Jerichow l Alle stiegen gleichzeitig ab. Nun hofft der Zehntplatzierte der vergangenen Kreisoberliga-Saison auf den Klassenerhalt in der Altmark-Landesklasse.

Der SV Lokomotive Jerichow kommt nicht umhin, in der Saison 2019/20 Geschichte zu schreiben. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte, treten die Mannen von Trainer Sven Lange in der Landesklasse 1 an. Ein absolutes und historisches Novum führte Lokomotive in die neue Spielklasse. Der Aufsteiger aus der Kreisoberliga Jerichower Land, schaffte den Aufstieg auf kuriose Art und Weise. Als Zehntplatzierter der vergangenen Spielzeit geht es für Jerichow mit nur 33 Punkten auf dem Konto hoch in die Landesklasse 1. Das letzte Mal spielten in der altmärkisch geprägten Liga in der Saison 2012/13 Teams aus dem Jerichower Land. Damals belegten Borussia Genthin, Germania Güsen und der SV 90 Parey alle drei Abstiegsplätze.

Für Lok Jerichow wird es um nichts anderes als den Klassenerhalt gehen. Doch warum dürfen sich die Jerichower überhaupt über den Aufstieg freuen und weshalb stieg ausgerechnet ein Verein aus der unteren Tabellenhälfte der Kreisoberliga auf?

Die halbe Liga will nicht hoch

Zum Hintergrund: Das Team um Trainer Sven Lange wurde vom Kreisfußballausschuss als Aufsteiger gemeldet, nachdem zuvor die Teams von Platz eins bis neun der abgelaufenen Kreisoberliga-Saison im Jerichower Land nicht aufsteigen wollten. Entweder waren die sportlichen oder die finanziellen Rahmenbedingungen nicht gegeben. Dass für viele Vereine aufwendige Umrüsten auf Landesklasse-Fußball, wie es seitens der DFB-Regularien vorgesehen ist, kam für Meister Borussia Genthin nicht in Frage. Als Zweitplatzierter Nachrücker wäre automatisch Grün-Weiß Möser berechtigt gewesen. Doch der Vizemeister gab den verantwortlichen Verbandsvertretern einen Korb. Und auch die Eintracht aus Gladau, die lange um den potenziellen Aufstieg mitspielte und eine tolle Saison mit Platz drei abschloss, war unter den vom Verband geforderten Auflagen nicht gewillt, eine Liga höher zu spielen.

Nach einer von Verbandsseite langen Suche nach einer Mannschaft, die sich als Aufsteiger für die Landesklasse 1 qualifizieren möchte, konnte der Verband am Ende beim SV Lokomotive Jerichow Vollzug melden. Als Mannschaft der unteren Tabellenhälfte, war der SV Lok bereit für die Mission Landesklasse 1. Die Zustimmung für den Aufstieg bekam der KFV erst eine Woche nach Saisonschluss. Am 15. Juni gab der Verband grünes Licht und meldete Jerichow als Aufsteiger in die Landesklasse, nachdem schon die interne Lösung besprochen wurde, keinen Aufsteiger zu melden. Stattdessen wurde bereits über die Lösung diskutiert, die Landesklasse 2 ohne Absteiger ins Rennen zu schicken. Nutznießer einer solchen Entscheidung, wäre Landesklasse-Absteiger Germania Güsen gewesen, die damit nicht den Gang in die Kreisoberliga hätten antreten müssen. Doch der SV Lok erhielt letztendlich den Zuschlag für den Aufstieg

Ohne Erfahrung ins Abenteuer Landesklasse

Aus sportlicher Sicht ist der Start in die neue Liga eine Herkulesaufgabe. Keiner der Spieler hat Erfahrung in der Landesklasse 1 vorzuweisen. Neuzugänge gibt es keine. Eine Chance, bei der Verpflichtung neuer Spieler auf namhafte Akteure zu stoßen, blieb bislang Fehlanzeige. Trainer Sven Lange zur Problematik: „Die Spieler, die wir angesprochen haben, wollten lieber in der Region Stendal spielen. Das Gebiet Altmark West war für sie uninteressant.“

Die Mammutaufgabe Landesklasse beginnt für Lok zu Hause gegen Rot-Weiß Arneburg am 17. August. Das erste Aufsteigerduell findet am 26. Oktober beim Rossauer SV statt. Spätestens dann wissen die Aufsteiger aus Jerichow, ob sie konkurrenzfähig sind.

Physis wird trainiert

Eine Liga tiefer kassierte der SV Lok Jerichow satte 60 Gegentore in 26 Spielen, erzielte allerdings auch starke 60 Tore. Das Hauptaugenmerk in der Vorbereitung liegt trotz vieler Gegentore nicht ausschließlich auf der Defensivarbeit. „Wir müssen zunächst schauen, dass alle Spieler in den Punkten Ausdauer, Kraft und Fitness besser werden. Wenn wir die körperliche Basis legen, haben wir eine Chance um zu bestehen“, ist sich Sven Lange sicher.

Kritiker aus dem Umfeld sind jedoch skeptisch, ob es für die Mannen von Coach Lange reichen wird. „Obwohl es schwer wird in einer solchen starken Liga, wollen wir uns dem hohen Niveau stellen und uns weiterentwickeln“, blickt der Übungsleiter voraus. „Die Saison wird am Schluss entschieden. Am ersten Spieltag ist noch keine Mannschaft abgestiegen. Wir haben laut den Kritikern keine Chance. Vielleicht ist genau das unser Vorteil“, hofft Sven Lange.

„Wir gehen ohne Druck in die Spiele und schauen von Spiel zu Spiel. So ist Griechenland 2004 Europameister geworden. Die Griechen sind nicht in das Turnier mit dem Ziel gestartet, den Titel zu gewinnen. Und am Ende hatten sie die Trophäe in der Hand“, glaubt der Trainer an den Klassenerhalt.

Weshalb die anderen Teams aus der Kreisoberliga den Weg in die Landesklasse nicht mitgehen wollten, kann Lange nicht verstehen. „Als Sportler sollte man den Anspruch haben, das Bestmögliche zu erreichen und gegen die Besten zu spielen. Daher kann ich die Entscheidung vieler Teams, nicht von ihrem Aufstiegsrecht Gebrauch zu machen, nicht verstehen. Deshalb mussten wir uns diesen Platz schnappen. Diese Möglichkeit kommt so schnell nicht wieder. Die Jungs wollten das unbedingt. Nun wollen wir zeigen, dass wir bestehen können.“ Die Zuteilung in die Staffel 1 konnte der SV Lokomotive Jerichow indes laut Lange nicht beeinflussen.