Haldensleben l Im November 2019 wurde sie in ihr Amt gewählt und hatte mit Corona gleich eine echte Bewährungsprobe vor der Brust. Im Gespräch mit Volksstimme-Autor Stefan Rühling blickt sie zwar zurück, vor allem aber nach vorn – ganz nach ihrem persönlichen Motto: „Es hat alles einen Sinn, auch wenn man diesen nicht sofort erkennt.“

Volksstimme: Frau Renk-Lange, wie geht es Ihnen derzeit?

Silke Renk-Lange: Mir geht es ganz gut, ich bin recht ordentlich durch das Jahr, welches eine echte Herausforderung darstellte, gekommen.

Etwas mehr als ein Jahr ist es nun her, dass Sie zur LSB-Präsidentin gewählt wurden. Wenn Sie vorher geahnt hätten, was Ihnen bevorsteht, hätten Sie das Amt angetreten?

Ich denke nicht, dass das etwas an meiner Bewerbung und letztlich auch Entscheidung für das Amt geändert hätte. Da gab es ganz andere Beweggründe, die mich motiviert haben, die Nachfolge von Andreas Silbersack antreten zu wollen. Zudem habe ich mir seinerzeit persönlich die Frage gestellt, in welche Richtung mein Leben gehen soll.

Die wären?

Beispielsweise war ich als Leistungssportlerin stets gut behütet, erfuhr viel Unterstützung und wollte dies dem Sport gern zurückgeben. Zudem sehe ich die verschiedenen Situationen, die sich einem Präsidium in so einem Verband stellen, vielleicht hin und wieder auch etwas anders, bringe andere Ideen mit. Früher war ich selbst kritisch mit den „alten“ Funktionären, weil sie gar nicht wussten, was die Sportler selbst wollen oder brauchen. Nun stehe ich selbst an deren Stelle und möchte es versuchen besser – zu mindestens aber anders – zu machen.

Wussten Sie denn, was auf Sie zukommt?

Ja, ich hatte meine Erfahrung aus der Arbeit im Präsidium, dem ich ja schon einige Jahre angehört habe. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse und wie das Spiel läuft. Die überwältigende Wahl hat mir dann den nötigen Rückhalt gegeben.

Wie blicken Sie auf dieses erste Jahr zurück?

Grundsätzlich zunächst einmal so, dass es mich unheimlich bereichert hat. Wir mussten zwar auf sportpolitischer Ebene – zusammen mit den hauptamtlichen Mitarbeitern der Geschäftsstelle – Entscheidungen treffen, die so recht niemand treffen wollte. Das war nicht so einfach, eher gesagt sogar schwierig. Doch ich wollte in meiner persönlichen Entwicklung den nächsten Schritt gehen und das ist mir gelungen, denn ich konnte in den vergangenen Monaten viel dazulernen. Meine Einstellung war von Beginn an, diese Funktion als LSB-Präsidentin stets positiv und immer im Einklang mit meiner Arbeit zu betreiben. Dazu habe ich viel Austausch mit dem Hauptamt sowie den Kreis- und Stadtsportbünden, aber vor allem Engagement von den ehrenamtlich Engagierten in unserem Land erlebt.

Welche Tiefen würden Sie benennen?

Das Schlimmste waren eindeutig die zwei Lockdowns, die den Trainings- und Wettkampfbetrieb im Sport, aber eben auch unsere Gesellschaft zum Erliegen gebracht haben. Dazu die Unsicherheit, wann es denn weitergehen wird, da eine richtige Aussicht weder im Frühjahr, noch jetzt gegeben ist. Zudem mussten wir feststellen, dass bei der finanziellen Unterstützung in der Krise der „normale“ Sport in den Vereinen zunächst hintenanstand. Es gab anfangs nur wenig konkrete Hilfen für gemeinnützige Sportvereine wie den Hilfsfonds von Lotto Sachsen-Anhalt, über den wir aber sehr dankbar waren. An die Beihilfen des Landes für den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb zu kommen war sehr beschwerlich, da die Bedingungen für eine Antragstellung für ehrenamtlich-geführte Vereine nur schwer erfüllbar waren. Hier hat uns die Politik erst spät erhört und im Herbst finanzielle Hilfen für Vereine ermöglicht.

Was nehmen Sie dennoch Positives mit?

Diese Krise hat uns gezeigt, was wir verbessern können. Wir müssen noch mehr Lobbyarbeit betreiben und auf politischer Ebene klarmachen, wie wichtig die Rolle des Sports, der Vereine und deren finanzielle Unterstützung ist. Diese Floskeln á la „egal wie, der Sport bekommt das schon hin“, funktionieren eben nicht. Wir müssen hier mehr ins Gespräch mit den Sportinteressierten in der Politik kommen und unseren Standpunkt verdeutlichen. Darüber hinaus ist offensichtlich geworden, wie viel Potenzial wir in der Digitalisierung der Vereine noch haben. Hier kommt uns zu Gute, dass auch die Politik in Corona-Zeiten erlebt hat, welche Vorteile diese mit sich bringt, beispielsweise Zeitersparnis. Ich denke, noch vor wenigen Jahren hätten einige Politiker nicht an einer Video-Konferenz teilgenommen, jetzt ist es beinahe schon Standard. Dennoch haben wir hier bis zur Basis des Sports noch jede Menge Arbeit vor uns.

Konnten Sie im Krisen-Jahr 2020 etwas von dem umsetzen, was Sie sich zum Antritt im Vorjahr vorgenommen haben?

Ja, ich denke schon. Ich wollte im Bereich der Kommunikation nach innen, aber auch nach außen neue Impulse setzen. Dazu habe ich aus der Öffentlichkeit die Rückmeldungen erhalten, dass wir als Landessportbund und auch ich als Person, obwohl ich vorher nicht allen bekannt war, wahrgenommen wurden. Unsere Themen wurden in den Medien gehört und auch verwertet.

Verfolgen Sie also regelmäßig die Berichterstattung?

Das mache ich selbstverständlich und reflektiere diese auch für unsere Arbeit.

Wie erleben Sie den gegenwärtigen Lockdown des Sports?

An dieser Stelle möchte ich ein paar Wochen zurückschauen. Für mich war es schwierig zu verstehen, wie Kinder und Jugendliche im Teil-Lockdown in der Schule zusammen Sportunterricht haben konnten, nachmittags aber nicht gemeinsam Sporttreiben durften. Dort konnten wir einwirken und so wurde verspätet auch der Sport in Kleingruppen möglich, wenngleich nicht überall umgesetzt. Jetzt ist es natürlich wieder eine schwierigere Situation, wo alles heruntergefahren werden musste. Die größten Einschnitte sehe ich im Leistungsbereich.

Können Sie einen Unterschied zum ersten Lockdown im Frühjahr ausmachen?

Mein Eindruck ist, dass die Menschen jetzt etwas trauriger und ungeduldiger mit dem Lockdown sind. Nicht nur, weil jetzt über die Feiertage und den Jahreswechsel das Zusammenleben mit den Liebsten im Vordergrund steht, sondern weil sie sich seit dem Frühjahr immer bemüht haben, die Risiken so gering wie möglich zu halten. Das wurde nun, mit dem erneuten Lockdown, nicht belohnt.

Was schätzen Sie, wie lange wird der aktuelle Lockdown anhalten?

Das ist eine gute Frage. Ich sage es mal so: Vor dem Hintergrund der Entwicklung der Infektionszahlen glaube ich nicht, dass wir ab dem 10. Januar wieder hochfahren können. Ich würde mir an dieser Stelle auch etwas mehr Vertrauen der Politik in unsere Mitbürger wünschen. Mit offenen Worten könnten sie sicher mehr Verständnis erreichen. Doch ist das alles schwer einzuschätzen, da den Entscheidern viel mehr Informationen vorliegen und sie noch ganz andere Dinge beachten müssen, an die wir hier nicht so denken. Grundsätzlich glaube ich, dass wir die Monate Januar und Februar nicht so erleben werden, wie wir es gewohnt sind.

Aufgrund der Pandemie wurden die Olympischen Spiele 2020 abgesagt und verlegt. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass diese tatsächlich stattfinden?

Ein kompletter Ausfall der Olympischen Spiele wäre schlimm, kaum besser wären aber auch Spiele ohne Zuschauer. Sollte es zu einer Absage kommen, wäre das eine harte, doch dann wohl nötige Entscheidung, auch wenn diese für manche Sportler bedeutet, dass sie an Olympia nicht mehr teilnehmen können. Daher schätze ich es als wahrscheinlich ein, dass die Olympischen Spiele, sofern möglich, mit wenigen Zuschauern ausgetragen werden.

Für viele Bürger ist grundsätzlich unverständlich, wieso professioneller Sport, beispielsweise die Fußball-Bundesliga, durchgeführt werden darf, der Breitensport aber ruhen muss. Wie sehen Sie das?

Das ist gar nicht so einfach, finde ich. Daher habe ich versucht, die Situation aus Sicht der Deutschen Fußball Liga (DFL) zu betrachten. Denn das Fußballspielen ist hier der Beruf der Profis, ihre Arbeit. So kann ich gut nachvollziehen, dass sie darum gekämpft haben, dieser weiter nachgehen zu dürfen. Dennoch steht es meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zu den Maßnahmen des Lockdowns, dass beispielsweise Friseure schließen mussten. Denn im Fußball gibt es auch Körperkontakt, womit die Schließung anderer Geschäfte begründet wird. Das finde ich etwas schade. Zudem ist auch die Vorbildfunktion der Fußball-Profis gegenüber den Kindern, die ihren Sport nicht wie gewohnt nachgehen dürfen, nicht gegeben. In Sachsen-Anhalt hatten wir zum Teil-Lockdown zwar die Möglichkeit erkämpft, doch war die Umsetzung schwierig. Hier müssen wir mit der Politik, den Landkreisen und Kommunen ins Gespräch kommen.

Welche Auswirkungen hat das für die Kinder und Jugendlichen?

Wir waren sehr froh, dass wir nach dem ersten Lockdown den Sportbetrieb Stück für Stück wiederaufbauen konnten. Dass wir beim Teil-Lockdown erwirken konnten, dass Mädchen und Jungen in Kleingruppen wieder Sporttreiben durften, war ebenso ein großer Erfolg, wenngleich die Landkreise und Kommunen nicht allerorts in der Umsetzung so recht mitgespielt haben. In Summe erleben wir den Sport seit Anfang des Jahres 2020 nur noch ganz anders. Die Kinder- und Jugendlichen wurden und werden in ihrer Entwicklung aufgehalten. Das müssen wir nun systematisch wieder aufholen. Es ist also unsere Aufgabe, zusammen mit den Übungsleitern in den Vereinen Strategien zu erarbeiten, wie die Kinder ihre Entwicklung wieder aufholen können. Darüber hat sich bis hierhin noch niemand Gedanken gemacht.

Haben Sie in diesem Jahr Zeit gefunden, um Sport zu treiben?

Angesichts der schwierigen Lage um die Urlaubszeit und der ungewissen Planung habe ich mir einen Garten zugelegt. Dieser ist in der Nähe des Geiseltalsees, so dass ich auch hin und wieder Radgefahren bin oder Walking gemacht habe. Ich gebe aber zu, dass es mir schwerfiel, dranzubleiben und ich mich so auch gern einmal für das Sofa entschieden habe. Allerdings habe ich mir jetzt Ines Kramer, Finanzvorstand im LSB, als Vorbild genommen. Sie ist an den Wochenenden zuletzt häufig Wandern gegangen. Natürlich fällt es im Winter ohnehin schwerer, in Bewegung zu bleiben. Auch mit der Motivation habe ich zu kämpfen, da mir das Zusammensein in einer Gruppe fehlt.

Was machen Sie beruflich?

Anders als viele denken, gehe ich tatsächlich einer geregelten Arbeit nach und bin bei einem Energieversorger in Halle beschäftigt. Wir betreiben deutschlandweit Versorgungsanlagen und ich unterstütze meine Kollegen im kaufmännischen Bereich. Die Funktion der LSB-Präsidentin ist eben „nur“ ein Ehrenamt.

Hilft Ihnen Ihre Arbeit in Ihrem Ehrenamt?

Ich würde sagen, es ist genau anders herum. Im LSB habe ich immer einen Blick auf das Große und Ganze in Sachen-Anhalt, während ich meinen Blickwinkel auf der Arbeit dann herunterbreche und den einzelnen Fall schärfe. Daher befruchtet das Ehrenamt meine Arbeit eher als anders herum.

Wie bekommen Sie Privatleben, Job und Ihre Funktion beim Landessportbund vereint?

Wie eingangs erwähnt, habe ich mich vor der Wahl gefragt, wo ich mit meinem Leben hinmöchte. Hier bin ich noch dabei, das etwas zu sortieren. Doch meine ehrenamtliche Tätigkeit passt sehr gut herein und ist nur möglich, weil mein Arbeitgeber mich dabei unterstützt.

Nun steht der Jahreswechsel an: Haben Sie persönlich Vorsätze für 2021?

Ich möchte, mehr als zuletzt, in Bewegung sein und bleiben. Außerdem möchte ich trotz der veränderten Lebenssituation dafür sorgen, dass Kontakte und Freundschaften nicht auf der Strecke bleiben.

Welche Ziele haben Sie sich als LSB-Präsidentin gesetzt?

Mir ist es wichtig, nicht zu meckern, sondern zu gestalten. Es gilt die „Leuchtturm-Veranstaltungen“, die in diesem Jahr ausgefallen sind, wiederaufzubauen und an den Start zu bringen. Dazu müssen wir mit den Kreis- und Stadtsportbünden, aber auch den Landesfachverbänden ins Gespräch kommen. Hier wird das Ehrenamt auch gefordert sein, aber ich bin sicher: Die Motivation ist bei allen da.

Was möchten Sie den Sportlern und Ehrenamtlern in Sachsen-Anhalt für das kommende Jahr mitgeben?

Mein Leben gestalte ich getreu dem Motto: „Es hat alles einen Sinn, auch wenn man diesen nicht sofort erkennt.“ Und wenn man durch die Pandemie dachte, alles geht den Bach runter, haben wir doch alle einen Sinn darin entdeckt: Sport und Ehrenamt bereichert unser Leben. Wir werden uns immer an die lachenden Kinder oder die stolzen, leuchtenden Augen ihrer Übungsleiter erinnern, wenn es einmal schwer wird. Es zählt die Gemeinschaft. Als ehemalige Leistungssportlerin weiß ich, dass man aus Krisen Kraft und Stärke schöpft. Das wünsche ich mir auch jetzt für alle Sportler und Ehrenamtler. Es gibt jetzt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken – im Gegenteil. Diese Krise macht uns stärker.