Burg l Das Turnier in Ägypten scheint unter keinem guten Stern zu stehen, nachdem sich Corona-Fälle unter den Teilnehmer-Teams häufen. Ist das ganze Unterfangen in Pandemie-Zeiten überhaupt vertretbar? Mischt die DHB-Auswahl bei der Titelvergabe mit? Wir haben uns in der Handball-Gemeinde des Jerichower Landes umgehört.Wenn alles ganz normal verläuft, dürfte Sander Sagosen am 31. Januar die knapp 20 Kilogramm schwere und einen halben Meter hohe Trophäe aus saphirverziertem Gold in Richtung Hallendecke stemmen. Norwegens Handball-Nationalmannschaft gilt als Top-Favorit auf den WM-Titel 2021, ihr Superstar als heißester Anwärter auf die Auszeichnung als wertvollster Turnierspieler. Doch was ist in diesen Tagen schon normal? Sagosen hielt jedenfalls unmittelbar nach der Ankunft am Austragungsort in Ägypten nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg. „Alles bis jetzt war ein großer Witz“, erklärte der 25-Jährige, der sich in den vergangenen Tagen nach eigenem Bekunden in den „Wilden Westen“ versetzt fühlte. So würden im norwegischen Teamhotel in Gizeh, in dem auch die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) untergebracht ist, Menschen ohne Mundschutz ein- und ausgehen. Während der Mahlzeiten herrsche an den Büffets ein regelrechtes Gedränge.

Nur zur Erinnerung: Im Fall von Sagosen beklagt sich kein deutscher Pauschaltourist über Taschendiebe am Strand von Palma de Mallorca oder fremdsprachiges Servicepersonal im Bettenbunker an der türkischen Riviera. Der mutmaßlich beste Rückraumspieler der Neuzeit und die internationale Handballergemeinde wurden vom Weltverband IHF mit einem Versprechen zu den Titelkämpfen in die Wüste geschickt: Trotz des weltweit grassierenden Virus‘ soll die WM nicht zum Superspreader-Event werden. Die Mannschaften würden die zweieinhalb Wochen durch ein ausgeklügeltes Hygienekonzept und regelmäßige Tests wie in einer „Blase“ verbringen. Nun aber scheint es, dass diese schon nach wenigen Tagen ernsthafte Risse erhält.

Zweischneidiges Schwert

„Das größte Risiko ist nun einmal der Start, kurz nachdem die einzelnen Nationen angereist sind. Aber das wird sich einpendeln, wenn alle Tests negativ ausfallen. Dass es womöglich sogar zu einem Abbruch des Turniers kommt, halte ich für unwahrscheinlich“, ist Stefan Bußmann allerdings überzeugt. Der Jugendkoordinator in der Abteilung Handball des SV Eintracht Gommern verfolgt die Spiele in den nächsten Tagen intensiv, betrachtet das Durchpeitschen des Turniers aber mit gemischten Gefühlen: „Ich kann die Tragweite einer Absage nicht einschätzen, aber wenn ich klassisch an die Sache herangehe, erscheint mir die Austragung um jeden Preis als Quatsch. Das kann man dann auch nicht mehr erklären, vor allem nicht den Kindern, die monatelang auf ihren Sport verzichten müssen.“

Auch innerhalb des DHB-Teams hat es in den vergangenen Wochen widersprüchliche Meinungen zum Turnier gegeben. Gestandene Nationalspieler wie Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler, Finn Lemke oder Steffen Weinhold hatten mit Blick auf die Bedenken rund um die Corona-Situation ihre Teilnahme verweigert. „Dass sie nun dafür angeprangert werden, finde ich nicht in Ordnung. Auf der anderen Seite bekommen so auch andere wie Juri Knorr, Antonio Metzner oder Magdeburgs Moritz Preuss eine Chance, sich zu zeigen. Ohne die vorherigen Absagen wäre sie nicht mit dabei gewesen“, erklärt Bußmann.

Auch André Wieneke, Trainer der Nordliga-Frauen vom SV Chemie Genthin freut sich auf das eine oder andere neue Gesicht im DHB-Dress. „Diejenigen, die mitgefahren sind und für Deutschland auflaufen, verdienen meinen Respekt. Dass Spieler wie Wiencek oder Pekeler zuhause bei ihren Familien geblieben sind, verstehe ich auch. Beide Positionen sind nachvollziehbar.“ Unverständnis ruft hingegen auch in Genthin das gesamte Vorhaben, eine Mammut-Weltmeisterschaft in der aktuell angespannten Lage durchführen zu wollen, hervor: „Die Infektionszahlen sind einfach zu hoch und im Umfeld der WM besteht ein erhöhtes Ansteckungsrisiko, wie die beiden Fälle Tschechien und USA gezeigt haben.“

Obwohl bislang nur vermeintlich „kleine“ Handballnationen von Corona-Fällen betroffen sind – auch die Schweiz als Nachrücker oder der deutsche Gruppengegner von den Kapverdischen Inseln meldet inzwischen vereinzelte Fälle – mag es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der eine oder andere Titelanwärter Spieler oder gar das gesamte Team in Quarantäne stecken muss. „Und wenn es die Norweger oder die Dänen trifft? Wer soll dafür nachrücken? Für diesen Fall könnte es im Turnierverlauf sicher die eine oder andere Überraschung geben. Ich wünsche ‚unserem‘ Alfred Gislason jedenfalls den Sieg. Vor allem wenn sich der Kreis der Favoriten sogar etwas ausdünnt, ist etwas drin für Deutschland.“

Für eine von Wienekes Schützlingen, Kapitänin Luisa Schrom, überwiegt dagegen eher der Frust gegenüber der Lust. „Dass die WM überhaupt stattfindet, empfinde ich als unfair gegenüber dem Amateursport. Wir dürfen nicht trainieren, gleichzeitig findet aber so ein Turnier statt, bei dem weitaus mehr Personen im Spiel sind als in den kleinen Hallen, wo der Breitensport darauf wartet, dass es endlich wieder los geht. Daran zeigt sich einmal mehr, dass sich im Sport viel zu viel um das liebe Geld dreht und die Gesundheit hintenan steht.“

Nachdem der Austragungsort Ende 2015 bekannt geworden ist, hält sich schließlich ein Gerücht besonders hartnäckig: Mit der Vergabe der WM nach Ägypten solle Hassan Moustafa, dem umstrittenen Präsidenten des Weltverbandes IHF, ein „Geschenk“ gemacht werden. Dieser hielt bis zuletzt auch an der wahnwitzigen Idee, die Spiele vor Zuschauern in den Hallen stattfinden zu lassen, fest. Erst drei Tage vor Turnierbeginn wurde – nicht zuletzt durch einen Protestbrief der Spieler – durchgesetzt, dass die Ränge leer bleiben. Dass sich am Mittwochabend dennoch Berichten zufolge einige hundert Personen in den „Cairo Stadium Indoors Hall Complex“ zum Eröffnungsspiel zwischen dem Gastgeber und Chile (35:29) verirrt haben sollen, passt nur zu gut ins Bild einer Weltmeisterschaft, die zu den am meisten kritisierten Ereignissen der Handballhistorie gehören dürfte.

Geld oder Gesundheit?

Auf besonders viel Wohlwollen stoßen die Spiele daher auch nicht bei Elke Wiedon. Die Trainerin der Biederitzer Nordliga-Damen findet: „Eine Durchführung des Turniers sendet in Corona-Zeiten das falsche Signal. Die Hygienebedingungen vor Ort sollen nicht entsprechend der europäischen Vorstellungen sein und nicht zuletzt sehen ja auch deutsche Medien von einer Vor-Ort-Berichterstattung ab.“ Die eingangs erwähnte Blase ist in den Augen der Übungsleiterin auch reine Illusion: „Das Konzept wird zwar hoch gelobt, aber bringt ganz sicher nicht die gewünschte Sicherheit. Vielleicht wäre eine Verlegung oder sogar Absage die verantwortungsvollere Entscheidung gewesen. Dies hätte natürlich auch negative Auswirkungen auf den Handball gehabt, aber wir im Breitensport müssen auch mit den Einschränkungen leben.“

Die Entscheidung für die Austragung bleibt ein Politikum. In dieses möchte sich Eric Steinbrecher dann auch nicht einmischen: „Wenn man sich für eine Seite entscheidet, steht man automatisch im Fokus der anderen. Entscheidungsträger will ich da nicht sein müssen“, so der Trainer der Güsener Verbandsliga-Sieben. Anhaltende Kritik hatte es auch ob des aufgebläht wirkenden Teilnehmerfeldes gegeben. Hierzu positioniert sich Steinbrecher etwas eindeutiger: „In Sachen Werbung für den Sport finde ich es gut, dass mehr Teams teilnehmen dürfen. Mit dem Entschluss, 32 statt bisher zwölf oder 24 Mannschaften aufzunehmen, versucht man sich auch populär machen.“ Diesem Vorhaben steht allerdings die fehlende Medienpräsenz der WM entgegen: „Es ist schade, dass abgesehen von den Spielen mit deutscher Beteiligung kaum etwas übertragen wird. Andere Sportarten wie Darts oder Basketball erhalten da merkwürdigerweise den Vorrang.“

Der Blick in den Seitenspiegel zeigt jedoch, dass es auch anderen derzeit nicht besser ergeht. In der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA wurden etwa zuletzt für 63 der insgesamt 550 Spieler positive Corona-Tests gemeldet, zahlreiche Spiele mussten in den vergangenen Wochen abgesagt werden. Ohne die stimmungsvolle Kulisse im Londoner „Ally Pally“ verströmten weite Teile der Darts-WM zum Jahreswechsel tatsächlich nur den Charme einer Sportart, die aus den Hinterzimmern der Kneipen in die Weltöffentlichkeit gezerrt wurde. Und auch das liebste Kind der Deutschen, die Fußball-Bundesliga hat seit Beginn der Krise im vergangenen Jahr mit seinem zweifelhaften Konzept millionenfachen Kredit bei den Fans verspielt. Es scheint demnach, als fehle es dem (Profi)-Sport insgesamt an Lösungen im Umgang mit der Pandemie. Und der Weg zur Normalität dürfte noch ein sehr, sehr langer sein.