Schierke l  Dazu hat Volksstimme-Autor Stefan Rühling einmal bei Geschäftsführerin Gabriele Augustin konkret nachgefragt.

Volksstimme: Waren Sie im Frühjahr auf den ersten Lockdown in irgendeiner Form vorbereitet?

Gabriele Augustin: Der erste Lockdown hat uns mit dem Beschluss des Bildungsministeriums, keine Klassenfahrten mehr stattfinden zu lassen, kalt erwischt. Auf dieses Szenario waren wir nicht vorbereitet. Der danach folgende Lockdown war dann keine Überraschung mehr. Die Herausforderung war eher, Informationen zu bekommen wie beispielsweise zu Kurzarbeit, Hygienemaßnahmen, was muss geregelt werden muss für eine behördlich angeordnete Schließung und so weiter.

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Haben Sie das schon einmal erlebt, die Einrichtung schließen zu müssen?

Nein, das lag auch jenseits meiner Vorstellungskraft.

Welche Aufgaben fielen dann an, die Sie bis dahin nicht kannten?

Es mussten hausinterne Regelungen für die Sicherheit im und um das Haus ohne Belegung her. Dazu die Erstellung eines umfassenderen Hygienekonzeptes zur Wiederöffnung unter Coronabedingungen, Mitarbeiterbesprechungen und so weiter. Die größte Schwierigkeit lag anfangs in der Beschaffung relevanter Informationen und dem Umgang mit Versicherungen, Behörden und Ämtern.

Wie haben Sie den Lockdown persönlich erlebt?

Die Zeit war anstrengend und unsicher. Unsere Telefone standen nicht still, verunsicherte Gäste hatten Informationsbedarf und Fragen, die auch wir nicht immer sofort beantworten konnten. Unterstützungshilfen mussten beantragt werden, auch das hat viel Kraft und Zeit gekostet, war aber für unser „Überleben“ notwendig. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an alle Freunde und Gäste unseres Hauses, die uns während des Lockdowns unterstützt haben und mit tollen Gesten Mut gemacht haben.Auch an die Abgeordneten des Landkreises Harz richten wir unseren herzlichen Dank für ihre Unterstützung, ein ganz besonderer Dank an Heike Brehmer, sie hat uns durchgehend mit aktuellen Informationen versorgt und offene Fragen geklärt. Dem Landessportbund und der Sportjugend Sachsen-Anhalt ein dickes Danke für die immerwährende Hilfe und Unterstützung.

Was haben Sie getan, um mit den Lockerungen den Betrieb wieder aufzunehmen?

Wir haben ein umfassendes Hygienekonzept erstellt, die Mitarbeiter geschult, das Haus mit Hinweistafeln, Aufklebern und vielem mehr vorbereitet: Hygieneartikel, Mund-Nasen-Schutz angeschafft, unseren Speisesaal an die vorgeschriebenen Maßnahmen angepasst, lange Gespräche mit dem Team, wie wir die Versorgung der Gäste regeln und vieles mehr.

Haben Sich die Besucher nach dem Lockdown anders verhalten?

Ja, eindeutig, wir sind stolz auf unsere jungen Gäste, die sich uneingeschränkt an die Hygieneregeln gehalten haben. Alle Einschränkungen sind durch unsere Gäste mit ganz viel Verständnis und Disziplin akzeptiert worden.

Jetzt mussten Sie erneut schließen – haben Sie damit gerechnet beziehungsweise sich darauf irgendwie vorbereitet?

Die zweite Schließung unseres Hauses kam für uns nicht überraschend und ja, wir waren vorbereitet. Für unsere Mitarbeiter bedeutet dieser zweite Lockdown erneuten Verzicht und Unsicherheit. Es ist jetzt wesentlich ruhiger als im Frühjahr, aber genauso arbeitsreich und kräftezehrend.

Wie wird sich Corona auf die Besucherzahlen in diesem Jahr auswirken?

Im Durchschnitt haben wir zirka 20.000 Übernachtungen im Jahr, unter Corona liegen wir aktuell nur bei 6.800.

Welche Folgen hat dies für die Einrichtung?

Ohne die finanziellen Hilfen von Bund und Land wäre unsere Bildungsstätte auf dem besten Weg in die Insolvenz. Mit den Einnahmeverlusten durch Schließung und Minderbelegung wären die laufenden Kosten für den Erhalt unseres Hauses aus eigener Kraft nicht zu stemmen.

Bleibt Ihnen aus 2020 auch etwas Positives in Erinnerung?

Bei allen Problemen und Einschnitten ist die Mitarbeiterschaft zusammengerückt und steht für unser Haus ein. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass wir es gemeinsam schaffen.

Wenn kein Corona ist – wofür steht die Schierker Baude?

Die Schierker Baude sichert die strukturellen Voraussetzungen zur Umsetzung des Bildungsangebotes der Sportjugend. Die Arbeit der Sportjugend Sachsen-Anhalt und damit einhergehend auch der Schierker Baude ist ausgerichtet auf Lernprozesse und Kompetenzvermittlung, die auf Dauer angelegt sind. Die Angebote orientieren sich dabei stets an den Interessen der jungen Menschen. Mit dem Überführen von Methodik der außerschulischen Bildung in die Programme der Klassenfahrten leistet die Schierker Baude einen wichtigen Beitrag in der Zusammenarbeit von formaler und nonformaler Bildung.

Seit 2003 findet in der Schierker Baude jährlich das Internationale Jugendcamp statt. Jedes Jahr kommen dort 80 Teilnehmer aus sieben europäischen Ländern zusammen. Aktuell sind Partner-Organisationen aus Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Lettland und Litauen am Camp beteiligt. Mit allen Partnern gibt es eine langjährige Kooperation sowie eine stabile und konstruktive Zusammenarbeit. Bei den internationalen Fachkräftetrainings mit Teilnehmenden der genannten europäischen Partnerorganisationen werden in der Schierker Baude Impulse zur Weiterentwicklung der Jugendarbeit gesetzt, die auch Eingang finden in die Gestaltung der zukünftigen Internationalen Camps. Um auch innerhalb der Woche Belegung zu sichern, gibt es ein umfangreiches Angebot für Schulklassen, angepasst auf alle Altersklassen. Neben dem Basispaket Klassenfahrt können die Schulen aus einem vielfältigen Angebot von Pauschalprogrammen wählen: Bergwerk, Abenteuer & Action, Mittelalter, Brockenhexe, Nationalpark Harz, Winterangebote. Die Pauschalprogramme erfreuen sich großer Beliebtheit. 70 Prozent der gebuchten Klassenfahrten nutzen die Möglichkeit dieser pädagogischen Angebote. Jährlich finden etwa 100 Klassenfahrten in der Schierker Baude statt. Fast 3.000 Schüler aus Sachsen-Anhalt und angrenzenden Bundesländern erleben damit eine unvergessliche Zeit. Rückmeldungen von Lehrkräften bestätigen dies.

Was zeichnet die Einrichtung besonders aus?

Unsere Bildungsstätte ist ein lebendiger Lernort, direkt am Rand des Nationalparks Harz, in der wir mit unserem handlungsorientierten Konzept die Werte unseres Jugendverbandes leben. Gemeinsam in einem wunderbaren Naturraum zu lernen, Bewegungserfahrungen zu sammeln und die positive Kraft der Gemeinschaft zu erfahren und dabei ressourcenschonend zu arbeiten, bilden die Grundlage für unsere Form der Jugendarbeit.

Wir investieren in die Zukunft von jungen Menschen, indem wir Sport als Methode, Mittel und Zweck der Jugendarbeit einsetzen. Für uns sind Spiel, Spaß und Sport, regelmäßige Bewegung sowie das Erleben von Gemeinschaft im Sportverein Garanten für die Gesunderhaltung, das Wohlergehen und die positive persönliche Entwicklung von jungen Menschen. Indem wir jungen Menschen mit unseren Angeboten eine lebenswerte Umgebung schaffen, ihnen Orientierung bieten und motivieren, qualifizieren wir sie nachhaltig für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und zu bürgerschaftlichem Engagement. Unser Anspruch als Haus ist es, unseren Gästen einen Ort zum Wohlfühlen und zum entspannten Lernen zu bieten. Hierzu gehören neben jugend- und sportgemäßen Unterkünften, eine abwechslungsreiche, gesunde regionale Küche, die mit frischen Zutaten auf die Bedürfnisse unserer Gäste eingeht. Wertschätzung in unserem Team und gegenüber unseren Gästen prägen unseren Arbeitsstil. Die Bedingungen in der Bildungs- und Freizeitstätte in Schierke knüpfen an den Interessenlagen der Zielgruppen, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, an.

Welches Angebot halten Sie Gästen vor?

Bei uns gibt es Übernachtungen in Einzel,-Doppel- und Mehrbettzimmern. Alle Zimmer verfügen über ein eigenes Bad. Natürlich ist bis zur Vollpension alles möglich. Dazu bieten wir die pädagogische Betreuung unserer Gäste im gebuchten Programm, die Nutzung aller Ressourcen von Sporthalle, Bowlingbahn, Kreativraum, Sport- und Spielraum, Sauna und natürlich unser Außengelände mit Allwettersportplatz, Volleyballplatz, Niedrigseilgarten, Köhlerhütte sowie Grillplatz. Für Klausuren und Seminare stehen vier Seminarräume in unterschiedlicher Größe mit Seminartechnik zu Verfügung

Haben Sie eine Kernzielgruppe?

Ja, das Ziel der Schierker Baude und der Sportjugend ist es, möglichst vielen jungen Menschen eine Teilnahme an den Bildungsangeboten zu ermöglichen. Durch eine offene Ansprache sollen sich alle Kinder und Jugendlichen ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit abgeholt fühlen. Schulklassen und Maßnahmen der Sportjugend Sachsen-Anhalt sind unsere Hauptzielgruppen. Auch Sportvereine, andere Kinder- und Jugendgruppen, Studenten, Familien und Firmen finden bei uns ein Zuhause auf Zeit.

Was unterscheidet Ihre Einrichtung von Hotels und Pensionen?

Der grundlegende Unterschied zu Hotels und Pensionen ist schlicht gesagt: wir sind eine Gruppenunterkunft mit dem Schwerpunkt der Beherbergung von Kindern und Jugendlichen. Immer wieder taucht die Frage auf, wie sich Bildungsstätten von Jugendherbergen unterscheiden. Strukturell gibt es große Ähnlichkeiten. Das Deutsche Jugendherbergswerk ist ebenso ein Verein und anerkannter Träger der Jugendhilfe. Er handelt dabei ebenso im Sinne des SGB VIII wie die Jugendverbände, die Bildungsstätten unterhalten. Jugendherbergen wurden vor mehr als 100 Jahren gegründet, um jungen Menschen günstige Übernachtungsangebote und gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen. Mit der Zeit haben sich dann eigene Angebote vor allem in den Bereichen der Kinder- und Jugenderholung und der internationalen Jugendarbeit etabliert.

Die Einrichtung von Jugendbildungsstätten erfolgte vor allem mit dem Ziel, eigene Bildungsangebote vorzuhalten. Mit Blick auf die vom Land geförderten Jugendbildungsstätten in Sachsen-Anhalt findet man hier die „Heimstätten“ von Trägern mit einer großen Anzahl von Mitgliedern und dementsprechend auch vielen eigenen Bildungsangeboten: Die Sportjugend mit der Schierker Baude, das Spektrum der evangelischen Jugendarbeit mit der „Evangelischen Jugendbildungsstätte im Verbund“ (Schloss Mansfeld und Villa Jühling Halle) oder das Spektrum der katholischen Jugendarbeit mit dem St. Michaels-Haus in Roßbach/Naumburg.

Dies spiegelt auch die Trägervielfalt und Pluralität der Jugendarbeit wider. Jeder Verband arbeitet mit seinen Schwerpunkten und dementsprechend sind auch die Jugendbildungsstätten konzipiert und ausgestattet. Dass es in Schierke sowohl eine Bildungsstätte als auch eine Jugendherberge gibt, war politischer Wille und hat sich auch bewährt. Beide Häuser sind gut ausgelastet. Es gibt eine entsprechende Nachfrage und einen Bedarf. Im Gegensatz zur Schierker Baude hält die Jugendherberge in Schierke aber keine eigenen Bildungsangebote vor, sondern unterstützt Gruppen bei der eigenen Programmplanung und tritt als Vermittler von Dienstleistern ein.

Was hat sich denn in der jüngeren Vergangenheit verändert?

Durch den Bau des Parkhauses am Winterbergtor und dem damit verbundenen Bau der Straße 2014 musste unser Niedrigseilgarten verlegt werden. Einfaches Umsetzen war nicht möglich. Auf der Ersatzfläche wurde 2015 mit der Firma Balance Erlebnis Lernen GmbH Hildesheim und den Jugendlichen des Eurocamps der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt der neue Niedrigseilgarten innerhalb von zwei Wochen aufgebaut. Das Volleyballfeld wurde saniert, einen Grillplatz haben wir etabliert und viele kleine Veränderungen im und ums Haus gibt es zu entdecken.

Personelle Veränderungen gab es selbstverständlich auch, der langjährige Geschäftsführer der Schierker Baude, Uwe Klein, genießt seit Januar 2015 seinen wohlverdienten Ruhestand. Gleiches trifft für Regina Gaede, unsere Bildungsreferentin der „ersten Stunde“ zu, sie ist seit Januar 2019 im Ruhestand, um nur zwei Beispiele zu nennen. Neu im Haus haben wir zwei Bildungsreferenten aus dem Team der Sportjugend Sachsen-Anhalt, die das „Erbe“ von Regina Gaede übernommen haben und mit neuen Ideen frischen Wind in unsere Angebote bringen.

Stehen für die nächsten Jahre Investitionen an?

Für die nächsten Jahre haben wir einiges zu sanieren beziehungsweise zu erweitern. Geplant ist, unser Haus im Sinne der Barrierefreiheit neu aufzustellen. Unsere Mehrzweckhalle soll saniert werden, hier läuft der Antrag über die Förderung Sportstättenbau und im Bereich der Unterkünfte sind dringende Verbesserungen angedacht und derzeit in Planung.