Hötensleben l Reinhard Klar erinnert sich und stellte dem Sportjournalisten vor einigen Jahren Fragen zu seinem Lebenslauf. Eine gute Hörfunk-Fußballreportage treibt mir auch heute noch genau solche Schauer über den Rücken wie 1948, als ein größeres Röhrenradio Einzug in unsere Familie hielt. Mit Begeisterung verfolgte ich alles, was über den Sport, speziell über den Fußball, gesendet wurde. Ich „kroch“ regelrecht in den „Kasten“ hinein, um ja kein Wort zu verpassen. Die Stimmen der meisten Sportreporter der 1950er Jahre waren mir gut bekannt, viele haben mich mit ihren Reportagen über Jahrzehnte begleitet und begeistert. Rolf Wernicke, Kurt Brumme, Herbert Zimmermann, Gert Krämer, Werner Eberhardt, Wolfgang Hempel, Helmut Schulze, Heinz-Florian Oertel, Ludwig Maibohm, Rudi Michel und andere zogen mich besonders mit ihren Fußballreportagen in ihren Bann.

Rudi Michel, zu Hause in Baden-Baden im Schwarzwald, ist einer von ihnen. 1991 nahm ich mit ihm Kontakt auf, bat ihn schriftlich um einige Informationen aus seiner erfolgreichen Sportjournalisten-Laufbahn. In den nachfolgenden Jahren bestand die Verbindung sporadisch bis 2006 (85. Geburtstag), ich schrieb mehrere Beiträge über ihn. 2001 schenkte er mir das Hörbuch „Rudi Michel erzählt Geschichten zur Fußballgeschichte.“

Wie verlief Ihre Entwicklung?

Ich bin ein Lauterer Bub, 1921 in der Pfalz geboren. Im „Stadion Betzenberg“ spielte ich als Jugendlicher mit Fritz Walter in einer Jugendmannschaft Fußball. Mit ihm verband mich von da an eine Lebensfreundschaft. Durch den Zweiten Weltkrieg musste ich das begonnene Jurastudium abbrechen, nach 1945 wurde ich Bankkaufmann. Es hielt mich aber nicht lange hinter dem Schalter. Baden-Baden war 1948 die weite Welt für mich und der Rundfunk die Faszination. Ich bewarb mich beim Südwestfunk als Volontär und wurde angenommen. Mit dem Journalismus hatte ich zwar schon immer geliebäugelt, dabei aber mehr an die Zeitung gedacht.

Können Sie sich noch an ihren Rundfunkstart erinnern?

1949 war ich das erste Mal beim Südwestfunk auf dem Sender, eigentlich mehr durch einen Zufall. Reporter Rolf Wenicke war mit seinem Uralt-Automobil nicht rechtzeitig zur Stelle, ich musste als Sprecher des Spiels 1.FC Kaiserslautern gegen Wormatia Worms einspringen, obwohl ich ähnliches vorher noch nie probiert hatte. Am Ende meiner Tätigkeit war ich schweißgebadet und total geschafft. An eine Fortsetzung der Mikrophon-Tätigkeit habe ich nicht mehr geglaubt.

Aber das Gegenteil war der Fall, Rudi Michel wurde schnell einer großen Hörergemeinde bekannt, wozu neben den fachlichen Aspekten in seinen Reportagen auch die Art und Weise beitrug, wie er die Geschehnisse „rüber brachte“. Auch das unverwechselbare Timbre seiner Stimme förderte seinen Bekanntheitsgrad nicht unwesentlich. In den 1950er Jahren berichtete er in unvergessenen Reportagen acht Jahre über die Tour de France und warf dabei oft auch einen Blick hinter die Kulissen dieses Radsportklassikers. Bei der WM 1954 in der Schweiz war er als Radioreporter dabei.

Hatten Sie ein Vorbild, einen Lehrmeister?

Oh ja, eben diesen Rolf Wernicke, der hatte aber keinen direkten Ausbildungsauftrag. Er war für mich Hörerlebnis und zugleich auch Vorbild, ein großer Augenblicksschilderer, so wie ihn der Rundfunk immer benötigt hat, begnadete Stimme, druckreife Formulierungen und das, ohne ein Stück Papier als Vorlage in der Hand zu haben.

Rudi Michels Sportjournalisten-Laufbahn ist auch eng mit der Entwicklung des Mediums Fernsehen verbunden. 1953 wagte er sich erstmals hinter Monitor und Mikrophon. Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe?

Beim SWF suchte man jemanden, der kommentieren konnte und in der Lage war, zur rechten Zeit auch zu schweigen. 1954 hatte ich bundesweite Premiere mit der Übertragung des Pokalendspiels VfB Stuttgart gegen den 1. FC Köln aus Ludwigshafen.“

Zunächst aber blieb der Hörfunk noch sein bevorzugtes Metier. Im genannten Jahr wurde Rudi Michel als Hauptabteilungsleiter Sport im Südwestfunk in eine Position berufen, die er ein Vierteljahrhundert umsichtig und engagiert bis zu seiner Pensionierung 1987 ausübte. In der Folgezeit berichtete er von vielen Top-Ereignissen des Weltfußballs. Michel ist mit Recht stolz darauf, dass er für das Deutsche Fernsehen fünf Weltmeisterschaftsendspiele kommentieren durfte. Die WM in Chile (1962) und in England (1966) bezeichnet man heute noch als „Michel-Spiele“. Von zahlreichen weiteren Ereignissen (Länderspiele, Europa-Cup, Pokalendspiele) kannte man ihn als sach- und fachkundigen Reporter.

Welche Ansprüche stellten Sie an Ihre Arbeit und sich selbst?

Ich habe mich nie als Selbstdarsteller gesehen. Ich wollte lediglich vermitteln, übermitteln, und wenn dies gelingt, der Zuhörer oder Zuschauer zufrieden ist mit der Arbeit des Mannes am Mikrophon, dann hat man alles erreicht.“

Das ist ihm gelungen, bestätigt Fritz Walter, den seine Objektivität und Fairness vor dem Mikrophon faszinierte. „Aus der Praxis bezog er seine Sachkenntnis, die ihn zu einem der besten Fußballreporter und Moderator beim Funk und Fernsehen werden ließ. Man kann ihn getrost auch als Kavalier der alten Schule bezeichnen, immer freundlich, ansprechbar und aufgeschlossen.“ Ähnlich sieht auch Günter Netzer, Ex-Nationalspieler und Ex-ARD-Fußballanalytiker, die Dinge: „Rudi Michel ist der Fachmann schlechthin, er spricht unsere Sprache und kommt uns sehr nahe. Das brachte ihm Akzeptanz unter den Spielern. Er hat sich nie verbogen vor den Medien, er ist in natura genauso wie vor dem Fernsehschirm.“

Die Zeitschrift „Sportjournalist“ charakterisierte Michel anlässlich seines 70. Geburtstages 1991 unter anderem folgendermaßen: „Die Fähigkeit, plaudern zu können ohne zu schwatzen und zu Kommentieren, ohne den Schulmeister herauszukehren, erhoben ihn über zwei Jahrzehnte zum führenden Fußballkommentator des Deutschen Fernsehens.“ Michel hat Mitarbeiter magisch angezogen. Die meisten Kollegen, ja fast alle, sind wegen ihm zum Südwestfunk Baden-Baden gekommen. Einer von ihnen ist Gerhard Delling, der einen Teil seiner Sportjournalisten-Ausbildung unter ihm absolvierte.

Selbst drei lukrative Angebote größerer Fernsehanstalten konnten Rudi Michel nicht vom Südwestfunk und aus dem Schwarzwald weg locken.

Warum nicht? „Da ist auch ein wenig Nibelungentreue dabei. Wir waren eine innere Gemeinschaft, in der Kreativität gefragt war und wo man als junger Mensch schon mitgestalten konnte. Diese Freiheiten hätte ich nie missen können.“ Zu Michels Stärken, die seine Arbeit begünstigten und erfolgreich werden ließ, gehört ohne Zweifel die Fähigkeit, sich ständig selbst zu hinterfragen. Am 2. August 2021 hätte er seinen 100. Geburtstag begangen.