Halberstadt l Seit vielen Jahren ist sie Abteilungsleiterin beim VfB Germania, seit 1973 Cheftrainerin mit C-Lizenz und Kampfrichterin mit Landeslizenz Stufe B.

 Eines ihres „Babys“ ist das jährliche Schauturnen vor Weihnachten, das dieses Jahr ausfällt. Auch darüber sprach Sportredakteur Florian Bortfeldt mit der 63-Jährigen.

Volksstimme: Seit Anfang November befinden wir uns alle im „Lockdown light“. Das beinhaltet auch den Trainings- und Wettkampfstopp. Wie stehen Sie dazu?

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Sieglinde Müller: Ich finde es nicht schön, weil es ja ohnehin schon durch Corona Extra-Vorschriften und Verordnungen gab. Wir haben strenge Hygienekonzepte erarbeitet, um wieder trainieren zu können. Unverständlich ist es auch, weil die Kinder zum großen Teil alle gemeinsam zur Schule gehen, da bis 16 Uhr sind. Aber ab 16 Uhr dürfen sie dann nicht mehr bei uns trainieren. Das ist eigenartig. An den Sportgeräten, wie zum Beispiel dem Barren, kann sowieso immer nur ein Kind turnen. Klar gibt es auch Gruppenübungen, aber da haben wir auch auf alles geachtet.

Die Schlussfolgerung, dass das so beliebte Schauturnen in der Sporthalle „Völkerfreundschaft“, welches am 13. Dezember stattfinden sollte, auch wegen der verordneten Trainingspause abgesagt wurde, ist richtig?

Ja. Denn das Trainieren und Üben ist ja das A und O. So ein umfangreiches Programm ist nicht kurzfristig vorzubereiten. Es ist ja insgesamt ein großer Aufwand, mit allem was dazu gehört. Unter den aktuellen Bedingungen wäre die Veranstaltung aber ohnehin nicht mehr durchführbar gewesen.

So weit ich weiß, lag ja auch ein Zuschauerkonzept vor, so wie es die Handballer in der „Völkerfreundschaft“ bei Heimspielen zu beachten hatten. Wie sah das aus?

Die Sporthalle war zu unserer Veranstaltung immer knackevoll, mit rund 400 Zuschauern. Das wäre in diesen Zeiten nicht mehr möglich gewesen, völlig logisch. Maximal 100 sollten zugelassen werden, die bis vor dem „Lockdown light“ in die Halle gedurft hätten. Abgesehen von der insgesamt unbefriedigenden Situation, bei dieser Anzahl hätten wir womöglich zusätzliche organisatorische Probleme bekommen: Welche Eltern und Großeltern und Familienmitglieder dürfen rein, welche nicht. Denn ob 100 oder 400 Leute – das ist ja schon ein großer Unterschied.

Man merkt Ihnen die Ernüchterung an.

Ich bin sehr enttäuscht. Ich bin gesund und möchte mit den Kindern trainieren. Die Kinder möchten das und brauchen das. Ich bin kurz vor der Rente, muss schon jetzt nicht mehr zur Arbeit und habe darum wenige Kontakte zu anderen Menschen. Es sind bisher keine Infektionsfälle bei uns gewesen. Es gab ja wie gesagt Hygienemaßnahmen, von der Stadt lagen Konzepte vor, die einzuhalten waren und die wir eingehalten haben: ein separater Ein- und Ausgang, jedes Kind auf einer eigenen Matte mit eigener Auflage, lüften und so weiter. Das waren um die 20 Punkte. Wir haben das berücksichtigt. Thomas Waldow (Geschäftsstellenleiter VfB Germania/d. Red.) hat uns bei der Umsetzung fleißig unterstützt. Aufgrund einer Sondergenehmigung durften wir schon früh wieder in die Halle. Zwar mit weniger Kindern, aber trotzdem hatte jeder die Möglichkeit, eine Stunde lang zu trainieren. Es war alles organisiert.

Spüren Sie, dass durch die erneute Pause einige der Kinder vielleicht gar nicht mehr das Interesse am Turnen haben, wie es sonst der Fall ist? Kurzum, meinen Sie, die Mitgliedszahlen bleiben nach diesem „Stresstest“ auf einem gleichen Niveau?

Wie gesagt konnten wir als Abteilung Turnen schon sehr früh wieder in die Halle und konnten so wieder das Training anbieten. Wir haben sogar im Juli und August als Ausgleich weitergemacht, wo wir sonst aufgrund der Ferien pausieren. Bisher ist es so, dass der überwiegende Teil einfach wieder trainieren möchte. Die Eltern sind da genauso interessiert dran. Nach dem ersten Lockdown zeigte sich das bereits. Trotz der Umstände, wie den Gesundheitszettel ausfüllen, klappte das gut und alle waren weiter mit Freude dabei.

So gab es sogar noch einen Wettkampf, an dem Sie und die jüngsten Turnerinnen im Oktober teilnehmen konnten...

Genau. Der traditionelle Bummiwettkampf in Bitterfeld. Auch dort haben die Organisatoren mit einem riesigen Aufwand die Durchführung sichergestellt. Alle Teilnehmer mussten sich in Listen eintragen und vieles beachten, desinfizieren etc. Das wird unser einziger Wettstreit in diesem Jahr gewesen sein.

Apropos Organisation. Sie starten quasi immer direkt nach dem traditionellen Schauturnen im Dezember mit der Organisation der kommenden Auflage. Wie weit waren sie da in diesem Jahr fortgeschritten?

Wissen Sie, es wäre ja sogar das 25. Jubiläum gewesen. Im Grunde war alles organisiert, bis auf die Musik. Die mussten wir streichen beziehungsweise der Band aufgrund der Corona-Regeln absagen. Als Alternative dachte ich an Gedichte, die parallel zum Turnen vorgetragen werden sollten. Grundsätzlich geht es im Januar eines Jahres mit der Planung los. Da gilt es die Sporthalle zu reservieren. Der Ablauf und die Choreografie standen. Die Kostüme kann man auch nicht erst kurz vorher nähen. Die Ankündigungsplakate waren fertig, zum Glück noch nicht im Druck. Der Vorverkauf wäre vor wenigen Tagen angelaufen.

In welche Richtung sollte es thematisch am 13. Dezember gehen?

Märchen, aber auch mit Pumuckl und Pippi Langstrumpf. Alles kindgerecht auf jeden Fall. Das Ganze dient ja auch immer dazu, Danke zu sagen. Unsere Kinder und Trainer*innen bekommen immer kleine Präsente. Wir müssen uns etwas überlegen, dass trotzdem jeder eine Kleinigkeit bekommt.

Ist die Absage jetzt Ansporn für Sie oder fährt es der Motivation und dem Eigenantrieb mächtig in die Parade?

Jetzt erst recht! Solche Absagen betreffen ja viele Veranstaltungen. Ich mache das jetzt seit 40 Jahren als Trainerin. So etwas habe ich zwar noch nie erlebt, so soll es aber nicht enden. Wenn ich gesund bleibe, dann gibt es eben 2021 die Jubiläumsauflage.