Genthin l Zwischen verschwitzten T-Shirts, grauen Jogginghosen und vor hellen Wandfarben sticht der leuchtend blau-rote Farbtupfer in seinen vollen 1,60 Metern natürlich hervor und zieht die Blicke auf sich. Da kommt es dieser Tage schon mal vor, dass Neugierige am Empfangsschalter vom Genthiner „Shivanja Health & Fitness-Studio“ fragen, wer denn die junge Dame im Radsport-Trikot ist, die dort wahlweise an der Beinpresse Kilos wegdrückt oder auf der Rolle virtuelle Kilometer abspult. Hannah Steffen fällt eben auf. Und weil sie das spätestens seit dem vergangenen Jahr auch über die deutschen Radsportgrenzen hinaus und nicht nur wegen des auffälligen Renn-Outfits tut, fragen im „Shivanja“ eigentlich nur noch die wenigsten. Gibt es überhaupt noch einen Genthiner, der die 17-Jährige nicht kennt?

2016 hat Hannah ihre heimische Kanalstadt hinaus in die Welt getragen. Erst bei der Straßen-Europameisterschaft im französischen Plumelec, wenig später dann auch bei der WM im Wüstenstaat Katar. Und 2017? Wirft seine Schatten voraus, weshalb Hannah und ihr Trainer Wolfgang Fischbach bei der Saisonvorbereitung nichts dem Zufall überlassen. „Bei einem Bundesligarennen oder der WM fragt keiner ‚Unter was für Bedingungen trainierst du denn so? Da zählt allein die Leistung“, gibt Fischbach zu verstehen.

Als der Übungsleiter kürzlich den Kraftraum im Seedorfer Weg, wo der Genthiner RC 66 seit je her seine Zelte aufgeschlagen hat, betrat und ihm wenig kuschelige 14 Grad Celsius entgegenschlugen, wurde es Zeit für andere Bedingungen. Also fragte Fischbach im „Shivanja“-Studio von Maik und Anja Sauer an und stieß auf offene Ohren. Die beiden Betreiber und ihr Team öffnen Hannah quasi als Sponsoringmaßnahme bis zu fünfmal pro Woche die Türen, bieten qualifizierte Anleitung sowie moderne Technik und leisten so einen enormen Beitrag zum Grundlagentraining. „Wir unterstützen natürlich gern und bieten unsere Hilfe beim Kraft- und Ganzkörpertraining an. Vor allem auf der Ebene, auf der sich Hannah inzwischen bewegt“, erklärt Maik Sauer.

Internationales Top-Niveau im Juniorinnenbereich steht in großen Lettern auf dieser Ebene. So ist der Auftakt zur Rad-Bundesliga am 20. Mai im bayerischen Attenzell – zugleich deutsche Bergfahrmeisterschaft – ebenso für Hannah ein Fixpunkt im Kalender wie die Bahnrad-WM in Hongkong (12. bis 16. April) und die Straßen-WM im norwegischen Bergen (17. bis 24. September). „Diesmal darf es dann auch ein bisschen über Platz 40 hinausgehen“, sagt sie selbstbewusst.

Der Stress beginnt jetzt

Während Trainer Fischbach darauf achtet, dass im „älteren“, dem zweiten U 19-Jahr nicht zu viel Druck von außen auf seinen Schützling herangetragen wird, verlangt in diesem Jahr auch das Leben abseits des Sports eine Menge von Hannah ab. Neben der Führerscheinprüfung büffelt die 17-Jährige vordergründig für das Abitur, für das sie einen Notendurchschnitt von 2,0 anpeilt. „Die stressigste Phase läuft eigentlich jetzt mit den Vorprüfungen. Der Weg zur Schule ist zugleich mein Training am Morgen, dann stehen fünfstündige Klausuren an und nachmittags geht es ins Fitnessstudio oder zum Training auf die Straße“, erklärt Hannah ihre tägliche Routine. Entschuldigung, aber hat Ihr Tag etwa 28 Stunden, Frau Steffen? „Nein, aber ich habe ein gutes Zeitmanagement.“

Während viele Altersgenossen also ihre freie Zeit auf Facebook, YouTube und Co. totschlagen, hat Hannah bereits am Sonnabend einen KLD-Test (komplexe Leistungsdiagnostik) in Frankfurt/Oder und das nächste Trainingslager in zwei Wochen auf Mallorca vor sich. „Da zeigt sich dann bereits, wer im Winter fleißig war und wer nicht“, so Fischbach. Zu welcher Kategorie seine Fahrerin gehört? Keine Frage: zu denen, die durch Leistung auffallen.