Magdeburg l Deshalb gönnt sie dieses Ereignis auch ihrer Mannschaft vom TuS 1860 Magdeburg-Neustadt. „Das hat sie sich verdient“, sagt sie. Nur aufsteigen möchte die 32-Jährige nicht mehr.

Meisterschaft soll gefeiert werden

Jenny Friese hat da eine ziemlich genaue Vorstellung von der Saisonabschlussfeier. Darin treffen sich dann alle Handballerinnen vom TuS 1860 Magdeburg-Neustadt, alle Fans und die Fußballer des Vereins vor der heimischen Halle, lassen eine Flasche „Berliner Luft“ kreisen, heizen den Grill an. Irgendwo in der Ecke steht das Kassettenabspielgerät, das vom Musikminister der Mannschaft bedient wird. Und irgendwann, zu sehr später Stunde, beginnt womöglich noch die Karaokeparty.

Sollte also irgendwann, wahlweise an einem lauen Frühlings- oder Sommerabend nach der überstandenen Corona-Krise, ein Ensemble aus lauter Sopran- oder Alt-Stimmen wie jene von Jenny Friese ein „We are the champions“ von Queen in den Himmel über Magdeburg schmettern, muss sich niemand in der näheren Umgebung der Sporthalle an der Nachtweide wundern: Die Damen von TuS 1860 feiern dann ihre Landesmeisterschaft und den potenziellen Aufstieg in die Mitteldeutsche Oberliga.

Aufstieg persönlich kein Thema

Wobei es bei Letzterem einen Friese-Haken gibt: „Wenn es nach mir geht, möchte ich nicht mehr in der Mitteldeutschen Oberliga spielen, die Sachsen-Anhalt-Liga reicht mir. Ich habe eine Familie und eine große Verantwortung in meinem Beruf, beides füllt mich aus. Und das Niveau in der die Sachsen-Anhalt-Liga hat in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen“, sagt Friese, verheiratet mit Maik, zwei gemeinsame Söhne.

Das bessere Niveau resultiert natürlich auch aus dem Spiel einer Jenny Friese, die früher einmal Arens hieß, die über TuS zum ehemaligen HSC 2000 kam, dann als 18-Jährige zum HSV Haldensleben geholt und sogleich Landesmeister wurde, seither die Rückennummer 18 nicht mehr abgibt. Sie stieg zudem in die Regionalliga und in die 3. Bundesliga auf. Aus dieser Zeit hat sie jede Menge Erfahrung mitgenommen, jede Menge Qualität, die sich natürlich auch bei den Gegnern rumgesprochen hat. „Wir wetten immer vor dem Spiel, ob eine Manndeckung gegen mich gestellt wird“, berichtet sie.

Torjägerin vom Dienst

Das kann man der Konkurrenz wirklich nicht verdenken. Jenny Friese, 32 Jahre jung, hat in der vergangenen Saison 168 Treffer erzielt und war damit beste Schützin der Sachsen-Anhalt-Liga. Sie hat zugleich den Wunsch ihres Mannes erfüllt, der auch in dieser Saison ihr gerne das Versprechen abgerungen hätte, letztlich wieder an der Spitze zu stehen. Aber darauf hat sie sich diesmal nicht eingelassen. Und das war ganz gut so. Denn nachdem die Saison durch den Handballverband Sachsen-Anhalt (HVSA) vorzeitig beendet wurde, ist Friese Zweite in der Liste mit 117 Treffern hinter Anja Muth vom Post SV (119).

Friese grämt sich deshalb nicht. Sie freut sich für einige Mädels aus ihrer Mannschaft, die „noch nie Landesmeister geworden sind“. Und um die Mannschaft geht es Friese immer. „Ohne sie und die Zuspiele würde ich auch nicht so viele Tore werfen“, betont Friese, die in diesen Tagen, da sie vom Coronavirus zum Homeoffice und zur Trainingspause gezwungen wird, die „Mädels schon sehr vermisst“. Und das Spiel an sich. Und die Gespräche darüber nach der Schlusssirene, die manchmal so lange dauern, dass Maik erst die Kinder ins Bett und dann sich selbst auf die Couch gebracht hat, bevor die Dame des Hauses über die Schwelle der Wohnungstür getreten ist. Und natürlich fehlen ihr die Diskussionen – wie mit Trainer Wolfgang Matzat.

Wenn sie nämlich über eine ihrer Schwächen reden muss, dann führt sie allein ihren Diskussionsbedarf an. „Ich war schon immer so, musste wissen, warum, weshalb und wieso wir so oder so spielen“, berichtet sie lachend. Und warum, weshalb und wieso Schiedsrichter so oder so entschieden haben, wenn sie mit ihrer Stärke – der direkte Zweikampf – mal gescheitert ist. Ansonsten aber ist Matzat wirklich froh, eine Jenny Friese zu haben. Wo er sie einsetzt? „Im Rückraum, überall. Und auf Außen“, berichtet sie.

So hatte also auch der Coach eine ganz genaue Vorstellung in der nun abgelaufenen Saison davon, wie und wo sein Dreh- und Angelpunkt im Spiel dem Team zum Erfolg verhelfen kann. Und der Erfolg ist nach dem Pokalsieg 2019 nun die Landesmeisterschaft, auch wenn Trainer Matzat und Friese die Saison gerne sportlich zum Abschluss gebracht hätten. Die Abschlussparty wird in jedem Fall kommen. Wahlweise an einem lauen Frühlings- oder Sommerabend. Mit Musikminister. Und mit Gesang: „We are the champions.“