Magdeburg l Es waren noch keine fünf Minuten zwischen den Landesklasse-Teams Germania Olvenstedt und Vorfläming Nedlitz gespielt. Da gab es einen Elfmeter. Unberechtigt, wie sich alle Spieler beider Mannschaften einig waren. Darum schoss Germania-Kapitän Sebastian Gasch anschließend absichtlich daneben. Der Gastgeber gewann die praktisch bedeutungslose Partie des vorletzten Spieltages dennoch mit 3:2. Am Ende wurde Germania Fünfter, Nedlitz Siebter.

Schiedsrichter Andreas Zepter wollte weiterspielen lassen, doch sein junger Assistent „wedelte“ mit der Fahne. Zepter unterbrach das Spiel und gab Elfmeter für Olvenstedt. Was Zepter später auf Nachfrage berichtete, macht mit einem Schlag die ganze Misere im Schiedsrichterwesen Sachsen-Anhalts deutlich.

Pfiff macht Misere deutlich

„Klar hätte ich meinen Assistenten nach Rücksprache überstimmen können. Aber es waren noch keine fünf Minuten gespielt und es gab in dieser Szene ja einen Körperkontakt. Damit war es keine klare Fehlentscheidung. Ich wollte den jungen Mann an der Linie, gerade mal 17, mit dem ich noch nie zusammen angesetzt war, nicht bloßstellen. Sonst hätte er doch die nächsten 85 Minuten bei jeder Entscheidung weiche Knie bekommen. Später vielleicht in der Kabine die Brocken ganz hingeschmissen und seine noch junge Schiedsrichterlaufbahn früh beendet“, beschrieb der Referee aus Gommern die Szenerie.

Dass der erfahrene Zepter sich so vehement für seinen jungen Kollegen einsetzte, hat Ursachen. Denn im Land fehlt es an Schiedsrichtern, wird dringend Nachwuchs gesucht. Markus Scheibel, früher selbst Bundesliga-Referee und im Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA) zuständig für den Spielbetrieb und das Schiedsrichterwesen, kennt die aktuellen Zahlen.

Hunderte Referees zu wenig

Im Land gibt es 1489 Schiedsrichter. Davon sind 246 unter 18 Jahren alt, 63 schon über 70. Benötigt werden deutlich mehr. Abgefangen wird das Minus derzeit auch durch Mehr- fachansetzungen von Schiedsrichtern an einem Wochenende. „Ich kenne Schiedsrichter, die pfeifen 120 Spiele im Jahr . Der älteste aktive Schiedsrichter ist 83, pfeift allerdings nur noch auf Kreisebene. Im Land beträgt die Altersgrenze 65 Jahre, in der Verbandsliga 50“, sagt Scheibel.

Perspektivisch wolle der FSA auf 1800 bis 2000 Schiedsrichter kommen. „Doch das ist ein langer und schwieriger Weg bis dahin“, weiß Scheibel. „Auf Landesebene setzen wir für jedes Spiel einen Schiedsrichter und zwei Assistenten an. In den Spielklassen darunter wird es aber schon mal eng, fehlt des Öfteren der Assistent an der Linie“, berichtet der FSA-Funktionär.

In den zurückliegenden Jahren hat der FSA in Zusammenarbeit mit seinen Kreis- und Stadtfachverbänden einiges auf die Beine gestellt, um neue, vor allem junge Schiedsrichter zu gewinnen. Die Aufwandsentschädigung wurde vor zwei Jahren erhöht. Aktuell bekommen Schiedsrichter in der Verbandsliga 50 Euro pro Einsatz. Die Assistenten an den Seitenlinien immerhin noch 40 Euro. In der Landesliga sind es 40 (30) und in der Landesklasse 30 (25) Euro. Dazu kommen noch die Fahrtkosten. Scheibel: „Damit haben wir im Osten den höchsten Vergütungssatz.“

Strafen kein Allheilmittel

Seit einiger Zeit werden die Schiedsrichterkosten im Land aus dem sogenannten Vereins-Pool bezahlt. Dadurch werden die anfallenden Kosten am Saisonende auf alle Vereine zu gleichen Anteilen verteilt. Diskutiert werden dagegen an der Basis die drastischen Strafen, die der FSA von Vereinen fordert, die zu wenige Schiedsrichter stellen.

Für jede Mannschaft auf Landesebene müssen drei Schiedsrichter gestellt werden, für jede weitere Mannschaft ein Referee. Wird die Vorgabe nicht erreicht, müssen die Vereine zahlen. „Es gibt Landesligisten, die mussten in der abgelaufenen Saison 4000 Euro zahlen“, rechnet Scheibel vor.

Punktabzug und Ausbildungsentschädigung

Der hat noch ein weiteres „Erziehungsmittel“ in Hinterhand hat: „Da viele Vereine immer noch zu spät aufwachen, soll es künftig wie in Sachsen schon praktiziert Punktabzüge für fehlende Schiedsrichter geben.“

Inzwischen muss für neue Schiedsrichter bei einem Vereinswechsel eine Ausbildungsentschädigung von bis zu 300 Euro gezahlt werden, um das gegenseitige Abwerben von Referees einzudämmen.

Das alles bringt zwar Geld für den Verband und die Vereine, aber keinen einzigen Schiedsrichter mehr. Darum hofft Scheibel, dass der für Mitte Juli an der Landessportschule in Osterburg geplante Lehrgang für junge Schiedsrichter-Einsteiger keine Eintagsfliege bleibt. Bei dem Projekt „Junior-Schiedsrichter“ teilen sich der FSA und die beteiligten Kreisverbände die Kosten. 30 junge Leute werden teilnehmen. Und hoffentlich bei der Fahne bleiben, wie der junge Assistent von Schiri Zepter kürzlich in Olvenstedt.