Gardelegen l Besonnen, ruhig und bedacht, agiert der im Hauptberuf als Bundeswehrsoldat fungierende Hüne mit der Pfeife. Das vorausschauende und reflektierte Verhalten legte der 30-Jährige allerdings nicht immer an den Tag.

Die Volksstimme fand im Gespräch mit Schütze heraus, welch charakterliche Veränderung der einstige Rüpel auf dem Platz vollzogen hat und welcher Auslöser den Wandel vom Bad Boy zum Vorbild für angehende Jungschiedsrichter begünstigten.

Schütze seit neun Jahren aktiv

Seit nun mehr neun Jahren steht Norman Schütze als Schiedsrichter auf dem Platz. Die Pfeife trägt der 1,88 Meter groß gewachsene Wenzer für den SSV 80 Gardelegen um den Hals. „Das verdanke ich Michael Damke. Er hatte mich darauf angesprochen, ob ich nicht Lust hätte zu pfeifen. Dabei bin ich bis heute geblieben und unglaublich dankbar für diese Chance.“

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Schütze ist dankbar für die Chance

Als Chance begriff Schütz den Beginn der Schiedsrichtertätigkeit vor allem aufgrund einer als Amateur-Fußballer schicksalhaften Verletzung. Den Alptraum aller Fußballer erlebte der Wenzer auf dem Rasen. Ein Kreuzbandriss im linken Knie setzte den Innenverteidiger des aktuellen Kreisligisten der Altmark West außer Gefecht. Was Profi-Fußballer für ein halbes Jahr auf die Tribüne und die Rehabilitationszentren der Krankenhausstationen befördert, zwang Schütze lange Zeit zum Aufhören und Kürzertreten. Der Kampf um das runde Leder drang in den Hintergrund.

Als besonders ärgerlich empfand Schütze die Verletzung am hinteren Bandapparat vor allem deshalb, weil sie zu einem denkbar ungünstigen Moment geschah: „Ich hatte einige Monate zuvor noch 150 Kilogramm gewogen. Dann habe ich es geschafft, das Gewicht radikal zu reduzieren. Ich fühlte mich in der Form meines Lebens, war schlank und fitter denn je. Und dann gab es diesen Knacks im Band. Die Diagnose Kreuzbandriss war daher niederschmetternd für mich.“ Ausgerechnet auf eine der am besten zu bespielenden Rasen der Altmark West laut Schütze, ereignete sich die Bänderruptur. Beim Auswärtsspiel in Jävenitz war die Partie damit frühzeitig für den Abwehrrecken beendet. Die Verletzung war ein Rückschlag, warf den in Köckte geborenen Fußballliebhaber aber keinesfalls um. „Durch die Erfahrung, als Übergewichtiger abgenommen und diese Aufgabe als großen Kraftakt gemeistert zu haben, hatte ich das Selbstbewusstsein, um mich davon nicht umwerfen zu lassen.“

Verletzung ist schwerer als gedacht

Zwei operative Eingriffe musste Schütze über sich ergehen lassen. Nach der ersten Operation und fünf Wochen Krankenhausaufenthalt, schien das Ende des Tunnels für Schütze schon sichtbar zu sein. Doch dann folgte die nächste, schwer verdauliche Botschaft. „Der Chirurg sagte mir bei der Visite, es habe eine Entzündung am operierten Band gegeben. Daher müsste das Band noch einmal operativ auseinandergerissen und neu zusammengeflickt werden. Das war schon ein Schock für mich, aber es half nichts. Da musste ich durch.“ Das neue Kreuzband wurde mit der Patellasehne aus dem rechten Oberschenkel, mit denen des beschädigten Bandes im rechten Knie verbunden. Die lange Odysee im Krankenbett, war damit perfekt.

Die schwierige Zeit während der Pause, gab Schütze zumindest die Gelegenheit etwas zu erleben, was den wenigsten Amateurfußballern im Alltag passiert. Während der Reha in Wolfsburg, traf er auf den Weltmeister von 1990 Pierre Littbarski. Dieser wurde aufgrund seiner O-Beine behandelt, die in Wolfsburg mit gezielter Arbeit gerichtet werden sollten. „Das war ein schönes Erlebnis. Ich war erstaunt, denn er war überhaupt nicht abgehoben, obwohl er ein Millionär ist. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er ein ehemaliger Fußballstar und Prominenter ist, hätte ich es ihm nicht angemerkt.

Nach harter Arbeit, um zurück auf die Beine zu gelangen, war für das ehrgeizige Kampfschwein aus Wenze nichts, wie es vor der Horror-Verletzung mal war. Aufgeben oder davor zurück zu schrecken, wieder auf dem Fußballplatz zu stehen, war jedoch keine Option. Die Verbindung und Liebe zum Fußball war für Schütz zu groß, um dem Sport komplett den Rücken zu kehren. „Für mich war es wichtig, mich zu bewegen, gleichzeitig aber nicht sofort nach der Genesung, in den Kontaktsport zu gehen. Das Fußballspielen stand daher nicht im Vordergrund.“

Schütze beginnt spät als Schiri

Umso wichtiger war es für den Rekonvaleszenten, die Schiedsrichterausbildung beim KFA Altmark West zu genießen und mit der Schiedsrichterei, etwas Neuem einen Platz in seinem Leben zu schenken. Profitiert hat Schütz dabei nicht nur vom positiven Feedback von Michael Damke, sondern auch von seinem Alter und seiner Erfahrung als Spieler. „Mein erstes Spiel als Schiedsrichter, leitete ich mit 21 Jahren. Viele Schiedsrichter fangen bereits im Teenager-Alter mit dem Pfeifen an. Es war für mich aber kein Nachteil, so spät zu beginnen. Ich wurde durch Alter und Körpergröße als Autorität anerkannt.“

An der Seite von Michael Damke, fühlte sich Schütze gut aufgehoben. Mittlerweile ist nach zehnjähriger Schiedsrichtertätigkeit eine Freundschaft erwachsen. Damke gehört für Schütze, genauso wie Frank Beneke und Torsten Ebeling, noch aus seiner heutigen Perspektive zu seinen absoluten Vorbildern.

Erfahrungsaustausch fördert die Qualität

„Diese Drei haben mich geprägt und sind unglaublich authentisch geblieben. Sie verrichten einen großartigen Job. Jeder auf seine Art und Weise. Wenn Michael Damke ruft, dann ist es für mich keine Frage. Dann bin ich sofort dabei. Er ist unglaublich engagiert und pfeift von 15 Hallenturnieren 16“, scherzt Schütze.

„Frank Beneke zeigte mir, dass man als Schiedsrichter seine Linie durchziehen muss. Auf ihn kamen Spieler zu, die sich nach Freistößen beschwerten, sie hätten den Spieler nur ein klein wenig gefoult. Frank erwiderte ihnen, dass es keine halben Fouls gäbe. Im Kreißsaal ist man entweder schwanger oder nicht schwanger. Halb schwanger gibt es nicht. Mit diesen Sprüchen hat er den vorgetragenen Spielerbeschwerden gleich den Wind aus den Segeln genommen. Er hat sich vor den Spielern damit Respekt verschafft und ist damit zur lebenden Legende aufgestiegen. Und Torsten Ebeling ist ebenfalls ein herausragender Schiedsrichter, zu dem ich aufschaue. Es ist schade, dass er relativ spät seine Schiedsrichterlaufbahn begonnen hat. Ihn zähle ich zu den absoluten Top-Schiedsrichtern der Altmark.“

Die Tatsache, dass Schütze heute Schiedsrichter ist, war für den heutigen Kreisoberliga-Referee noch vor einem Jahrzehnt unvorstellbar. „Damals war ich ein Rowdy auf dem Platz und habe die Entscheidungen der Schiedsrichter kritisiert, wenn ich damit nicht einverstanden war. Da wurde ich verbal ausfällig und auch mal laut. Wenn ich heutzutage darüber nachdenke, schäme ich mich fast für mein Verhalten.“

Schütze kennt beide Seiten auf dem Feld genau und weiß, wie sich ein Spieler auf dem Platz fühlt, wenn eine Entscheidung zu emotionalen Ausbrüchen führt: „Ich habe mich innerlich als Schiedsrichter aufgeregt, wenn die Spieler auf mich zu kamen und meckerten. Aber dann habe ich überlegt und bin zu dem Entschluss gekommen, als Spieler genauso emotional reagiert zu haben.

Wenn emotionale Stresssituationen nach einer strittigen Entscheidung auf mich zukommen, dann zücke ich nicht sofort eine Karte, sondern gebe den Spielern erst einmal Zeit, um die Aufregung herunter zu fahren. Die Spieler stehen genauso unter Strom, wie wir Schiedsrichter. Als Spieler habe ich mich beschwert, wenn es Karten oder gar Platzverweise hagelte. Mit etwas Abstand sehe ich das heute etwas anders. Früher habe ich mich bei Schiedsrichtern verbal nicht zurückhalten können. Man kann dann nicht als Schiedsrichter dem Spieler eine gelbe Karte wegen geben, nur weil er sich im ersten Moment über die Entscheidung aufregt. Das wirkt unglaubwürdig.“

Das Fingerspitzengefühl walten zu lassen, ist daher eine der großen Stärken, wenn der Schiedsrichter gleichzeitig auch als Spieler denkt. „Solange sich verbale Diskussionen in einem Rahmen abspielen, welche die persönlichen Grenzen nicht überschreiten, ist das in Ordnung“, so Schütze.

Erfahrungen als Spieler vom Vorteil

Nicht tolerieren möchte Schütze jedoch rassistische Züge von Spielern und Zuschauern an der Seitenlinie. Umso konsequenter und richtiger empfindet Schütze das Handeln von Mannschaften, die nach rassistischen Vorgängen während eines Spieles, vorzeitig den Platz verlassen. „Dies unterstütze ich. Wenn ich solche Vorfälle mitbekomme, breche ich das Spiel sofort ab. Da gibt es keine Ausreden. Die Hautfarbe sollte keine Rolle spielen“, so Schütze, der auch die Attacken gegen andere soziale Milieus nicht dulden wird. „Was gegen Dietmar Hopp losgetreten wurde, ist unwürdig. Ich finde es gut, wie Hoffenheim und Bayern München sich nach den Schmäh-Plakaten gegen Hopp verhalten haben. Eine politische Meinung zu vertreten ist die eine Sache, aber ein Konterfei mit Zielscheibe oder Morddrohungen im Stadion gehen gar nicht. Wir sind alle nur Menschen. Das darf unsere Gesellschaft nicht vergessen.“

Das Schiedsrichterwesen sollte laut Schütze ebenfalls mehr Anerkennung erhalten. „Es ist schon traurig, wenn das größte Kompliment eines Schiedsrichters daran gemessen wird, ob er in einem Zeitungsbericht erwähnt wird, oder nicht. Wenn er nicht erwähnt wird, hat er alles richtig gemacht. Dann gab es keine Fehlentscheidungen. Nur die Wenigsten erkennen, welch Arbeit auf die Schiedsrichter zukommt und was sie für diesen Sport investieren.“

Verärgert ist Schütze vor allem über Aussagen, die in der Vergangenheit nach einem Platzverweis von Seiten der Spieler gefallen sind. „Wenn ich höre, dass sich die Schiedsrichter profilieren und auf ein Podest heben wollen, wenn sie die Rote Karte in einem Spiel zeigen, muss ich lachen. Niemand von den Schiedsrichtern zeigt eine Rote Karte im Spiel nur zum Spaß. Es gibt schöneres, als nach dem Spiel wegen eines Platzverweises, einen dreiseitigen Sonderbericht anzufertigen“, mahnt Schütze kritisch an.

Schütze fördert den Nachwuchs

Norman Schütze hat viele Dinge in seiner Position als Schiedsrichter gelernt. Nun freut er sich darüber, seine Erfahrungen an junge Schiedsrichter weiterzugeben, ihnen über die Schulter zu schauen und ihre Entwicklung zu beobachten. „Es ist schön zu sehen, dass bei den Schiedsrichtern wieder etwas nachkommt. Felix Kutschki ist ein gutes Beispiel. Ihn habe ich als Assistent an der Linie gesehen. Er macht seine Sache sehr gut. Er könnte ein richtig guter Schiedsrichter werden. Man merkt, dass er im Nachwuchs beim 1.FC Magdeburg gewesen ist. Das Tempo der Spieler ist für ihn bei der Entscheidungsfindung kein Problem. Er besitzt bereits ein gutes Auge und Gespür.“

In der aufgrund der Corona-Pandemie freien Pause, nutzt Schütze die Zeit, um einer seiner Lieblingsbeschäftigung neben dem Platz nachzugehen – der Doggen-Zucht. „Meine Familie hat früher Bulldoggen gezüchtet. Damit habe ich weitergemacht. Bislang habe ich mich mit meiner Lebensgefährtin im zwei Wochen-Takt abgewechselt. Mal kümmert sie sich zwei Wochen um die Hunde, und dann bin ich wieder an der Reihe. In der aktuellen Phase haben wir genug Zeit und können den Hunde-Welpen Auslauf bieten.“

Die Deutschen Doggen vom Drömlingshof haben ihren siebten Wurf erlebt, darunter mit vierzehn Welpen einen rekordverdächtigen. Damit dürfte in der Corona freien Spielpause zumindest keine Langeweile, für den Schiedsrichter des SSV 80 Gardelegen aufkommen.