Oschersleben l In den vergangenen Jahren nahm die Anzahl der Unparteiischen im Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA) stetig ab. Da war der Ausfall der 15 Partien in Halle keine Ausnahme, wie Markus Scheibel, Schiedsrichter-Obmann beim FSA, weiß: „Auch in früheren Jahren kam so etwas schon mal vor, im Salzlandkreis etwa. Schön ist das aber sicherlich nicht.“ Dabei gelten die sinkenden Zulaufzahlen nicht für alle Regionen. Im Kreisfachverband (KFV) Fußball Altmark-Ost kann man sich nicht beschweren. Im Gegenteil. Doch was läuft dort anders?

Anders als die meisten Kicker auf dem Platz erhalten die Unparteiischen, von der niedrigsten bis zur höchsten Spielklasse des Landes und natürlich auch darüber hinaus, eine Aufwandsentschädigung und die Erstattung von Fahrtkosten. Diese variieren je nach Liga und sollten auch nicht Anreiz sein, sich der Schiedsrichterei zu widmen. Doch es ist ein Ausgleich für die zum Teil unschönen Auseinandersetzungen, denen sich die Frauen und Männer an Pfeife und Fahne regelmäßig ausgesetzt sehen. In der Regel sollen 15 Partien pro Saison geleitet werden.

135 Schiedsrichter weniger als im Vorjahr

Doch wie sieht die Realität im Land wirklich aus? Im Sommer wurden 1.487 Schiedsrichter in Sachsen-Anhalt gezählt. Das waren 135 weniger als im Jahr zuvor. Viele Referees kommen auf 50 oder mehr Einsätze pro Spielzeit. Und das nicht immer, weil sie Spaß und Freude daran haben, sondern auch wegen des Fehlens von Alternativen. Die Gewinnung neuer Schiedsrichter ist in erster Linie Aufgabe der Vereine. Die können das aber nicht in dem Umfang leisten, wie es vielleicht nötig wäre.

In nahezu allen Stadt- und Kreisverbänden hat die Anzahl der Unparteiischen abgenommen, außer im KFV Altmark-Ost. Die Verantwortlichen um den Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses, Michael Müller, haben das Zepter selbst in die Hand genommen. „Wir haben Dialog- und Informationsveranstaltungen angeboten, bei denen sich der KFV und die Vereine Gedanken gemacht haben, wie sie die Zusammenarbeit, die Attraktivität und das Image des Schiedsrichterseins verbessern können. Außerdem haben wir uns Aktionen einfallen lassen, die das Gemeinschaftsgefühl unter den Schiedsrichtern stärken. So haben wir beispielsweise erstmals eine Weihnachtsfeier ins Leben gerufen, die Schiedsrichterauswahl reaktiviert und ein Veteranentreffen durchgeführt“, erklärt der 36-Jährige auf Volksstimme-Nachfrage.

Nächster Anwärterlehrgang im Oktober

In die Saison 2019/2020 ist der KFV Altmark-Ost mit 98 aktiven Schiedsrichtern gestartet. „Das waren schon mehr, als wir theoretisch bräuchten“, so Müller. Im Oktober findet nun der nächste Anwärterlehrgang statt, nach dem der Stendaler mit mehr als 20 weiteren Unparteiischen für den Kreis rechnen kann. „Wir haben gegenwärtig keinerlei Probleme mit der Besetzung von Spielen. Bei uns ist eher so, dass wir uns glücklich schätzen können, weil wir aktuell sehr, sehr gut aufgestellt sind. Ich will nicht sagen, dass bei uns alles perfekt läuft, da auch bei uns Luft nach oben ist. Seit Sommer letzten Jahres ist es so, dass wir Wartelisten bei den Anwärterlehrgängen haben.“

Die glückliche Situation des KFV Altmark-Ost wirkt sich sogar in anderen Kreisverbänden aus. Während es schon seit Jahren regelmäßig einen Austausch zwischen den beiden altmärkischen Verbänden gab, entsendet Müller seine Kameraden nun auch in die Prignitz (Brandenburg), das Jerichower Land, die Börde oder die Landeshauptstadt Magdeburg. „Das kann so aber kein Dauerzustand sein. Hier müssen die benachbarten Verbände und Vereine unbedingt aktiv werden“, erklärt Michael Müller.

Korrektes und selbstbewusstes Auftreten

Den Grund für die Nachfrage in der Altmark beschreibt der Stendaler so: „Der größte Punkt ist wahrscheinlich, dass zufriedene Schiedsrichter, die ihr Hobby gerne ausüben, die besten Werbeträger sind. Aus dem Umfeld der zufriedenen Schiedsrichter werden aktuell viele neue Anwärter geworben.“ Doch darauf will Müller sich nicht ausruhen: „Die größte Herausforderung stellt aktuell die langfristige Gewinnung von Schiedsrichtern dar. Das Schiedsrichterwesen lebt davon, dass erfahrene Schiedsrichter unseren neuen und zumeist jungen Schiedsrichtern Wissen und Tugenden wie korrektes, aber selbstbewusstes Auftreten oder dem Umgang mit Emotionen und auch Unsportlichkeiten auf dem Platz vermitteln. Leider nimmt die Zahl der Schiedsrichter, die diesem Hobby langfristig, also länger als fünf Jahre, nachgehen, ab. Diese Hürde gilt es künftig zu überwinden.“

Um Interessierte vom Schiedsrichterwesen zu überzeugen, setzen Michael Müller und sein Team auf die Werte, die man während dieser Tätigkeit lernt. „Diese können einen sein ganzes Leben lang prägen. Besonders hinsichtlich der Charakterstärke. Man übernimmt als Schiedsrichter Verantwortung, man muss entscheidungsfreudig, kritikfähig sowie teamfähig sein. Weiterhin soll man menschlich und nicht arrogant wirken. Man muss sich verkaufen, also auch ein bisschen schauspielern können. Das ist viel für einen jungen Menschen. All dies sind Charakterwerte, die sich positiv auf den persönlichen wie beruflichen Werdegang auswirken können. Wir kennen Arbeitgeber, bei denen die Schiedsrichterei positiv berücksichtigt wird. Wir erhalten außerdem Rückmeldungen von jungen Schiedsrichtern, die positive und negative Situationen auf dem Platz gut in Erinnerung behalten und stolz darauf sind, wenn sie eine schwierige Situation gut gemeistert haben. Als Schiedsrichter-Team erlebt man gemeinsam teilweise außergewöhnliche Sachen. Dieser Teamgeist auf dem Platz und bei den Lehrgängen kommt bei vielen jungen Schiedsrichtern gut an.“