Magdeburg l Sollte Roland Oesemann von diesem Finale noch träumen, wird ihm zu nächtlicher Stunde ein Zucken durch die Glieder fahren. Dieser Endlauf bei der U-23-Weltmeisterschaft im vergangenen Juli in Sarasota (USA) hat seinen Anker in Oesemanns Gedächtnis geworfen. Aber sicher nicht nur in seines, auch in das seiner Schützlinge Tabea Kuhnert und Emma Appel, die bei ihre WM-Premiere in dieser Altersklasse letztlich Silber im Doppelvierer gewannen. „Das war ein gutes Ergebnis“, sagt Oesemann, Trainer der Ruderer vom SC Magdeburg. „Aber aufgrund der Fahrweise sind sie mit einem blauen Auge davongekommen.“

Der Coach ist sich dennoch sicher: Dieses Drama unter der Sonne Floridas „war für ihre Weiterentwicklung förderlich, weil sie gesehen haben, was noch möglich, wenn man aussichtslos zurückliegt“, sagt der 59-Jährige. Von Platz vier waren Appel und Kuhnert mit ihrem Team auf Rang zwei vorgefahren auf der Zielgeraden. „Jetzt wissen sie, dass jedes Rennen erst mit dem letzten Schlag über die Ziellinie beendet ist.“ Eine Erkenntnis, die nachhaltig den Glauben in die eigenen Fähigkeiten stärkt.

Kampf um den WM-Start

Und mit diesem Glauben sollen die beiden 19-jährigen Damen auch in der nächsten Saison zur WM fahren. Wieder in der U  23. „Ich denke, jeder, der in diesem Jahr bei den Titelkämpfen eine Medaille geholt hat, sollte sich auch in der kommenden Saison zur WM kämpfen“, erklärt Oesemann. Nicht nur diese beiden Damen, auch Jette Prehm und die jungen Männer, die sich aus der U  19 unter Coach Paul Zander nun in die sportliche Verantwortung von Oesemann begeben haben. Und dieser sagt: „Jetzt beginnt für mich die Arbeit in Richtung Olympische Spiele 2024.“

SCM-Gruppe mit neun Sportlern

Die Reise nach Paris stellt vor allem Paul Berghoff, Paul Krüger und Nick Welzenbach vor neuen Herausforderungen. Mit Philipp Syring (22), der um den Anschluss ans Nationalteam kämpft, sind es nun neun Athleten in Oesemanns Trainingsgruppe. „Das Entscheidende für uns ist zunächst das Krafttraining“, sagt Oesemann über den neuen Anspruch.

Einen großen Aufwand hatten Berghoff und Welzenbach, die bei der U-19-WM in Tokio (Japan) Gold im Doppelvierer und Achter gewonnen haben, sowie Krüger (Silber im Doppelzweier) auch unter Zander betrieben. „Sie fangen nicht bei null an“, erklärt der Coach. „Man sieht aber schon in den ersten Wochen, dass sie noch jede Menge Defizite haben.“

Trainer fordert Maximalkraft

Allein im Kraftraum „werden wir mit der Langhantel in Richtung Maximalkraft arbeiten. Da geht es dann nicht um 40 bis 60 Wiederholungen mit leichteren Gewichten, sondern nur um 15. Und man merkt, dass es für sie eine riesige Herausforderung ist.“ Diese beschränkt sich nicht allein auf die Arbeit an der Hantel, sondern auch an der Rudertechnik.

Der Ehrgeiz wird zumindest den einen oder anderen seiner Athleten vielleicht schon von Tokio 2020 träumen lassen. Aber Oesemann ist sich sicher: „Zu 99 Prozent wird keiner aus der Gruppe im nächsten Jahr einen Platz in der A-Nationalmannschaft finden.“ Zumal nach Stand der Dinge die vorgesehene Elite für die Sommerspiele in Japan nicht mehr an den deutschen Kleinboot-Meisterschaften teilnehmen wird. „Die einzelnen Bereiche haben in der nächsten Saison keine Berührungspunkte.“

U-23-WM als erstes Ziel

So geht es also ausschließlich um den Start bei der U-23-WM, die im nächsten Jahr vom 16. bis 23. August in Bled (Slowenien) ausgetragen wird. In welcher Bootsklasse seine Damen und Herren dort um Medaillenehren fahren sollen, lässt Oesemann offen.

Geklärt werden muss allerdings alsbald die Zukunft des noch 17-jährigen Riemen-Ruderers Welzenbach. „Priorität hat derzeit eine Renngemeinschaft mit Erik Kohlbach aus Halle“, sagt der Coach.

Kohlbach und Welzenbach saßen zuletzt in Tokio gemeinsam im Gold-Achter. Allerdings profitierte der Magdeburg dabei auch von einer Verletzung des ursprünglich vorgesehenen Niklas Baier – ebenfalls aus Halle. Oesemann sagt: „Ich hätte bei Nick auch keine Sorge, ihn wieder skullen zu lassen. Er war immer in der Lage, bis 1500 Meter mit der Konkurrenz mitzufahren. Er muss einfach nur weitertrainiern und seine Defizite abbauen.“ Dann klappt‘s auch mit der WM 2020.