Magdeburg l Eigentlich wollte sich Anna Obieglo nicht vordergründig mit „Die Tribute von Panem“ befassen, mit einer dreiteiligen Buchreihe, in der jeder Band mehr als 500 Seiten zählt. „Das möchte ich als nächstes lesen“, sagt sie zwar. Aber viel lieber wollte Anna Obieglo den Junioren-Weltmeisterschaften im Freiwasser in Victoria (Seychellen/21. bis 23. August) entgegenschwimmen. Über 7,5 Kilometer.

Derzeit schwimmt Anna Obieglo vom SCM aber nicht mehr. Sie hat gestern die Heimreise nach München angetreten. Es blieb ihr nichts anderes übrig: Neben den Schulen in Sachsen-Anhalt ist wegen des Coronavirus auch das Magdeburger Sportinternat ab heute geschlossen. Bis zum 14. April ist der Trainingsbetrieb außer Kraft gesetzt – zumindest für die Athleten ohne Olympia- oder Perspektivkaderstatus.

Viel Zeit für Hobbys

Die 15-Jährige hat keinen Status, das ist ihr Schicksal. Oder auch das Schicksal ihrer Teamgefährtin Elisabeth Koal, die nun in Wolfsburg das Landtraining aufgenommen hat. Wie das aussieht? „Ich werde mich in München auf der Laufstrecke und mit meinem Bauchplan fithalten“, sagt Obieglo. Mit Sit Ups- und Klappmesser-Serien also. Und außerdem basteln, nähen und eben lesen. So viel Zeit für ihre Hobbys hatte sie schon lange nicht mehr.

So viel Zeit wollte sie sich dafür auch gar nicht nehmen in Magdeburg. In der erfolgreichsten Trainingsgruppe der Bundesrepublik. Allein das „hat mich inspiriert, zum SCM zu wechseln“, erklärt sie über ihre Entscheidung im Sommer 2019, die auch von ihrem Trainer Stefan Döbler mitgetragen wurde. „Da wir kein Ergebnis von den deutschen Jahrgangsmeisterschaften hatten, musste das bloße Auge entscheiden“, erinnert sich der 51-Jährige. Obieglo hatte die Titelkämpfe im vergangenen Jahr aufgrund einer Schulterverletzung verpasst. Aber Döbler stellte letztlich fest: „Sie ist technisch gut ausgebildet. Und sie weiß, was sie will.“ In diesem Jahr sollte es also ein internationaler Start im Freiwasser sein.

Neun Bestzeiten in der Kurzbahn-Saison

Anna Obieglo mag Freiwasser. Den Kampf um die beste Position, obschon Schläge und Tritte dazugehören. „Da muss man dann einfach gegenhalten. Es macht aber einfach Spaß, mit so vielen Athleten gleichzeitig im Pulk zu starten“, sagt sie. Sie mag aber auch das Becken, vor allem die 400 Meter Lagen und die 800 und 1500 Meter Freistil. Ihre Bestzeiten stehen auf diesen Strecken bei 5:10,83, 9:18,00 und 17:43,95 Minuten. „Die 100 Meter sind schon nach einer Minute vorbei, und sprinten ist auch nicht meine Stärke“, sagt Anna Obieglo. Die Zehntklässlerin am Sportgymnasium möchte lieber genießen, ihren gleichmäßigen Rhythmus finden.

Alle pesönlichen Rekorde auf der langen Bahn stammen übrigens aus dem Jahr 2018, von den deutschen Jahrgangsmeisterschaften, bei denen sie Silber über die längste Beckendistanz gewann. Zum Ende 2019 war sie wieder auf einem guten Weg: „Sie hatte eine sehr gute Kurzbahn-Saison“, so Döbler. Neun Bestzeiten stellte sie im vergangenen Oktober auf.

Aber derzeit schwimmt sie eben nicht. Sie bastelt, liest und näht. Und spielt Geige. „Ich mag vieles von Mozart“, sagt sie. Aber ihr Lieblingsstück könnte zur derzeitigen Situation nicht besser passen. Die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Auch genannt: die Schicksalssinfonie.