als Bahnwart tätig. Zudem sitze ich im Vorstand des Heimatvereins.“

Wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag war bislang rückblickend wohl vor allem gutes Zeitmanagement der Schlüssel, um alle Aktivitäten unter einen Hut zu bringen. Obwohl auch die Pflege der eigenen Eltern auch mit viel Aufwand verbunden ist, denkt Krüger nicht ans Aufhören. „Ich mache als Schiedsrichter so lange weiter, wie es der körperliche Zustand zulässt. Das Gute daran: Man ist immer auch unter Leuten.“ Auch wenn Fußball im Jerichower Land aktuell aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus‘ ruht, einsam dürfte es im Leben von Krüger gewiss nicht werden. Die große Feier zum eigenen runden Jubiläum am 28. März wurde zwar wegen der Virus-Wirren verschoben, doch an der Maxime für ein gutes, glückliches Leben ändert dies nicht das Geringste: „Seit 48 Jahren glücklich verheiratet zu sein, hilft schon eine Menge. Daneben gilt: gesund bleiben und positiv denken.“