Genthin l Was leisten eigentlich Athleten auf dem Rasen, Parkett, am Tisch, der Tartan- oder Kegelbahn? Häufig erwischen wir uns beim Kritisieren – ganz so, als ob der Profi in uns steckt und nur darauf wartet, geweckt zu werden, um es diesen Amateuren zu zeigen. Gleichsam verhält es sich mit Schiedsrichterleistungen. Mag sein, dass der Referee regelkonform entschieden hat. Für die eine Hälfte der Fans ist es trotzdem nicht zufriedenstellend. Diese weiß dann natürlich auch sofort, wo sein Auto steht und welchen Heizwert das Gefährt besitzt.

In solchen Momenten brodelt es in mir. Nur allzu gern würde ich die lautstark schimpfenden und vor allem schief singenden Zaungäste ermuntern, den Selbstversuch zu wagen. 90 Minuten den Überblick behalten, 22 Spieler nach der eigenen Pfeife tanzen lassen und dafür Sorge tragen, dass das ganze Testosteron nicht überschwappt und nur der Ball im Tor, aber nicht das Knie auf dem gegnerischen Oberschenkel landet. Plus – und nun kommt es – Ausdauer und für ein gesamtes Spiel mitzubringen und nicht nach fünf Minuten bereits prustend in der Ecke zu stehen. Ganz egal, in welcher Sportart: Besser machen, lautet die Devise.

Nicht meckern, sondern machen!

Aus diesem Grund stehe ich nun auch auf dem Sportplatz in Genthin und will das Deutsche Sportabzeichen ablegen. Sascha Rasch, Trainer der GRC-Radsportler, hat mir vor einigen Wochen, als seine Töchter diesen sportlichen Test schon absolviert haben, gesagt, dass eine gewisse Athletik für Radsportler unerlässlich ist. Das unterschreibe ich und gehe noch einen Schritt weiter: Körperliche Fitness ist wichtig für jeden – ob Sportler oder nicht.

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Das deutsche Sportabzeichen ist die Auszeichnung im Breitensport, mit der die physische Leistungsfähigkeit von Millionen geprüft wird und nach erfolgreicher Teilnahme mit Bronze, Silber oder Gold ausgezeichnet wird. Heute bin ich dran und stelle mich diesem qualifizierten Leistungs-Check unter Fritz Mund, dem Vereinsvorsitzenden des SV Chemie Genthin. Mit mir sind es elf Teilnehmer, viele davon offensichtlich Polizeianwärter. Beim Blick nach links und rechts merke ich, dass sie zweifellos sportlich sind und langsam befällt mich ein wenig die Sorge. Sind die Anforderungen ohne weitere Vorbereitung überhaupt realisierbar oder werde ich mich blamieren?

Es muss ja irgendwie möglich sein, immerhin bewegen wir uns im Breitensport und nicht unter den Profis. So absolvieren wir zunächst das Warmlaufen in einer kleinen Gruppe. Zwei von ihnen möchten die Laufbahn als Polizist einschlagen, erfahre ich im Gespräch. Die Dritte ist Triathletin. Und dann bin da noch ich, der Vertreter der schreibenden Zunft. Nach dem Warm-up finden wir uns zur ersten Disziplin ein, der 100-Meter-Sprint. Mein letzter liegt unzählige Jahre zurück und hinterließ eine unangenehme Zerrung im Oberschenkel. Meine Nachbarin auf der Nebenbahn erweist sich als gute Sprinterin, doch ich überquere noch vor ihr die Ziellinie. Ohne Zerrung und nach 16,1 Sekunden. Kein Usain-Bolt-Niveau, aber auch nicht zum Schämen schlecht. Die erste Disziplin schließe ich jedenfalls schon mal innerhalb der Gold-Norm ab und die Aufregung lässt merklich nach.

Ein Anfang ist gemacht

Anschließend bewegt sich unser Grüppchen zur Weitsprunganlage. Hier liegt die Messlatte schon etwas höher. 3,80 Meter werden für eine weitere Gold-Wertung eingefordert. Früher war das problemlos machbar. Heute fehlt mindestens der abgemessene Anlauf, um den optimalen Absprung auf dem Brett zu schaffen und keine wertvollen Zentimeter zu verschenken. Drei Versuche reichen dafür kaum aus und trotz eines schnellen Anlaufs mit anschließender Flugphase, die mir wie ein kleiner Sprung in den Orbit vorkommt, erreiche ich nur annähernd 2,80 Meter. Siegfried Hünecke von den LTV-Triathleten, der neben der Absprungzone steht, klärt mich auf: Ich bin zu früh abgehoben und habe weit über einen Meter verschenkt.

So gewinne ich keinen Blumentopf. Tröstlich ist aber, dass es am Anlauf liegt und nicht am Sprung selbst. Alternativ, so bietet mir Fritz Mund an, können diejenigen, welche die entsprechende Weite nicht erreicht haben, aufs Seilspringen ausweichen. 20 Sprünge mit überkreuzten Armen sind eine machbare Aufgabe und damit sind weitere wichtige Punkte gesichert. Ja, das goldene Abzeichen soll es sein. Mein Ehrgeiz ist spätestens jetzt geweckt. In den Wurfdisziplinen fällt meine Wahl anschließend auf den Medizinball. Auch hier regnet es die notwendigen Punkte. In schlechter Verfassung bin ich keineswegs und freue mich über den unerwarteten Erfolg.

Mein Höhenflug wird gebremst, als Fritz Mund zum abschließenden 3000-Meter-Lauf bittet, den ich irgendwie die ganze Zeit verdrängt habe. Als der Aufruf zum Start ertönt, bin ich kurz davor abzubrechen. Drei Kilometer entsprechen siebeneinhalb Runden Im-Kreis-Laufen, das durch meine immer noch fehlende Kondition nicht gerade versüßt wird. Wie soll ich das schaffen? Nebenan erklärt Siegfried Hünecke in Richtung von Jenny Weinmann: „Du musst die nicht laufen. Dafür nehmen wir einen Wert aus der Saison.“ Ich spitze die Ohren und beneide sie glühend. Offenbar bemerkt sie meine Blicke und ermutigt mich lächelnd: „Du schaffst das.“ Ich weiß mir nicht anders zu helfen und frage: „Läufst du mit mir? Ich schaffe das eher nicht.“

Auf Gold-Kurs

Nach kurzem Zögern finden wir uns beide auf der Aschebahn ein. Siebeneinhalb Runden läuft sie an meiner Seite, passt sich meinem Tempo an und gibt Hinweise zur richtigen Atmung. Für eine geübte Läuferin und Triathletin eine leichte Sache, für mich ein enormer Prüfstein. Ohne Jenny hätte ich die 3000 Meter jedenfalls nicht durchgehalten, wäre wahrscheinlich nicht mal angetreten. Und ganz sicher hätte ich mit einer Zeit von 19:51 Minuten nicht das Bronze-Kriterium erfüllt.

Dass ich mich im Ausdauerbereich, an dem ich seit Wochen feile, mit einer mittelprächtigen Zeit zufriedengeben muss, ärgert mich ein wenig. Auf der anderen Seite freue ich mich aber über meine kleine Meisterleistung, in allen anderen Bereichen die Norm für Gold erfüllt zu haben. So stelle ich mir übrigens auch das Athleten-Dasein vor. Sportler arbeiten hart und gewinnen trotzdem nicht jeden Wettkampf. Aber nach einem Rückschlag ergibt sich auch immer die Möglichkeit auf den Sieg. So ist das silberne Abzeichen mein Unentschieden und beim nächsten Mal hole ich Gold! Und noch etwas nehme ich vom Selbstversuch mit: Neben Motivation ist auch Unterstützung wichtig. Damit lassen sich vielleicht keine Berge versetzen, aber 3000 Meter unter 20 Minuten bewältigen.