Jävenitz l Der Hans Meyer der Altmark spricht im Exklusiv-Interview mit Volksstimme über das Training an Garagentoren, weshalb er im Training seinen Spielern nicht alles abverlangt und wieso er seiner Mannschaft gegenüber Schuldgefühle hat.

Guido Euen ist ein Unikat. Nicht nur aufgrund seines imposanten körperlichen Erscheinungsbildes von 1,90 Meter Größe. Der Erfahrungsschatz des einstigen Trainers von TuS Bisamrk und Lok Stendal scheint schier unbegrenzt.

Geballtes Fußballwissen gepaart mit gezielt platzierten Redewendungen und markigen, humorvoll anmutenden Sprüchen, charakterisieren den Trainer des Kreisoberligisten SV Heide Jävenitz. Im Interview mit der Volksstimme, lernen wir eine sanfte Seite vom Erfolgscoach kennen.

Volksstimme: Herr Euen, Sie waren als Spieler und Trainer schon für Lok Stendal aktiv. Wieso ist der SV Heide Jävenitz aber die schwierigste Aufgabe, die Sie je angetreten haben?

Guido Euen: Zunächst einmal ist es als Trainer sehr lehrreich, in einem solchen Verein zu arbeiten. Die Sinne werden für andere Dinge geschärft. Es geht nicht nur um Fußball. Du kannst als Trainer die Spieler nicht beliebig fordern oder bespaßen. Das hat sich in unserer Vorbereitung gezeigt.

Es stehen Menschen auf dem Platz und keine Maschinen. Ich muss auf die Jungs Rücksicht nehmen. Wenn jemand um 19:30 Uhr zum Training erscheint, und er kommt gerade völlig Staub beladen vom Bau und hat schon acht Stunden knochenharte Arbeit geleistet, kann ich keinen Dauerlauf mehr einfordern. Dann wären die Jungs hinüber. Man kann unter diesen Voraussetzungen, nicht mit eisernem Besen regieren.

Welchen Guido Euen sehen Sie mehr? Den Trainer Guido Euen oder den Pädagogen Guido Euen?

(lacht) Eigentlich gehört als Trainer jede Facette hinzu. Auch die des Psychologen. Vor allem, wenn Spieler hinten dran stehen, die auf der Bank als Nummer 12 oder 13 im Kader stehen und hervorragend trainiert und es dennoch nicht in die Startelf geschafft haben. Es ist nicht einfach, auch diese Spieler bei Laune zu halten und zu erreichen.

Deshalb ist Jürgen Klopp mein absolutes Vorbild. Er schafft es mit seiner Art und Weise einen Kader zu motivieren, der mit Nationalspielern und vielfachen Millionären gespickt ist. Dennoch gehen seine Spieler für ihn durchs Feuer und liefern ein Maximum an Einsatz und Leistung. Kloppo ist ein echter Menschenfänger, und deshalb strahlen auch die Spieler, die bei ihm nur von der Bank kommen oder gar nicht spielen. Ich würde gern einen Tag mit ihm verbringen. Das wäre ein absoluter Höhepunkt.

Die Rolle des Psychologen durften Sie auch in der Vorbereitung einnehmen. In einem Testspiel gewann ihre Mannschaft mit überragender Offensivkraft und sieben erzielten Treffern. Davor gab es jedoch auch eine 4:7-Niederlage und insgesamt drei Niederlagen am Stück. Wie haben Sie es geschafft, die Mannschaft wieder in die Spur zu bringen?

Das musste ich gar nicht. Die Mannschaft hat sich selbst über die Niederlagen geärgert, und unmittelbar nach den verlorenen Spielen in der Kabine, keinen Mucks von sich gegeben. Keiner redete. Es war still in der Kabine, bis der Letzte ging. Das zeigt doch, dass die Mannschaft Niederlagen Ernst nimmt. Selbst wenn es nur ein Testspiel ist, bei dem Stammpersonal fehlt, ärgern sich die Jungs und denken darüber nach. Der Wille ist also vorhanden. Manchmal muss man sich selbst dann als Trainer hinterfragen, wenn solche Dinge passieren.

Inwiefern?

Es gibt Phasen in einer Saison, da kann man als Trainer auch nicht immer seine Spieler mitziehen. Dann fragt man sich, wieso es nicht geklappt hat. In der letzten Saison zum Beispiel konnten wir nicht immer das abrufen, was wir können, weil wir nicht immer vollzählig trainiert haben. Kinder, Familie und Beruf gehen im Leben nun mal vor. Da ist es dann nicht einfach, mit fünf bis acht Leuten zu trainieren.

In solchen Phasen habe ich als Trainer versucht, Zeit zu gewinnen, damit das Training über die Bühne geht. Ich selbst war letzte Saison aus beruflichen Gründen phasenweise nicht in der Lage, früher aus dem Büro zu kommen. Vor 18 Uhr ging da nichts. Das ist natürlich auch keine optimale Vorbereitung auf ein Training. Da muss ich auch Schuld auf mich nehmen, wenn in den Spielen etwas nicht gut funktioniert hat. Das pendelte sich dann gegen Ende der Serie ein, so dass ich mehr für die Spieler da sein konnte.

Versuchen Sie mit ihrem Team im Training etwas einzustudieren, oder stoßen Sie auf Grenzen in Jävenitz?

Auf ein langfristiges Ziel hinzuarbeiten bringt nichts, da es Monate oder Jahre dauert, etwas zu perfektionieren. Im Amateurbereich hat man diese Chance nicht, da die Spieler ihren Jobs nachgehen und hin und wieder mit ihren Familien verreisen. Damit kann ich aber auch ganz gut leben. An Grenzen stoße ich, wenn es um Fußball technische Details geht, aber das ist normal. „Was Han nicht lernt, lernt Hänschen nimmer mehr“.

Aber das ist auch gar nicht böse gemeint. Wenn die technischen Grundlagen nicht in der Jugend beigebracht werden, woher soll man sie nehmen. Bei mir war es ja auch nicht anders. Mir hat ja auch keiner erzählt, wie ich die Fußhaltung beim Passspiel einsetzen muss. Erst als ich während meiner Spielerlaufbahn bei Optik Rathenow auf Dirk Werner traf, lernte ich das, was heutzutage die sieben bis zehnjährigen in der Nachwuchsausbildung bei Gardelegen beherrschen. Ein sauberes Passspiel.

Und das ohne Kunstrasen und Markenschuhe von Nike? Wie darf sich der Leser das denn vorstellen?

Das war im Grunde genommen ganz einfach. Der Trainer nahm mich mit an eine Garagenwand. Dort hat er mir die sieben Stoßarten erklärt, wie man als Fußballer einen sauberen Ball spielen kann. Er gab mir den Auftrag, alle Stoßarten zu trainieren, damit ich meine Passtechnik und Präzision perfektioniere. Mit dem rechten und dem linken Vollspann sollten 50 Stöße gegen die Garagenwand, direkt auf meine Position zurück prallen. Das selbe Prozedere folgte mit strengem Wechsel.

Am Anfang hatte ich eine sagenhafte Streuung in den Pässen. Die Wand war damals mein größter Kritiker. Ich wollte aber unbedingt das Ziel erreichen und trainierte bis zum Erbrechen. Mit 16 Jahren und harter Übung, konnte ich das Passspiel an der Wand perfektionieren, obwohl ich mit 1,90 Metern Körperlänge nicht die besten fußballerischen Voraussetzungen hatte.

Mit welchen Argumenten würden Sie einen Spieler überzeugen, einen Wechsel zum SV Heide Jävenitz zu vollziehen?

Ganz klar von unserer Sportstätte. Wir spielen in einer waschechten britischen Arena. Die Atmosphäre ist blendend. Vor allem mit unserer überdachten Gegentribüne. Wir spielen im Old Trafford der Altmark. Das hat niemand, außer Jävenitz. Wir bieten zudem sattes Grün. Zudem haben wir eine neue Duschkabine bekommen. Und wenn all das nicht reicht, dann überzeuge ich den Spieler von mir selbst.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der kommenden Saison.