Magdeburg l Julia Hergert war gerade acht Jahre jung, als sie im Bootshaus in Schönebeck vor Schwimmwesten und Booten stand. Eine Freundin hatte sie zum Training beim SSC mitgenommen. Und Hergerts Begeisterung war sofort entfacht. „Seitdem habe ich auch nie etwas anderes gemacht“, sagt die Kanutin. Nicht mal Interesse für einen anderen Sport gezeigt, schon gar nicht für Disziplinen, in denen ein Ball die Hauptrolle spielt.

Nur eine Woche nach ihrer ersten Einheit fuhr sie bereits ihren ersten Wettkampf. Und zwölf Jahre später ist sie Vize-Weltmeisterin in der U 23. Zudem gehört sie nun zu den 35 Athleten, die das Land Sachsen-Anhalt ins Team Tokio für die Olympischen Spiele 2020 berufen hat. „Damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Hergert zu ihrer Nominierung. „Aber es freut mich, dass mein Poten-zial so gesehen wird.“

Technik umgestellt

„Vize-Weltmeisterin in der U 23“, so Hergert, „das ist mein bislang größter Erfolg.“ Im Juli in Plovdiv (Bulgarien) fuhr die 20-Jährige vom SC Magdeburg im Zweierkajak über 500 Meter mit Jule Hake (Lünen) auf Rang zwei. Das Boot hatte sich erst im Frühjahr gefunden, war bereits beim Weltcup in Szeged (Ungarn) dabei. „Wir haben uns sofort super verstanden, die Harmonie hat gestimmt. Und wir wussten, was wir wollen.“ Edelmetall bei der WM. Gesagt, getan.

Viel getan hat sie in den vergangenen Jahren auch für ihre Technik, was allerdings auch einer Verletzung geschuldet war. 2015 war Hergert Dritte der Junioren-WM im K4 geworden. „Ich hatte gerade Blut geleckt, als es nicht mehr weiterging.“ Es deutete sich ein Ermüdungsbruch im Lendenwirbelbereich an. Es folgte eine lange Zwangspause, die sie zum Kopftraining nutzte. Und dieses Training verstehen eigentlich nur Experten oder Hergert selbst.

Im Kopf verinnerlichte sie nämlich die neuen Abläufe. „Vor allem meine Armstreckung war sehr schlecht, ich habe das Paddel fast im 90-Grad-Winkel eingesetzt“, berichtet sie. Die Streckung musste nun erst vor dem geistigen Auge, dann auf dem Ergometer, dann auf dem Wasser besser funktionieren. Und es hat funktioniert. „Es ist schon viel besser geworden“, sagt Hergert, die das Abitur in diesem Jahr mit einem 1,9er Notenschnitt abgeschlossen und inzwischen eine Ausbildung bei der Bundespolizei in Kienbaum begonnen hat. Und nicht nur das: „Ich bin auch mental stärker geworden.“

Trotzdem muss sie dranbleiben. Sie kann sich auch am Start verbessern. Wie die SCM-Gefährtinnen Jasmin Fritz und Nina Krankemann will sie weiter an ihrer Sprintfähigkeit arbeiten. „Ich bin eben auch eher der Ausdauertyp“, sagt sie lächelnd.

Ausdauer braucht sie ebenso wie ein hohes Tempo. Und Gesundheit. „Vieles hängt davon ab, wie ich durch den Winter komme“, erklärt sie aus Erfahrung. Denn der letzte Winter war auch nicht gut für Julia Hergert. Der Schützling von Trainer Eckhard Leue ist beim Paddeln an einem Stein hängen geblieben. Verletzung am Bizepts. Zwei Monate Paddelpause. „Ich bin ein kleiner Tollpatsch“, sagt sie lachend. Aber auch ein erfolgreicher, wie das Jahr letztlich gezeigt hat.

Mehrmals zu Olympia

In der nächsten Saison gibt es nun ein Zweierkajak-Projekt, zu dem neben Hergert auch Fritz und Krankemann gehören. Der Deutsche Kanuverband sucht zunächst die beiden schnellsten Boote, die sich im Weltcup messen. Das bessere Duo in diesen Wettbewerben kämpft dann bei der WM 2019 um den Quotenplatz für Olympia.

Das ist ein heres Ziel. Aber Hergert, so ehrgeizig sie auch ist, spricht darüber so schön nüchtern. Sie mag sich darüber noch keine Gedanken machen. Eher blickt sie auf die U-23-Nationalmannschaft, für die sie sich erneut qualifizieren will.

An ihren großen Vorhaben, die sie schon geäußert hatte, bevor sie zur siebten Klasse zum SCM und ans Sportgymnasium wechselte, ändert das aber nichts. „Ziel eines jeden Leistungssportlers ist es, einmal oder mehrmals an den Olympischen Spielen teil- und dann auch eine Medaille mitzunehmen“, erklärt Hergert. „Das peile ich auch an.“