Haldensleben l Dort ist Anne Roeloffs zuständig, die selbst auch auf eine sportliche Laufbahn zurückblicken kann. Im Volksstimme-Interview mit Stefan Rühling berichtet die 38-Jährige über ihre Fußball-Zeit, verrät die neue Sportart in ihrem Leben und gibt Tipps für Vereine in Sachen Sportstättenbau.

Volksstimme: Frau Roeloffs, Sie haben einen wenig verbreiteten Nachnamen. Wissen Sie, woher er stammt?

Anne Roeloffs: Puh, gute Frage. Ehrlich gesagt, weiß ich es aber nicht.

Sie stammen aus Kleve. Das liegt in Nordrhein-Westfalen an der Grenze zu den Niederlanden. Was hat Sie nach Sachsen-Anhalt verschlagen?

Dafür muss ich etwas weiter ausholen, denn das war total ungeplant. Nach meinem Abitur war es mein Plan, zur Polizei zu gehen. Allerdings war dies zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich, da ich gerade einen Kreuzbandriss erlitten hatte. Das passte dann nicht so richtig in meine Zukunftspläne, einen Plan B hatte ich – ganz zum Leidwesen meiner Eltern – allerdings auch nicht. Dafür hatte ich die Worte meiner Mutter im Ohr, dass „Nichtstun“ auf gar keinen Fall in Frage kommt. So begab ich mich im August des Jahres 2001 auf die Suche nach einem Plan B. Jegliche Ausbildungsplätze waren zu dem Zeitpunkt natürlich längst vergeben und studieren hatte ich eigentlich nicht vorgesehen. Denn ich war eher froh, die Schulbank endlich verlassen zu haben. So konnte ich mir nur noch „irgendwas mit Sport“ vorstellen. Bei meiner Recherche bin ich dann auf den Diplom-Studiengang „Sport und Technik“ gestoßen. Eine Kombination von Sport und technischen Fächern wie Mathematik, Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik hörte sich für mich erst einmal interessant an. Der einzige Studienort dafür war Magdeburg. Ich habe mich dafür beworben und recht schnell eine Zusage bekommen, also stand fest: ich ziehe nach Magdeburg.

Was wussten Sie über Sachsen-Anhalt zu diesem Zeitpunkt?

Ganz ehrlich – so ziemlich gar nichts. Meine beiden Großmütter sind im zweiten Weltkrieg nach Köthen evakuiert worden und sprachen immer von der sehr offenen Art der Menschen hier. Das war dann aber auch schon alles, was ich wusste.

Welche Beziehung haben Sie zu Sport?

Als Kind habe ich bereits Tennis und Tischtennis gespielt. Später kam ich zum Fußball. Erst mit den Jungs in und nach der Schule sowie dann mit meinem Vater im Keller und auf der Straße. Es war auch nicht gerade die Wunschvorstellung meiner Mutter, dass ihr Mädchen Fußball spielt. Als in meinem Tischtennis-Verein dann aber die erste Mädchenmannschaft gegründet wurde, war mir klar, dass ich da mitmachen wollte. Mittlerweile war ich etwa 13 Jahre alt.

Welcher Verein war das?

Das war der DJK Rhenania Kleve e. V. in meinem Heimatort, im Übrigen auch der einzige Verein mit einer Mädchen- und Frauenmannschaft im Umfeld.

Konnten Sie Ihre Leidenschaft in Magdeburg weiterverfolgen?

Ich hatte es vor, ja. Doch anfangs war das gar nicht so einfach, weil ich gar nicht wusste, ob es Frauenfußball-Mannschaften gibt. Dann aber bin ich auf den SV Fortuna Magdeburg/Wolmirstedt e. V. aufmerksam geworden. Der Verein hatte damals weder einen Internet-Auftritt, noch eine Facebook-Seite und Studenten haben in der Regel kein Zeitungsabo, was das zunächst erschwerte.

Wie kam der Kontakt dann doch zustande?

Mir fiel eine Broschüre der Stadt Magdeburg in die Hand, in der sämtliche Sport-Angebote von Vereinen aufgelistet waren. Dort war auch die Frauenfußball-Mannschaft des SV Fortuna Magdeburg/Wolmirstedt e. V. inklusive Telefonnummern der Ansprechpartner dabei. Ein kurzes Telefonat später herrschte bei mir aber zunächst totale Verwirrung: Mir wurden tatsächlich vier Trainingstage mit vier verschiedenen Sportstätten genannt. Trotzdem hat mich das nicht abgeschreckt und ich bin an einem Mittwoch im November 2001 das erste Mal zum Training gefahren – ganz zum Leidwesen meiner Familie, denn von da an waren die Wochenenden und die Semesterferien mit Fußball verplant.

Was hat Sie trotz der Verwirrung überzeugt, sich dem Verein anzuschließen?

Das war gar nicht schwer. Ich spiele einfach unheimlich gerne Fußball und war nach der ersten Trainingseinheit sofort von der extrem offenen Art und der totalen Sportbegeisterung aller erfreut. Das ist übrigens ein Phänomen, dass ich bis heute beobachten kann. Diese absolute Sportverrücktheit der Region begeistert mich bis heute. Sofort war klar, dass das nur passen kann.

Aus Fortuna wurde im Sommer 2003 der Magdeburger Frauenfußballclub, der erfolgreichste seiner Art in Sachsen-Anhalt. Was war die höchste Spielklasse, die Sie mit der Mannschaft erreicht haben?

Wir sind am Ende der Saison 2008/2009 aus der Regionalliga in die zweite Frauen-Bundesliga aufgestiegen.

Was hat Ihnen das bedeutet?

Sehr viel, wobei ich nicht nur die Spielklasse an sich meine. Es kommt auch alles dazu, was ich in der Zeit in dem Verein erleben durfte. Das hat mir unheimlich gut gefallen. Aber natürlich ist es schon etwas ganz Besonderes, wenn man es schafft, in die zweithöchste Liga Deutschlands aufzusteigen. Und das als ein Verein, der von seinem familiären Umfeld lebt, in dem zu dem Zeitpunkt keine Spielerin ein Honorar bekommen hat und jede Spielerin neben Studium und/oder Arbeit alles dem Fußball untergeordnet hat. Das hat auch für einen tollen Zusammenhalt gesorgt. Ich weiß noch, wie viel wir als Mannschaft auch neben dem Platz für den Verein gemacht haben: Beispielsweise haben wir immer samstags vor einem Heimspiel selber das Programmheft, welches am Spieltag die Zuschauer erhalten haben, geschrieben und gefaltet. Es war zu der Zeit alles durch unheimliches, ehrenamtliches Engagement geprägt – eine ganz tolle Erfahrung.

Rein sportlich war es natürlich super, sich auf dem Niveau mit anderen Teams zu messen. Und wir haben uns mehrere Jahre echt gut in dieser Liga verkauft!

Welche Erlebnisse bleiben Ihnen in Erinnerung?

Sportlich müsste ich hier wahrscheinlich den Aufstieg als schönstes Erlebnis nennen, aber dieses entscheidende Spiel dazu war es irgendwie gar nicht. Das haben wir sehr deutlich gewonnen und das war zu dem Zeitpunkt auch keine große Überraschung mehr.

Vielmehr sind mir einige Duelle in den Jahren zuvor in Erinnerung geblieben: Als wir noch Regionalliga gespielt haben, war dort auch noch der Hallesche FC aktiv. Lange Zeit waren beide Mannschaften sportlich auf Augenhöhe und diese Duelle, sowohl in der Liga als auch im Pokal, hatten immer das besondere Extra, dass man sich als Spielerin wünscht. Da erinnere mich auch gerne an das ein oder andere Pokalfinale.

Aber auch Spiele in Stadien wie der Alten Försterei bei Union Berlin sorgten bei mir für Gänsehautmomente.

Mittlerweile haben Sie Ihre Laufbahn beendet, verfolgen Sie dennoch den Frauenfußball im Allgemeinen und den Magdeburger FFC im Speziellen weiter?

Ja, na klar, aber natürlich anders, als noch als aktive Spielerin. Immerhin war ich 18 Jahre dabei. Selbstverständlich verfolge ich weiterhin die sportliche Entwicklung des Magdeburger FFC – allerdings nur als Zuschauerin und nicht in einer ehrenamtlichen Funktion. Darüber hinaus interessiere ich mich natürlich auch für die Entwicklung ehemaliger Mitspielerinnen wie beispielsweise Almuth Schult, die mit dem VfL Wolfsburg in den vergangenen Jahren alles erreicht hat.

Haben Sie daran gedacht, eine Laufbahn als Trainerin einzuschlagen?

Ja, ich war beim Magdeburger FFC auch schon einige Jahre als Übungsleiterin im Nachwuchsbereich tätig. Später dann im neu gegründeten Landesleistungszentrum, den heutigen B-Juniorinnen, die in der Bundesliga aktiv sind. Das unterstreicht auch mein unverändertes Interesse am Verein, da es doch noch die eine oder andere Spielerin gibt, die ich selbst schon trainiert habe. Leider ließ sich die Trainertätigkeit damals mit meinem Job und der aktiven Spielerlaufbahn zeitlich nur schlecht vereinen, so dass ich sie nach vielen Jahren leider aufgeben musste – aber vielleicht ergibt sich da zukünftig wieder eine Trainertätigkeit.

Welchen sportlichen Hobbys gehen Sie heute nach?

Wenn man nach so vielen Jahren Fußball irgendwann aufhört, ist es schwierig, sich eine neue sportliche Heimat zu suchen. Aber ich habe sie gefunden: Seit einigen Jahren bin ich im Crossfit aktiv. Eine tolle Sportart, die ich auch jedem aktiven Fußballer als tolle Ergänzung nur ans Herz legen kann.

Wieso sind Sie nach Abschluss des Studiums nicht wieder in die Heimat zurückgekehrt?

Ganz klar: aufgrund des Fußballs. Der Verein ist meine zweite Heimat geworden und ich hätte es mir zu der Zeit einfach nicht vorstellen können, darauf zu verzichten. Klar hätte ich auch zu einem anderen Verein wechseln können, aber diese Frage habe ich mir nie gestellt. Und wenn man so viel mit dem Verein erlebt, dann verbindet das – und genau davon lebt doch der Sport!

Heute sind Sie durch Ihre Arbeit beim Landessportbund noch immer mit dem Sport verbunden. Was genau machen Sie dort?

Ich bin Referentin im Bereich Sportinfrastruktur. Eine meiner Hauptaufgaben ist es, die Vereine dabei zu unterstützen, dass sie ihre Sportstätten baulich so verändern oder weiterentwickeln, wie sie es sich vorstellen. Hierbei bin ich im Wesentlichen das Bindeglied zwischen Landesbehörde und hoch engagierten, ehrenamtlichen Vereinsvorständen, denen ihr Verein am Herzen liegt. Meine Aufgabe ist es dabei, die Vereine bestmöglich zu unterstützen, ihnen bei Förderanträgen zu helfen und bei den verschiedenen Landesbehörden um eine finanzielle Unterstützung zu kämpfen.

Sie betrachten den Sport nun also aus einer anderen Perspektive?

Ja, die Perspektive hat sich etwas verändert, aber gar nicht so extrem, wie man denken sollte. Ich arbeite täglich mit ehrenamtlichen Vereinsvorständen zusammen. Das beginnt mit dem jungen, dynamischen Zwanzigjährigen, der seine Sportstätte smarter machen möchte und geht bis hin zu dem 80-Jährigen Vereinsvorsitzenden des Schützenvereins, der einen neuen Schießstand benötigt. Menschen, die unsere Sportlandschaft prägen und die jede erdenkliche Unterstützung verdient haben. Ich kann mich bestens in ihre Situation hineinversetzen, da ich genau diese Probleme und Hürden, die sie überwinden müssen, aus meiner aktiven Zeit kenne. Ich denke, dieses Verständnis ist einer meiner elementaren Bausteine ihnen helfen zu können. Und genau das versuche ich in erster Linie zum Thema Sportstättenbau.

Das bedeutet?

Oftmals fängt es mit einem Telefonat mit einem Verein und einer Idee, dass mal was an der Sportstätte gemacht werden muss, an. Über unter anderem mit Vor-Ort-Terminen und Beratungen helfen wir dem Verein, seine Idee in eine „bürokratiegerechte Form“ zu bringen, so dass der Fördermittelgeber hier finanziell unterstützen kann. Ob das zuwendungsrechtliche Fragen sind, baufachliche Empfehlungen oder ähnliches – da ist die Beratungsleistung von Verein zu Verein unterschiedlich. Fakt ist: Wir helfen dem Verein vom ersten Pinselstrich bis zur Eröffnung der Sportstätte in allen Belangen.

Im Moment sind die Sportstätten gesperrt, es herrschen landesweit Kontaktbeschränkungen. Behindert dies auch die Planung und Durchführung von Baumaßnahmen?

Der Sport lebt von dem persönlichen Kontakt. Und der ist gerade nur sehr eingeschränkt möglich. Das kann man nicht schönreden. Aber im Bereich der Baumaßnahmen haben wir mit den Vereinen ganz gute Kompromisslösungen gefunden. Natürlich kann der Vor-Ort-Besuch nicht durch ein Online-Meeting ersetzt werden, aber die Vereine sind da sehr kreativ unterwegs. Bei den Durchführungen der Baumaßnahmen gibt es wenig Einschränkungen – dass ein oder andere lässt sich ohne laufenden Spielbetrieb sogar besser umsetzen. Doch jedes Vereinsgespräch, was ich führe, endet mit den Worten: „Aber nach Corona kommen sie bitte zu unserer Sportstätte“. Das fehlt schon!

Wie viele Förderanträge landen durchschnittlich pro Jahr auf Ihrem Tisch?

Knapp 200 Vereinsanträge, aufgeteilt auf drei Förderprogramme, landen bei meinem Kollegen und mir jährlich auf dem Tisch.

Was genau machen Sie dann damit?

Dadurch, dass wir die Anträge nicht selber bescheiden, übernehmen wir hier die beratende und unterstützende Rolle. So erstellen wir beispielsweise für die Förderrichtlinie des Sportministeriums eine Prioritätenliste als Empfehlung, woraufhin die Behörde dann ihre Förderbescheide erstellt.

Worauf müssen Antragsteller besonders achten, wenn Sie einen positiven Bescheid erhalten wollen?

Da gibt es keine Pauschalantwort. Ich kann nur jedem Verein ans Herz legen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Dann können wir in offenen Gesprächen gemeinsam abwägen, wie es weitergehen kann. Wir wissen, wie vielschichtig und umfangreich ehrenamtliche Arbeit ist und hoffen, mit unserem Tun für ein wenig Entlastung im Ehrenamt zu sorgen.