Gommern (bjr) l Welches ihrer zwei Gesichter seine Mannschaft in den nächsten Minuten eines Spiels zeigen wird, kann Dirk Heinreichs inzwischen ziemlich genau erahnen. Seit knapp zweieinhalb Jahren trainiert er die Handballer des SV Eintracht Gommern. Auf dem Weg von der Verbands- in die Sachsen-Anhalt-Liga war die Launenhaftigkeit der eigenen Leistung ständiger Begleiter. Diese Unberechenbarkeit war zwar nie besonders angenehm, doch irgendwie haben Team und Trainer gelernt, mit ihr umzugehen. In dieser schwierigen zweiten Saison im Handball-Oberhaus des Landes scheint die Eintracht allerdings nur noch die Extreme zu kennen. Die Leistung im Heimspiel vom vergangenen Sonnabend gegen den BSV 93 Magdeburg bewegte sich so über weite Strecken im Bereich „haarsträubend“, ehe in den letzten zehn Minuten auch unter Mithilfe der Gäste der Kampfgeist erwachte. „Da gibt es Szenen, in denen ein Trainer denkt: ‚Wow‘. In anderen Momenten denkt man nur ‚Oh mein Gott‘.“

Letzterer Stoßseufzer entfuhr dem Coach gegen den BSV 93 vor allem in der Anfangsphase mehrfach. „Wir haben in den ersten 20 Minuten auf dem Weg nach vorn reihenweise Bälle vertändelt.“ Die Ursachen dafür mögen vielschichtig sein. In erster Linie führten die Gommeraner zuletzt das konstante Verletzungspech in dieser Spielzeit an. Die Auswirkungen machten sich auch im Training bemerkbar. So fehlten in der Vorwoche bei der Dienstagseinheit sage und schreibe acht Akteure wegen Verletzung oder beruflicher Verpflichtungen. Auch am Donnerstag konnte mit minimaler Besetzung von vier Aktiven nur das Kleinstgruppenspiel geübt werden. Von einer Erprobung des „Ernstfalls Punktspiel“ konnte freilich keine Rede sein.

Zusätzlich zum personellen Handicap und erschwerten Bedingungen bei der wöchentlichen Vorbereitung machte Heinrichs jedoch am Sonnabend erstmals einen neuen Hemmschuh aus: „Wir haben es bislang immer vermieden, von einer Drucksituation, die durch die angespannte Lage in der Tabelle entsteht, zu sprechen. Bei manchen Aktionen konnte man den Eindruck erhalten, das die Jungs zu viel wollten. Der unausgesprochene Druck, punkten zu müssen, war allgegenwärtig.“

Die Hoffnung auf zählbaren Erfolg war trotz des konsequenten Rückstands über 59 Minuten aber ebenso präsent. „Wenn noch zwei Minuten zu spielen sind und wir mit sechs Treffern zurücklegen, können wir ein Spiel vielleicht abhaken. Vorher glaube ich nicht an eine Niederlage.“ Anzeichen von Resignation suchte man so schließlich auch bei den Spielern vergeblich. Stattdessen zogen sie sich immer wieder an den wenigen gelungenen Angriffen und vor allem an Paraden von Torhüter Marcus Sindermann hoch.

Der Faktor Druck spielte jedenfalls nur noch einmal eine Rolle: als er sich in reinen Jubel verwandelte, nachdem Sven Herrmann den spielentscheidenden Siebenmeter fünf Sekunden vor Ultimo zur Punkteteilung im Gästetor untergebracht hatte. Ob sich die Verkrampfung aber gleich auf längere Sicht verabschiedet hat, bleibt abzuwarten. Wohl frühestens zum Hinrunden- ende Mitte Januar 2016 ließe sich dazu ein vollständiges Bild zeichnen. Bis dahin stehen noch fünf Partien auf dem Programm, mit den Duellen in Landsberg und daheim gegen Seehausen folgen in den kommenden beiden Wochen zwei eminent wichtige Spiele gegen unmittelbare Konkurrenten. Auch Heinrichs wollte sich deshalb am Sonnabend zu keiner hieb- und stichfesten Aussage hinreißen lassen, ob sein Team nun befreiter aufspielen kann: „Wir haben bisher immer den Klassenerhalt in den Vordergrund gerückt. Vielleicht sollten wir aber noch darüber den Spaß am Handball stellen.“