Haldensleben l Viel wurde im Vorfeld diskutiert und geschrieben, etliche deutsche Spieler haben ihre Teilnahme aufgrund der Pandemie abgesagt. Das war aber noch nicht genug: Am Dienstagabend, eine Tag vor der Eröffnung, teilte der tschechische Handballverband mit, dass sein Team aufgrund zahlreicher positiver Tests nicht an der Endrunde der Weltmeisterschaft in Ägypten teilnehmen werde und die Reise dorthin gar nicht erst antritt. Unter anderen hatten sich die beiden Auswahltrainer und ehemaligen Bundesliga-Spieler Daniel Kubes und Jan Filip infiziert. Der Weltverband hatte dafür auch gleich die passende Antwort parat: Nordmazedonien rückte in der Gruppe G nach und trifft damit auf den Gastgeber, Chile und Schweden.

Dabei sollte es aber nicht bleiben. Nur wenige Stunden später verkündeten auch die USA ihr Aus bei der WM. Ebenso sei die Anzahl an positiven Test dafür verantwortlich. „Ich glaube, es waren zehn Spieler und sieben aus dem Staff-Team, die infiziert waren. Wir gucken jetzt, ob es Möglichkeiten gibt, elf Spieler zu schicken und hoffen dann, dass wir nachher negative Tests bekommen“, sagte Auswahltrainer Robert Hedin am Dienstag in einem Interview via Skype dem Pay-TV-Sender Sky. Dazu kam es nicht mehr. Dafür ist nun die Schweiz mit Weltklasse-Regisseur Andy Schmid vom Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen dabei. Die Eidgenossen bekommen es in der Gruppe E mit Österreich, Norwegen und Rekord-Weltmeister Frankreich zu tun.

Damit schien das Chaos schon vor Beginn der eigentlichen Wettbewerbe komplett gewesen. Dazu mehren sich Medienberichte, wonach auch Mitglieder aus dem Team des deutschen Gegners Kap Verde infiziert sein sollen. So stellt sich den Handballinteressierten die Frage: Was soll das? Die Volksstimme-Sportredaktion hat sich dazu einmal umgehört.

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Hermann sieht Chance für den Handball

Christian Herrmann (Trainer SV Oebisfelde): „Aus meiner Sicht als Fan muss ich sagen, dass ich froh bin, dass ich die WM von zu Hause aus verfolgen kann. Aber man muss beide Seiten betrachten - diejenigen, die sagen, es sei gefährlich eine WM in Corona-Zeiten zu spielen und diejenigen, die gern spielen wollen. Für den Handball ist es eine Chance, sich in Szene zu setzen, zu präsentieren und den Handball neu zu beleben. In den USA hat es bei der NBA auch funktioniert. Warum soll es nicht auch in Ägypten mit dem Spielbetrieb funktionieren?

Die Schweiz und Nordmazedonien sind für die USA und Tschechien nun nachgerückt. Beide Teams finde ich sogar stärker als die beiden Mannschaften, die dafür weichen. Für die USA ist es bitter, da sich der US-amerikanische Handball-Verband erst vor eine paar Jahren gegründet hat und die Amis zum ersten Mal dabei gewesen wären. So schnell werden sie die Chance nicht mehr bekommen, an einer WM teilzunehmen. Schade ist es auch für die Deutsche Nationalmannschaft, dass es Absagen gab. Aber ich kann die Spieler auch verstehen. Die Angst Corona zu kriegen, ist da, auch wenn man das Virus auch im Final-Four beim Handball hätte bekommen können. Einige Spieler sind Familienväter. Da will man kein Risiko eingehen. Sobald die Handball-WM beginnt, werde ich mich trotz der vielen Absagen darauf freuen. Ich habe die Fernsehkanäle, auf denen die Handballspiele laufen werden, bereits abonniert. Die Stimmung wird ohne Fans anders, aber nicht so befremdlich sein wie beim Fußball. Der Heimvorteil für Ägypten ist leider durch die Corona-Beschränkungen dahin. Sie haben als Nation viel investiert, um die WM zu bekommen. Nun kann keiner vor Ort zuschauen. Die Eintrittsgelder davon werden den Ägyptern sicherlich fehlen“, schätzt Herrmann ein.

Fister hat Verständnis

Carsten Fister (HSV Haldensleben): „Ich denke, es ist jedem Spieler selbst überlassen, ob er zur WM fährt oder nicht. Ich kann Spieler wie Patrick Wiencek verstehen, denen das Risiko zu groß ist, habe aber auch Verständnis für die Akteure, die sich die Chance nicht entgehen lassen wollen. Ich glaube, dass das Hygiene-Konzept gut sein muss, sonst würde man das Risiko einer solchen Veranstaltung nicht eingehen. Sportlich erwarte ich keine Weltmeisterschaft auf dem höchsten Niveau, dafür haben einfach zu viele Spieler abgesagt.“

Domenic Soeder (Trainer HSG Altmark West): „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tschechien und die USA, die beide ihre Teilnahme an der Handball-Weltmeisterschaft abgesagt haben, viel gerissen hätten. Die Zwischenrunde wäre wohl drin gewesen. Mehr aber wohl nicht. Daher sind diese Absagen aus meiner Sicht noch zu verschmerzen. Enttäuscht bin ich darüber, dass einige Deutsche Handballer ihre Teilnahme an der Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten abgesagt haben. Bei solch einem großen Turnier dabei zu sein, ist eigentlich ein Kindheitstraum. Ich stehe zwar nicht in der Verantwortung als Familienvater, dennoch weiß ich nicht so recht, was ich von solch einer Absage halten soll. Aus Zuschauersicht überwiegt mehr die Enttäuschung, als die Vorfreude auf das Turnier.“

Michael-Alexander Cibis (Sektionsleiter VfB Klötze): „Ich finde es schwierig, diese Handball-Weltmeisterschaft überhaupt stattfinden zu lassen. Die ganze Welt ruht, lebt eingeschränkt und der Handballsport geht bei den Profis dennoch weiter. Das ist schon schwierig zu erklären. Insbesondere gilt das für den Amateursport. Eine Wettbewerbsverzerrung durch das Nachrücken von Mannschaften wie Nordmazedonien oder die Schweiz sehe ich nicht. Dennoch ist es schon tragisch für die USA und Tschechien, so viele Corona-Fälle zu haben. Das Turnier selbst werde ich mir trotz der aktuellen Situation interessiert anschauen. Allein schon deswegen, weil wir sowieso nichts anderes machen können und zu Hause bleiben müssen.“