Salzwedel l Doch immer wieder gibt es auch Auseindersetzungen, die nicht dorthingehören. Gewalt im Fußball ist kein Problem der Neuzeit. So gelten zum Beispiel besonders die 1980er und die frühen 90er Jahre als Zeiten der Hooligan-Hochburg in Deutschland.

Ultras verdrängen die Hooligans

Später wurden die Hooligans mehr oder weniger durch die Ultras verdrängt. Viele Gruppen berufen sich dabei auf das „Ultra-Manifest“ aus Italien, welches sich deutlich gegen die Kommerzialisierung im Profifußball wendet und zusätzlich Regeln aufstellt.

Während bei den Hooligans, denen immer wieder eine Verbindung zur rechten Szene nachgesagt wird, der Kick nach Gewalt im Vordergrund steht, zeichnen sich Ultras besonders durch ihre Gesänge, Choreographien, Spruchbänder, Schwenkfahnen, Doppelhalter sowie Kurvenshows aus.

Bilder

Doch die Gewalt im Fußball ist keine Einbahnstraße, die sich nur vom Zuschauer - zumeist in Form von Pyroaktionen - auf das Spiel widerspiegelt oder verschiedene Fangruppen untereinander prügeln. In der aktuellen Situation, wo sich viel gegen Dietmar Hopp, den DFB oder die DFL richtet, hat man zwar oftmals ein anderes Gefühl.

Spieler und Trainer nicht immer Vorbild

So gab es zuletzt auch immer wieder Bilder zu sehen, wo sich zahlreiche Spieler um den Schiedsrichter versammelten, um die Entscheidung des Unparteiischen entscheidend zu beeinflussen. Auch die Trainer am Spielfeldrand sind dabei nicht außen vor. Fast an jedem Spieltag konnte zuletzt beobachtet werden, wie vor allem die Entscheidungen des Videoschiedsrichters kritisch beäugt wurden oder wie diskutiert mit dem vierten Offiziellen wurde.

In den Amateurligen spielten sich in den letzten Jahren vereinzelnd sogar noch wildere Szenen ab, welche die Gewalt nochmal auf eine höhere und ganz andere Stufe stellten.

Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem

Genau so vielfältig die Formen von Gewalt in und um den Stadien sind, genauso vielfältig sind auch die Ursachen von Gewalt. Das sieht auch Mario Seidel, der viele Jahre lange beim SV Eintracht Salzwedel aktiv war und aktuell den SV Lemgow-Dangenstorf trainiert, so.

„Ich habe zum Thema Gewalt im Fußball selbst noch keine Erfahrungen gemacht. Sicher gab es mal verbale Angriffe, doch die gehören - ob man das nun schön findet oder nicht - aufgrund der Emotionalität dazu. Gewalt gegen den Schiedsrichter habe ich aber noch nicht erlebt. Für mich gilt immer, dass man sich - egal ob Spieler, Trainer oder Schiedsrichter - nach dem Spiel in die Augen gucken kann. Emotionen gehören dazu, doch es muss fair ablaufen, wobei es auch immer Situationen gibt, die an der Grenze liegen. Ein bewusstes Foul in Kauf nehmen bedeutet, dass man eine Verletzung des Gegners in Kauf nimmt. Weil ein Foul - für mich - sowieso immer Nicht-Können bedeutet, war ich auch immer ein Befürworter von internen Sperren. Was mitunter aber doch komisch ist, ist die Legislative. Während verbale Entgleisungen zumeist mit dem Platzverweis bestraft werden, gehen überharte Fouls oftmals mit Gelb durch. Für mich muss die Wertigkeit von Fouls immer höher sein. Letztlich muss man aber sagen, dass die Gewalt kein spezifisches Fußball-Problem, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, welches sich durch auch alle Lebensbereiche zieht.“

Fans oder Spieler werden also nicht durch den Fußball zum Gewalttäter, vielmehr wird die Gewalt mit in den Fußball hineingetragen. Diese Tendenz zur Gewalt wird durch die Emotionen oder das Fanleben, die der Sport mitbringt, verstärkt und intensiviert. So können Spielerverkäufe, verpasste Vertragsverlängerungen, eine vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters, Provokationen der gegnerischen Fans sowie schwere Fouls, die das eigene Team einstecken muss, ebenfalls das Fass zum Überlaufen bringen.

Gerade beim Fußballverband Sachsen-Anhalt gibt es in Bezug auf größere Ultragruppierungen eher weniger Probleme. Mannschaften wie der 1. FC Magdeburg und der Hallesche FC spielen in der 3. Liga und sind deshalb eine Ausnahme. Darunter gibt es im Bundesland keine vergleichbaren Fanszenen, weshalb es gerade im nordwestlichen Teil des Fachverbandes andere Probleme in Bezug auf Gewalt im Fußball gibt.

Zahl der Angriffe auf Schiris nimmt zu

In der Saison 2018/2019 kam es zu 2.906 Angriffen auf Schiedsrichter (2017/2018: 2.866). Ronny Zimmermann, DFB-Vizepräsident Schiedsrichter, sagte ebenfalls im Juni 2019 zu dieser Entwicklung:

„Wir müssen erstmals einen leichten Anstieg von Fällen verzeichnen, bei denen Schiedsrichter angegriffen wurden. Und das, obwohl gegenüber der Vorsaison knapp 50.000 Spiele weniger absolviert wurden. Soziale Konflikte brechen hier auf dem Fußballplatz durch. In der Gesellschaft müssen wir insgesamt registrieren, dass vermehrt Ordnungsinstanzen angegriffen werden.“

Situation im KFV Fußball noch überschaubar

Diese Zahlen zeigen, dass sich die Fälle in Deutschland insgesamt häufen. Doch wie sieht es in Sachsen-Anhalt und speziell in der Westaltmark aus? Axel Garz - Verantwortlich für Spielwesen beim KFV Altmark-West - und Thomas Kölle - Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses beim KFV Altmark-West - sind sich einig, dass es bereits Vorfälle gab, die Probleme - wie sie in anderen Kreisen aber bereits zu sehen waren - bei uns so noch nicht vorgekommen sind.

„Ich kann mich erinnern, dass mal der TSV Kusey und der VfB 07 Klötze wegen des Abbrennens von Pyrotechnik vom Sportgericht mit einer Platzsperre bestraft wurden, doch mehr eigentlich nicht. Wenn es darauf ankam, ist es bislang immer so gewesen, dass die Vereine hinter dem Schiedsrichter standen und dass die meisten Probleme nach dem Spiel wieder vergessen waren. Fälle, wie bei der Hallenlandesmeisterschafts-Zwischenrunde der B-Junioren im Süden, wo das Turnier eine Stunde unterbrochen werden musste, weil sich die Eltern am Rand prügelten, gab es zum Glück noch nicht und wird es hoffentlich auch nie geben“, erkärt Garz.

Kölle ergänzt: „Vor knapp 25 Jahren kann ich mich erinnern, dass ein Spieler mit einer Entscheidung vom damaligen Schiedsrichter Heinz Wulfänger, der leider schon verstorben ist, unzufrieden war und ihn daraufhin geschlagen hat. Man sieht also, dass es immer mal wieder auch Gewalt gegenüber den Schiedsrichtern gibt. Auch Spieler standen sich schon oftmals Kopf an Kopf gegenüber, doch die Köpfe eingeschlagen wurden sich auf dem Platz nicht. Von Jagdszenen auf dem Fußballplatz, wie wir sie schon woanders in Deutschland gesehen haben, blieben wir bislang verschont. Im Großen und Ganzen wurden wir mit diesem Problem noch nicht konfrontiert. Dennoch sind wir im KFV Altmark-West nicht blind und beschäftigen uns zumindest präventiv mit dem Thema, damit wir im Fall der Fälle nicht planlos reagieren. Man wird Reibereien auf dem Platz nicht verhindern können. Fußball ist eine Kontaktsportart, die von Emotionen bestimmt wird. So wird es immer Konflikte mit dem Schiedsrichter oder unter den Spielern geben“.

Rivalität hat abgenommen

Insgesamt muss man aber sagen, dass die Rivalität abgenommen hat. Die Rivalität, wie sie früher zwischen Diesdorf und Jübar/Bornsen, Kalbe und Engersen, Salzwedel und Mechau auf sportlicher Sicht oder Klötze und Oebisfelde vor der Kreis-Gebiets-Reform in den 90er Jahren herrschte, gibt es heute nicht mehr. Durch die Zusammenlegung vieler Schulen im ländlichen Bereich und der Bildung von Spielgemeinschaften im Juniorenbereich, sind die Beziehungen viel enger zusammengerückt.

Doch nicht nur die Verantwortlichen können bestätigen, dass der Fußballverband Sachsen-Anhalt und damit auch der Kreisfachverband Altmark-West, noch keine besonders schwerwiegenden Fälle von Gewalt im Fußball hatten. So gab es sicherlich auch mal absichtliche Ellenbogenschläge ins Gesicht - zum Beispiel verlor im Kreispokalspiel zwischen dem SSV 80 Gardelegen II und der SG Eintracht Mechau ein Spieler sogar mal drei Zähne - doch diese Vergehen gehören halt nicht zur Tagesordnung, auch wenn man sie deshalb in keiner Weise gut heißen kann.

Damke ohne negative Erfahrungen

Michael Damke ist ein langjähriger Schiedsrichter aus Gardelegen, der bis zur Verbandsliga pfeifen darf und somit schon enorme Erfahrungen gesammelt hat: „So kurios das klingt. Ich habe als Schiedsrichter noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im damaligen Landesliga-Derby - vor über 1000 Zuschauern - zwischen dem Schönebecker SV und dem Schönebecker SC soll mich mal ein Zuschauer - ohne dass ich es gemerkt habe - angespuckt haben. Erst in der Kabine hatte mich mein damaliger Assistent Burkhard Kramp darauf hingewiesen. Sonst kann ich aber von keinen negativen Erfahrungen sprechen. Mir wurden keine Schläge angedroht und auch mit den Spielern hatte ich nie ein größeres Problem.“

Ähnliche Erfahrungen machten bislang auch die jungen Schiedsrichter des Altmarkkreises. Während Mattes Schulze davon spricht, dass es „sicher mal Beleidigungen gab“, diese aber entsprechend geahndet wurden.

Bei Sebastian Dembeck sieht es ähnlich aus: „Bislang habe ich keine schwerwiegenden Sachen als Schiedsrichter erlebt. Einmal wurde ich von einem Spieler als Idiot bezeichnet, weil ich in der Nachspielzeit noch den Abstoß ausführen ließ bevor ich das Spiel abpfiff. Nachdem ich das Spiel dann schon abgepfiffen hatte, zeigte ich ihm aufgrund dieser Beleidigung die Rote Karte. Der Spieler war aber einsichtig, entschuldigte sich bei mir und ging anschließend in die Kabine. Auch in meiner Anfangszeit gab es gewisse Situationen, wo sich mehrere Spieler um mich versammelten und unsachlich nachfragten. Letztlich ist Fußball aber immer mit Emotionen verbunden. Auch Körperkontakt gab es schon, doch dieser war meist nicht beabsichtigt und somit auch nicht strafbar.“

Kühne hofft auf besseren Austausch

Doch nicht nur die Spieler können mal ein Problem mit dem Unparteiischen haben. Schließlich gibt es am Rand auch die Trainer, die mal mehr oder weniger - je nach Spielverlauf - auf das Geschehen einwirken. Heino Kühne trainierte viele Jahre den SSV Havelwinkel Warnau oder den Möringer SV und verfügt somit - ebenfalls wie Seidel - über einen großen Erfahrungsschatz:

„Auch Schiedsrichter und ihre Assistenten machen nicht alles richtig. Die besten Schiedsrichter sind nämlich die, die viel mit den Spielern oder uns Trainern reden und mit wenigen gelben Karten auskommen. Leider gibt es auch viele Schiedsrichter, die mit Karten um sich schmeißen, wodurch die Verhältnismäßigkeit oder der Maßstab völlig verloren gehen. Trotzdem will ich die Schiedsrichter in Schutz nehmen, weil das sicher auch nicht immer einfach ist. Wir müssen wieder mehr aufeinander zu gehen und mehr miteinander reden. Alleine durch diese kritischen Gespräche, kann man Vieles schnell wieder aus der Welt schaffen.“

Ob man diesen Teil der Stadionordnung nun schön findet oder nicht: Feuerwerkskörper, Raketen, bengalisches Feuer, Rauchpulver, Rauchbomben, Leuchtkugeln und andere pyrotechnische Gegenstände sind in allen deutschen Stadien sowie auf allen Sportplätzen verboten und daran wird sich vermutlich auch nicht viel ändern. Obwohl man beim Hamburger SV zuletzt einen neuen Ansatz versuchte, scheinen sich die Verantwortlichen kaum umstimmen zu lassen. Im Vordergrund steht nämlich der Schutz aller Fußballfans und dieser kann einfach nicht hundertprozentig gewährleistet werden, wenn man Pyrotechnik erlaubt - auch wenn die Bilder dieser Choreos mitunter schön anzusehen sind.

Gewalt lässt sich nicht ausschließen

Auch die Gewalt von Spielern untereinander oder die Gewalt von Spielern oder Trainer gegen den Schiedsrichter, wird in Zukunft kaum abnehmen. Man kann von Glück sagen, dass es im Altmarkkreis Salzwedel noch keine wilden Szenen - wie im Juni vergangenen Jahres in Duisburg - gab. Damals musste ein Fußball-Amateurspiel wegen eines Gewalteklats abgebrochen werden.

Solche Jagdszenen gab es bislang nicht in unserem Kreis und wird es auch hoffentlich niemals geben. Es ist allerdings zu einfach, dass man in diesem Zusammenhang die Bundesligen in die Pflicht nimmt, weil diese angeblich ihrer Vorbildfunktion nicht nachkommen würden.

Fest steht, dass es solche Szenen wie in Duisburg im Oberhaus, in der 2. Bundesliga oder in der 3. Liga noch nie gab. Fußball ist letztlich ein Sport, der nicht allein über das Können, dem Marktwert oder das Talent der jeweiligen Mannschaft definiert ist. Wenn es so wäre, stünde zum Beispiel der Regionalligist 1. FC Saarbrücken kaum im Halbfinale des DFB-Pokals.

Der Fußball wird auch über Emotionen, Adrenalin, die Atmosphäre im Stadion oder auf dem Sportplatz und sicher auch über das Quäntchen Glück entschieden. Gerade aus den Emotionen oder dem Adrenalin heraus, entsteht nun einmal Reibung, die sich einfach irgendwann entladen muss. So kann man auch zum Beispiel Florian Kohfeldt - dem Trainer des SV Werder Bremen - nicht böse sein, wenn er in der aktuellen sportlichen Situation, ein bisschen emotionaler auf 50:50-Entscheidungen reagiert, die gegen sein Team gewertet werden.

In der westlichen Altmark muss man feststellen, dass Gewalt im Fußball sicher vereinzelnd aufkommt, allerdings nicht in der Masse und auch nicht in der Schwere der Vergehen, weshalb diese großen Probleme derzeit auch etwas weiter weg erscheinen. Selbst wenn es während des Spiels mal gewisse Probleme gibt, können diese zumeist nach dem Abpfiff mit einem Kaltgetränk und einem klärenden Vier-Augen-Gespräch aus der Welt geschafft werden. Dennoch sollten die Vereine in unserer Region weiterhin stets einen guten Austausch mit den eigenen Anhängern und den Schiedsrichtern pflegen. Schließlich wollen wir auch in Zukunft nie von solchen Situationen berichten.