Salzwedel l „Libero.“ „Liber-Was?“ So oder so ähnlich könnte die Gegenfrage der jungen Nachwuchskicker in Zukunft lauten, wenn man in gesetztem Fußballalter erklärt, auf welcher Position man in seiner längst vergangenen Fußballerlaufbahn gespielt hat.

Dabei haben nicht nur Fußball-Legenden wie die einstige Lichtgestalt „Kaiser“ Franz Beckenbauer, der Export-Schlager aus dem Osten Matthias Sammer oder Rekordnationalspieler und bis dato einziger deutscher Titelträger des Weltfußballertitels Lothar Matthäus, am Ende seiner langen glorreichen Karriere die Position des Liberos bekleidet.

Während Beckenbauer mit seinem Spielstil die Libero-Position bereits 1966 bei der Weltmeisterschaft in England revolutionierte, nahm die mediale Aufmerksamkeit der Position nach der WM 2014 wieder Fahrt auf, als Manuel Neuer sich mit seinem modernen Torwartspiel im Achtelfinale gegen Algerien den Spitznamen „Manu der Libero“ verdiente.

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Doch die alles entscheidenden Fragen rund um den Libero lauten: Was ist ein Libero? Was zeichnete die Position in der Vergangenheit aus? Mit welchen Anforderungen und Eigenschaften war die Position verknüpft? Welchem Spielertypus war es vorbehalten, die Rolle des Liberos auszufüllen? und weshalb wurde die Position nach und nach abgelöst? Ist ein Comeback des Liberos auf dem Feld vorstellbar? Um diese Fragen zu klären, sprachen wir mit Experten, die in der Rolle als Trainer ihre Mannschaft auf dem Feld selbst einem Systemwandel unterzogen haben und von Libero auf Viererkette umgestellt haben oder gar das Spiel mit Libero gegenwärtig noch praktizieren.

Libero: Hohe Spielkultur und keinen Gegenspieler

Einen Libero, wie er im Bilderbuch steht, findet der geneigte Kenner des Altmark-Fußballs vorwiegend unterhalb der Landesklasse. Ab der Kreisoberliga finden sich noch erfolgreich praktizierende Altmark-Liberos, die die Position in Ehren halten. Jonas Kohlstedt, Trainer bei Kreisligist Eintracht Berge, übte den Posten des Liberos in seiner Spielerzeit selbst nur einige Male aus. Nach dem Ende seiner Spielerlaufbahn bei Berge, stellte der heutige Übungsleiter das System mit Libero jedoch nicht um.

„Wir spielen mit Libero, weil es schwer ist, eine Viererkette hinten zu spielen. Dafür müssen alle das selbe Fußballverständnis haben und viel kommunizieren. Außerdem ist ein Libero als Absicherung hinter der Abwehr wichtig, um im Ernstfall noch retten zu können. Wenn die Abseitsfalle nicht zuschlägt, ist der Libero die letzte Rettung.“ Bei Eintracht Berge spielt Matthias Reps die Position des Liberos. Mit seiner Präsenz und seinem guten Stellungsspiel hilft er der Mannschaft noch immer.

Auch in der Kreisklasse gibt es den Libero. Spielertrainer Tobias Kämpfer lässt die KSG Berkau II mit Libero spielen. „Marcel König ist bei uns der Libero. Er hat ein sehr gutes Auge für seine Mitspieler und verfügt über ein gutes Passspiel im Spielaufbau. Als Libero ist es sehr wichtig, Bälle diagonal spielen zu können. Dazu ist er in der Lage“.

Selbst Spitzenteams aus der Kreisoberliga haben die Vorteile des Spiels mit Libero für sich erkannt und setzen noch immer auf die arrivierte Position. Der SV Heide Jävenitz, seines Zeichens Meister der abgebrochenen Saison 2019/2020 in der 1. Altmark-West-Liga, baut auf die Strategie mit Libero. Daniel Schönfeld füllt die Position genau nach den Vorstellungen seines Cheftrainers Guido Euen aus. Der 31-Jährige bringt Eigenschaften mit, die von elementarer Bedeutung für die Hinterreihen sind:

„Er ist erfahren und einer der schnellsten Spieler im Kader. Er stopft bei uns die Löcher in der Defensive, verfügt über eine hohe Ballsicherheit, kann das Spiel ordnen, ist körperlich robust und kann saubere Diagonalbälle spielen. Für unseren Spielaufbau ist er enorm wichtig“, so Trainer Guido Euen.

Der Libero war und ist nach wie vor also ein wichtiges Bindeglied im Amateurfußball. Doch warum wird der Libero in höheren Ligen abgelöst und als inpraktikabel angesehen? Einerseits, ist nicht jeder Spieler fußballerisch befähigt und dazu ausgebildet, die Rolle des Liberos zu interpretieren. Andererseits, ist die Zeit des Liberos aus strategischer Sicht vorbei, was pragmatische, wie nachvollziehbare Gründe hat.

Diese Ambivalenz schildert uns Sven Potas. Er trainiert den SV Brunau und ist fortschrittlicher Denker und Vorreiter. Als einer von wenigen Trainern in der Kreisoberliga lässt Potas seine Mannschaft hinten mit Viererkette spielen: „Mit einer Viererkette hinten, hat man immer eine Absicherung, ist flexibler und kann schneller verschieben. Die Räume werden damit besser geschlossen. Die Abwehr erlangt mehr Kontrolle über den Gegner. Diese Entwicklung ist im Fußball angekommen und ist bei uns in Brunau Normalität, weil viele unserer Spieler schon in der Jugend mit Viererkette gespielt haben. Daher ist es kein Problem für mich, das Spiel mit Viererkette weiterhin beizubehalten.“

Obwohl die Vorteile und die Entwicklung hin zum Spiel mit Viererkette einleuchten, ist die Taktikvariante des Spiels ohne Libero, für Vereine unterhalb der Landesklasse schwierig umsetzbar. Dies wird auch beim SV Schwalbe Schwiesau deutlich. Bei den Schwalben finden die Zuschauer ebenfalls keine Viererkette in der Abwehr vor. Dort gilt Gunnar Wäsche als Rarität. Wäsche, seines Zeichens Libero, wird ein gutes Spielverständnis von Co-Trainer Toni Müller attestiert.

„Er kann das Spiel gut eröffnen, hat in Klötze eine gute Ausbildung genossen und behält die Übersicht.“ Gleichzeitig bringt Müller aber auch auf den Punkt, was in den Amateurligen unterhalb der Landesklasse das Problem ist:

„Viele Spieler haben nicht die Ausbildung genossen, um eine Viererkette zu spielen. Um so etwas einzustudieren, braucht man Monate, wenn nicht sogar Jahre. Wir haben nicht die Möglichkeit dazu, jede Woche alle Mann beisammen im Training willkommen zu heißen. Einige unserer Spieler sind in der Vorbereitung verhindert, da sie in der Landwirtschaft tätig sind. Beruflich sind viele Spieler auch außerhalb der Vorbereitung nicht regelmäßig da. Zudem ist die Qualität der Kreisoberliga nicht so groß, um die Viererkette schnell und erfolgreich etablieren zu können. Dazu benötigt man Zeit und einen breiten Kader“, erläutert Co-Trainer Müller offen die Probleme im Hintergrund, die rund um das Einstudieren der modernen taktischen Variante in den Amateurligen oftmals übersehen wird.

Oftmals haben Mannschaften im Amateurfußball der unteren Ligen keine andere Wahl. Eine echte Alternative zum Libero haben vor allem diejenigen, die es sich leisten können, Zeit in die Ausbildung zu investieren. Wer sie hat, sollte sie nutzen, und die Alternative zur Viererkette durchspielen.