Liesten l Mehr Spektakel ging nicht. Wirklich jeder der 430 Zuschauer kam am Sonnabend im Spitzenspiel zum Saisonabschluss der Fußball-Landesklasse, Staffel I, auf seine Kosten. Die glücklichsten Gesichter kamen am Ende aber vom SSV 80 Gardelegen. Der schaffte es tatsächlich, einen 0:3-Halbzeitrückstand beim SV Liesten 22 noch in einen 4:3-Sieg umzubiegen. Lohn für die Rolandstädter sind der Staffelsieg sowie der Aufstieg in die Landesliga.

Wunder noch möglich

Die Gardelegener hatten es geahnt, dass das Wunder selbst nach der kleineren Krise im April und Mai noch möglich ist. Speziell Co-Trainer André Stolle: „Ich habe mich immer gefragt, warum alle immer so nervös waren.“ Doch auch der Vorstand und die Spieler waren vorbereitet. Nach dem Schlusspfiff kam Ronald Krziwanie mit einem Karton auf den Platz, in dem die weißen T-Shirts mit der Aufschrift „Aufsteiger Landesliga 2018“ verstaut waren. Diese konnten sich die Rolandstädter mit einer gehörigen Portion Stolz überstreifen, denn sie hatten nahezu Phänomenales geleistet.

Liesten war als Tabellenführer mit zwei Punkten Vorsprung in diese Spitzenpartie gegangen. Die Gardelegener mussten gewinnen, um noch vorbeizuziehen. Zudem war Hoffen angesagt, dass Tangermünde nicht zu hoch in Havelberg (5:2) gewinnt. Beim 3:0 zur Pause sprach eigentlich alles für die gastgebende Piotrowski-Elf. Doch aufgegeben hatten sich die Gäste noch nicht. In der Pause wurde zwar Tacheles beim SSV geredet, sich aber vor allem noch einmal neu motiviert und „gepusht“, wie Trainer Norbert Scheinert verriet.

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Zwei Elfmetertore

Das trug Früchte, denn durch zwei Elfmetertore von Florian Scheinert sowie den Treffer von Clemens-Paul Berlin – dieser musste sich nach der Partie noch einer ordentlichen „Kopfrasur“ unterziehen – kam Gardelegen nicht nur zum Ausgleich, sondern in der dritten Minute der Nachspielzeit durch Xaver-Dan Haak auch noch zum Siegtreffer. Schiedsrichter Tim Kohnert gab die Partie danach gar nicht mehr frei, so dass die Rolandstädter aus dem Jubeln nicht mehr herauskamen.

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Zunächst jubelten aber die Platzherren. Zum ersten Mal in Minute sechs. Dort hatte sich Innenverteidiger Matthias Wiese mit nach vorne geschlichen und traf zum 1:0. Bereits zuvor kratzte Michael Hille einen Versuch von Lucas Bresch noch von der Linie und verhinderte einen noch früheren Rückstand seiner Farben.

SSV Gardelegen wird nicht nervös

Doch wirklich nervös wurde der SSV nicht. Er suchte den Weg nach vorne, doch entweder wurden die Einzelaktionen von Berlin oder Simon Bache frühzeitig gestoppt oder die Bälle durch die Schnittstelle abgefangen. Dennoch kam Bache zweimal (erst Außennetz, dann gehalten) zum Abschluss, dann rutschte Berlin haarscharf an einer Hereingabe von Martin Gille vorbei.

Als Meister der Effektivität zeigte sich Liesten. Sebastian Kordus bediente mit Übersicht Lucas Bresch, der ebenso überlegt zum 2:0 (27.) vollendete. Es kam sogar noch besser für den SVL. Marcin Galkowski ließ Fritz-Martin Eggert mit einem Schuss ins kurze Eck keine Abwehrchance – 3:0 (33.). Das Duell um die Meisterschaft schien bereits beim Kabinengang gelaufen.

Was der SSV brauchte, um überhaupt noch leicht hoffen zu dürfen, war ein schnelles Tor nach dem Seitenwechsel. Ein solches sollte tatsächlich fallen. Nach einem Foul von Steven Beck gegen Florian Scheinert versenkte der Gefoulte den fälligen Elfmeter selbst zum 1:3 (47.). Plötzlich kannte diese Begegnung fast nur noch eine Richtung. Der SSV stürmte, was das Zeug hielt.

Keine Resignation

Von Resignation war keine Spur. Nachdem Berlin im Strafraum gelegt wurde, gab der Unparteiische Kohnert erneut Strafstoß. Wieder blieb Scheinert eiskalt und verkürzte auf 2:3 (67.). Es war wieder richtig spannend im Waldstadion. Nur fünf Minuten später war es Berlin, der per Kopf zum 3:3 (72.) abstaubte. Die Gäste brauchten nur noch ein Tor, Liesten musste gewaltig zittern.

Nachdem bei den Platzherren zuvor offensiv kaum etwas ging, wirkten sie nach dem Ausgleich wieder konzentrierter. Doch Martin Böhm (76./gehalten) und Sebastian Kordus per Kopf (82./Lattenoberkante) scheiterten ebenso wie Wiese (88./gehalten). Stattdessen wurde auf der Gegenseite noch einmal ausgiebig gejubelt.

Jubel nach Abpfiff

Ein langer Freistoß von Keeper Eggert war zugleich die letzte Aktion dieses Duells. Haak ging mit dem Kopf zum Leder und überwand damit den etwas unglücklich aussehenden Schlussmann Dawid Szczerbik zum 4:3 (90.+3). Spieler, Funktionäre und mehrere Fans des SSV 80 Gardelegen stürmten allesamt auf den Platz und durften diesen auch weiterhin belagern, weil Referee Kohnert diese denkwürdige Begegnung nämlich gar nicht mehr an-, sondern direkt abpfiff.

SV Liesten 22: Szczerbik – Wiese, Kijewski, Bresch, R. Mangrapp, Kordus, Galkowski, Bierstedt (90. St. Mangrapp), Müller (46. Benecke), He. Glameyer (63. Böhm), Beck.

SSV 80 Gardelegen: Eggert – Fraedrich, Malek (46. Bogdahn), Berlin, Stottmeister, Bache, Leberecht (82. Gütte), Hille (40. Fehse), Gille, Scheinert, Haak.

Torfolge: 1:0 Matthias Wiese (6.), 2:0 Lucas Bresch (27.), 3:0 Marcin Galkowski (33.), 3:1, 3:2 Florian Scheinert (47./Foulelfmeter, 67./Foulelfmeter), 3:3 Clemens-Paul Berlin (72.), 3:4 Xaver-Dan Haak (90.+3).

Schiedsrichter: Tim Kohnert.

Zuschauer: 430.