Sabaudia/Magdeburg l In seiner Freizeit am Abend, die Dämmerung war längst über Sabaudia hineingebrochen, hat sich Felix Gebhardt seiner zweiten Leidenschaft hingegeben. So stand er also am Strand, warf die Angelrute ins Mittelmeer hinaus. In der Hoffnung, einen Exoten des Gewässers an Land zu ziehen. Bislang hat der 21-Jährige vom SC Magdeburg vor allem die Elbe beangelt. Sein Rekord: ein Hecht von 1,02 Metern Länge. Ein dicker Fisch sozusagen. Aber das reicht dem Kanuten in der nächsten Saison nicht. „Dicke Fische und dicke Erfolge will ich aus dem Wasser ziehen“, betont Gebhardt. Letzteres blieb ihm nämlich bislang verwehrt.

In seiner bisherigen Junioren- und U-23-Karriere saß regelmäßig ein blinder Passagier namens Pech im Canadier-Zweier, den Gebhardt seit 2014 bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften fährt – erst mit Conrad Scheibner, seit 2015 mit Fabian Dietrich. Einmal ist er Siebter, viermal ist er Vierter bei den Höhepunkten geworden.

Eine Zehntelsekunde fehlt

Wie am ersten Juli-Sonntag des Jahres bei der EM in Auronzo di Cadore in Italien, als das Duo eine Medaille über die 1000 Meter um eine Zehntelsekunde verpasste. Und woraus dann Gebhardt trotzdem Motivation gezogen hat für die nächste Saison, hat seinen Partner aus Potsdam ziemlich deprimiert. Denn: Ohne Medaille kein Platz in der Sportförderung der Bundeswehr, damit keine finanzielle Absicherung. Dietrich hat seine Konsequenzen gezogen und die Karriere beendet.

Dieses Szenario kam Gebhardt gar nicht in den Sinn: „Das war ja ein Top-Rennen von uns, nach dem wir im Vorlauf und Zwischenlauf unsere Schwierigkeiten hatten. Die ersten vier Boote sind innerhalb einer Sekunde ins Ziel gekommen. Und wir hatten auch einfach Pech. Deshalb habe ich das Ergebnis auch ziemlich schnell weggesteckt.“ Und sich den neuen Zielen gewidmet, auf die er sich derzeit im italienischen Sabaudia vorbereitet.

Gebhardt ist zwar in keiner Fördergruppe, Gebhardt arbeitet bei der Bundesnetzagentur. Der gebürtige Wolmirstedter hat das große Glück, dass ihm sein Arbeitgeber das nötige Training ermöglicht. Aber eine EM-Medaille hätte auch ihm finanziell einiges erspart.

Pitesti ist das Ziel

Bei Edelmetall hätte er nur mit 30 Prozent in Eigenleistung gehen müssen für die Teilnahme an solchen Lehrgängen, den Rest hätte der Deutsche Kanuverband (DKV) abgesichert. Sabaudia musste er also komplett aus der eigenen Tasche bezahlen. Er hat sich dort der Sportfördergruppe der Bundespolizei, zu der auch Julia Hergert vom SCM gehört, angeschlossen. 73 Euro pro Tag, zwei Wochen lang. Dank seiner Sponsoren darf er nun kostenlos für seine Ziele paddeln und in seiner beschränkten Freizeit im Mittelmeer angeln.

Während Gebhardt beim Fischen mentale Kraft tankt, holt er sich die physische Stärke übers Paddeln, übers obligatorische Krafttraining. Sowie über Crossfit-Einheiten. „Das ist eine gute Ergänzung“, würde sein Trainer Detlef Hummelt nun sagen. Gebhardt berichtet: „Der Reiz dabei ist, dass man in maximal 30 Minuten ans Limit geht. Das ist ein guter Ausgleich“, sagt er. Ein Ausgleich wie das Angeln. Und wie Freundin Helena, mit der er die meiste Freizeit verbringt.

Die Größe seines nächsten „dicken Fisches“ lässt sich nun nicht planen, aber auf den „dicken Erfolg“ in der neuen Saison kann Felix Gebhardt hinarbeiten. Die U-23-WM in Pitesti (Rumänien/1. bis 4. August 2019) ist sein Ziel. Und da ihm sein langjähriger Partner Dietrich abhandengekommen ist, wird sich Gebhardt auch auf eine neue Bootsklasse konzentrieren: „Ich will auf jeden Fall im Einer angreifen“, betont der 1,88-Meter-Mann, wenngleich es für ihn primär wichtig ist, überhaupt zur WM-Mannschaft zu gehören.

Vielleicht kann er diesmal den blinden Passagier namens Pech frühzeitig aus seinem Canadier werfen.