Salzwedel l Die Probleme sind nicht von der Hand zu weisen. Nicht nur im Altmarkkreis Salzwedel, oder beim Fußballverband Sachsen-Anhalt, die Zahl an Nachwuchsmannschaften in ganz Deutschland nimmt ab. Gleichzeitig nimmt die Zahl an Spielgemeinschaften weiter zu.

Rückläufig seit 2016

Während in Deutschland im Jahr 2010 noch 18326 Juniorenteams im Alter von 15 bis 18 und 82599 Mannschaften im Alter bis 14 Jahre gemeldet wurden, nahm die Zahl zwischen 2016 und 2019 weiter stetig ab.

In den letzten drei Jahren ging die Zahl der Mannschaften im A- und B-Jugend-Bereich von 15801 langsam aber konstant auf 14177 zurück. Besser sieht es darunter auch nicht aus. Waren es bei den unter 14-Jährigen 2016 noch 75746 Mannschaften, ging die Zahl im Jahr 2019 auf 69899 ebenfalls zurück.

Zukunft liegt oft nicht in der Region

Doch wo genau liegen die Gründe dafür? Werden in den einzelnen Verbänden oder in den Vereinen zu viele Fehler gemacht? Gibt es ein strukturelles Problem beim DFB? Oder gibt es vielleicht doch andere Gründe, weshalb gerade ältere Jugendliche das Interesse am Fußball verlieren?

Fest steht, dass der Altmarkkreis Salzwedel – gerade für junge Leute – kaum Alternativen bietet. Zwar finden Jugendliche – sofern sie in der Heimat bleiben wollen – nach dem Realschulabschluss oder dem Abitur durchaus eine Arbeitsstelle in dieser Region. Soll es jedoch der Traumberuf, das große Geld oder das Studium sein, ist diese Entscheidung zumeist mit einem Umzug verbunden.

Allerdings sind der demografische Wandel oder die zuvor erwähnten Probleme nichts Neues. Das ging den Jugendlichen auch schon vor dem Jahr 2010 so und sollte deshalb nicht als Ausrede genutzt werden.

Probleme mit den älteren Altersbereichen

Das sieht auch Thomas Schulze - Vorsitzender Jugendausschuss beim Fußballverband Sachsen-Anhalt – so:

„Es ist sicherlich zu einfach, alles auf den demografischen Wandel zu schieben.“ Das Hauptproblem ist laut Schulze ein anderes: „Der Fußball in den unteren Altersklassen bis zur D-Jugend ist sehr beliebt. Wir schaffen es dann allerdings nicht, die Kinder bis in die C-, B- und A-Jahrgänge zu bekommen“, erklärt Schulze.

Auch bei dieser Frage scheiden sich die Geister. Es ist nur logisch, dass gerade in einer strukturschwachen Gegend wie dem Altmarkkreis Salzwedel, die Jugendlichen versuchen, sich nach dem Schulabschluss auszuprobieren. Sei es eine Ausbildung, das Studium, das duale Studium oder ein freiwilliges soziales Jahr. Das betrifft sowohl die A-, als auch die B-Junioren. Auch den Weg zum Abitur sollte man nicht unterschätzen.

Allerdings muss man auch dazu sagen, dass Jugendliche schon früher ihren Schulabschluss gemacht haben – sei es nun das Abitur oder den Realschulabschluss – und trotzdem wurde der Sport nicht in dem Maß vernachlässigt, dass plötzlich Mannschaften aus dem Spielbetrieb genommen wurden. Auch das Feiern kam vor zehn bis 15 Jahren nicht zu kurz und trotzdem haben viele Nachwuchsmannschaften der westlichen Altmark recht erfolgreich Fußball gespielt. So muss man also zu dem Schluss kommen, dass die Schule, die Ausbildung oder das Studium nicht als ganze Wahrheit anzusehen ist. Weitere Punkte spricht Schulze an:

Schulze gibt sich selbstkritisch

„In den älteren Jahrgängen sind die Interessen breiter gestreut. Es gibt andere Sportarten und es kommen vielleicht auch familiäre Veränderungen dazu. Weiterhin denke ich, dass auch wir als Verband Fehler im Wettspielbetrieb gemacht haben. Wir hätten mehr Reize setzen und mehr mit den Jugendlichen reden müssen. Was läuft gut? Was gefällt? Wo gibt es Probleme?“

Schulze geht damit also sehr selbstkritisch mit dem FSA, der womöglich noch weiteres Problem hat, um. Der Paragraph 11 der Jugendordnung regelt das Spielrecht von Junioren/Juniorinnen in Männer- beziehungsweise Frauenmannschaften. „Wir haben knapp 1400 Sondergenehmigungen vorliegen, damit Jugendliche bereits im Männerbereich antreten dürfen. Das ist fast einzigartig in Deutschland“, erklärt Schulze.

A-Junioren häufig schon bei den Männern

Allerdings ist dieses Schwert zweischneidig. Sicher würde man mit einer Änderung des Paragraphen den Jugendmannschaften helfen. Die Wahrheit ist aber, dass viele Männermannschaften ohne diese Juniorenspieler kaum mehr wettbewerbsfähig wären. Man darf nämlich nicht vergessen, dass sich die abnehmende Zahl an Jugendmannschaften auch irgendwann auf den Herrenbereich auswirkt.

So wurden in Sachsen-Anhalt zwischen 2000 und 2018 151 Mannschaften weniger gemeldet und das ist angesichts des Mitglieder-Booms ab Mitte der 2000er schon ziemlich deutlich. Natürlich darf man in diesem Atemzug auch nicht vergessen, dass man sich über ein sinkendes Niveau in den Landesligen im Nachwuchsbereich nicht wundern darf, wenn zum Beispiel im Altmarkkreis Salzwedel in der C- und in der A-Jugend keine Kreisliga vorhanden ist. Die abnehmenden Zahlen im Nachwuchsbereich ziehen also einen Rattenschwanz nach sich.

Garz sieht Probleme in der Auslastung

Doch nicht nur Schulze, sondern auch Axel Garz - Vorsitzender des Sport und des Jugendausschusses im Kreisfachverband Altmark-West – hat sich mit diesem Thema beschäftigt und fügt weiter hinzu:

„Wir haben die Zahlen natürlich zur Kenntnis genommen und sehen die Folgen vor allem an der steigenden Zahl an Spielgemeinschaften. Wenn man bis zu fünf Teams zusammenfassen muss, um eine schlagkräftige Mannschaft auf das Feld zu schicken, ist das sehr bedenklich.“

Allerdings sieht Garz die Probleme nicht komplett im Fußball alleine: „Die Kinder haben teilweise einen längeren Tag als Arbeitnehmer. Der Schulweg ist lang, der Unterricht geht bis in den Nachmittag hinein und die Hausaufgaben nehmen ebenfalls sehr viel Zeit in Anspruch. Danach bleibt dann halt nur noch wenig Zeit für das Hobby. Zudem kommt dann, dass die Trainingszeiten nicht immer optimal sind.“

Schulze und Garz sind sich zudem einig, dass es auch zu Hause Probleme gibt und stellen fest, dass in vielen Fällen eine richtige Einstellung zum Fußball fehlt. Während Garz vom „fehlenden Feuer“ spricht, ist sich Schulze sicher, dass die „Leidenschaft“ gerade in den älteren Jahrgängen eine große Rolle spielt. Zudem steht für beide fest, dass es das Ziel sein muss, künftig mehr Spieler für den Sport zu begeistern und diese dann auch bis in die älteren Jahrgänge hochzubringen.

Kinder für den Sport motivieren

„Wir müssen gerade bei den G- und F-Junioren weg vom ergebnisorientierten Fußball. Bei der Hallenkreismeisterschaft der F-Junioren bekam ein Kind von 50 möglichen Minuten ganze 49 Sekunden Spielzeit. Genau deshalb verlieren wir die Kinder. Alle Kinder müssen in diesen Altersklassen gleich gefördert werden, auch wenn vielleicht absehbar ist, dass das jeweilige Kind nicht das größte Talent ist. Diese Kinder brauchen wir aber“, appelliert Garz.

Doch wie will man das schaffen? Ein Patentrezept gibt es nicht, weshalb man lediglich versuchen kann, gewisse Dinge zu verändern. Ein Punkt den Schulze anspricht, ist vor allem die Lizenzpflicht für Trainer.

„Matthias Sammer (zwischen 2010 und 2016 als Nachwuchskoordinator von Seiten des DFB für den Ausbau der Talentförderung zuständig, Anmerkung der Redaktion) sagte mal, dass die am besten ausgebildeten Trainer in den Juniorenbereich müssen. Das ist in unserer Region heutzutage aber schwer, weil gute Trainer, trotz des Ehrenamts, auch entsprechend verdienen möchten und demzufolge eher in den Ober-, Verbands- oder Landesligen anzufinden sind.“

Lizenzpflicht soll Qualität sichern

Aus diesen Erkenntnissen resultierte im Januar 2019 das Konzept zur Lizenzpflicht des FSA. Diese Lizenzpflicht bedeutet, dass die B-Lizenzpflicht ab dem Spieljahr 2019/2020 in der Verbandsliga der Herren und bei den Junioren eingeführt wird. Die C-Lizenzpflicht wird ebenfalls ab dem Spieljahr 2019/2020 in der Landesliga der Herren und bei den Junioren eingeführt. In der Landesklasse der Herren haben die Verantwortlichen noch eine Spielzeit mehr Zeit, um entsprechend zu reagieren. Zudem fügt Schulze an, dass er „jeden Trainer verstehen kann, dass er Erfolg haben möchte. Allerdings muss man allerdings auch sagen, dass genau diese Trainer nicht die richtigen für diese Altersstufen sind. Bei den Kleinsten müssen einfach andere Prioritäten gesetzt werden. Der Sieg oder die Niederlage rücken dabei in den Hintergrund.“

Eine Lösung, die beide - aber vor allem Garz - ins Gespräch bringen, ist das FUNino. Für dieses „Konzept Kinderfußball“ wird es auch zwei Infoveranstaltungen geben (2. Mai Arendsee, 19. Juni Potzehne), um den Vereinen und Trainern die Thematik vorzustellen. Gespielt wird FUNino auf einem etwa 32 x 25 Meter großen Feld mit vier Minitoren und zwei 3er-Teams. Tore können nur innerhalb der Sechsmeter-Torschusszone erzielt werden. Dabei wird durch viele Wiederholungen das schnelles Lernen gefördert.

FUNino als neues Konzept

Ziel des FUNino ist die Verbesserung der Spielintelligenz, also der Wahrnehmung, Antizipation, Kreativität sowie der Analyse von Spielsituationen. Die Spieler lernen sehr schnell, weil Spielsituationen regelmäßig wiederkehren und alle Spieler stets am Geschehen beteiligt sind.

„Letztlich geht es darum, dass sich die Kinder frei entfalten und entwickeln sollen. Sie sollen nicht schon früh in ein System gedrängt werden, welches nur darauf basiert, zu gewinnen. Es soll viele Eins-gegen-Eins-Situationen und viele Aktionen am Ball geben, um die Technik zu verbessern und vielleicht auch die Bolzplatz-Mentalität zurückzubringen“, erklärt Garz.

Doch auch diese beiden Lösungsansätze haben keine Gewissheit, dass die Zahl an Nachwuchsmannschaften künftig steigt und ob man damit auch im Leistungsvergleich mit anderen Ländern künftig besser abschneidet. „Die möglichen Erfolge dieser Änderungen werden wir erst in sechs Jahren sehen“, macht Schulze deutlich.

Letztlich ist es sicherlich so, dass die aktuelle Situation sehr bedenklich ist. Die Schuldfrage muss in dieser Beziehung sehr differenziert betrachtet werden, weil klar ist, dass die schulische Ausbildung immer an der ersten Stelle stehen wird. Auf der anderen Seite wird es niemand verhindern können, dass das Freizeitangebot und andere Möglichkeiten immer größer werden.

Die Zukunft wird es zeigen, ob der DFB und die Verbände mit ihren jetzigen Entscheidungen, die richtigen Akzente gesetzt haben. Fest steht, dass vor allem die Umsetzung der Lizenzpflicht, den Altmarkkreis Salzwedel vor große Probleme stellen wird. Schließlich macht man die B-Lizenz mit ihren 120 Lerneinheiten nicht im Vorbeigehen und schon gar nicht innerhalb einer Woche.