Gardelegen l  Einige davon werden auch vornehmlich in den kalten Monaten ausgeübt. So auch das Snowboarden.

Was waren das noch für Zeiten. Schnee und Frost von Ende Oktober bis Mitte März und darüber hinaus. Wintersportler kamen mit all ihren Vorlieben voll auf ihre Kosten. Der eine springt Ski, der andere läuft Schlittschuh, oder wenige rasen den vereisten Kanal mit einem Skeleton hinunter. Die meisten jedoch bewegen sich beim Alpinski auf zwei Latten die Abhänge herunter, teils mit waghalsigen Geschwindigkeiten.

An mir selbst ging der Wintersport - genauer gesagt das alpine Skifahren - bis zur Uni fast vorbei. Klar, mal mit dem Schlitten den Berg am Abenteuerspielplatz in Gardelegen runter, oder die Schlittschuhe vom Weihnachtsmann im Alter von zarten zehn Jahren auf dem Salzwedeler Pfefferteich hab ich ausprobiert, mehr aber nicht. Ich erinnere mich auch an Gleitschuhe und dann doch ganz im Hinterstübchen an ein paar blaue Ski der Firma Germina. Genutzt hatte ich sie nur sporadisch.

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Zunächst das Skifahren in Österreich gelernt

Zehn Jahre später ging es für mich zum Studium nach Magdeburg. Dort wurde in Semester zwei auch ein Skilager angeboten. Der Weg führte uns nach Kappl in Österreich, unweit des Megatrubels von Ischgl. Dort lernte ich doch tatsächlich in nur einer Woche, wie ich zumindest knochenbruchfrei sogar selbst rote und schwarze Pisten herunterkommen sollte. Ich gebe zu, schön war und ist anders. Okay Skifahren ging schon mal ganz gut, doch irgendwann spielten die Knie nicht mehr mit. Geschädigt von Verletzungen vom Basketball und Volleyball war an Abfahrtski fahren nicht mehr zu denken. Ein Verkanten oder Verschlagen, und der nächste Kreuzbandriss wäre vorprogrammiert gewesen.

So gab es für mich eine lange Pause, nein, eine sehr lange Pause. Bis ich auf die Idee kam, nicht auf den zwei Brettern zu stehen, die die Skiwelt bedeuten, sondern es nur noch auf einem zu versuchen. Ich wollte Snowboardfahren lernen. Nun, ich war zugegebenermaßen mit 43 Jahren nicht mehr der Jüngste und damit nicht mehr im optimalen Lernalter dafür, aber der zu erwartende Spaß und die Action weckten nicht nur meinen Ehrgeiz, sondern auch den endgültigen Entschluss, es wirklich zu versuchen. Ich sponn mir vor, dass Snowboardfahren für die Knie viel sicherer sei, immerhin stecken ja beide Füße fest arretiert in den Bindungen. Eine Verdrehung des Kniegelenkes um 180 Grad oder mehr war also ausgeschlossen. Jawoll, genau das brauch ich.

Theorie und Praxis unterschiedlich

Meine Partnerin, die mit mir - wie bereits in anderen Selbstversuchen beschrieben - auch gern Mountainbikefahren oder Walken kommt, hatte heimlich und als Überraschung für die Familie in den Winterferien 2018 einen Kurzurlaub in Bad Sachsa gebucht. Bis nach Braunlage und damit auch zum Skigebiet am Wurmberg war es also nur ein Katzensprung. Dort sollte es passieren. Ich sollte das Snowboarden ausprobieren. Ich verwende mit Absicht nicht den Begriff Snowboardfahren, denn davon war ich bei meinen ersten Versuchen weit, nein, ganz weit entfernt.

Wer mich kennt, weiß, dass vor dem Probieren immer eine ausgedehnte Recherche mit Hilfe sämtlicher Medien ansteht. So natürlich auch bei diesem Vorhaben. Die visuellen Trockenübungen begannen für mich schon vor Weihnachten 2017. Es war einfach faszinierend zu sehen, wie ein Ryan Knapton mit seinen perfekten Carvingschwüngen den Berg runterrauschte. Aber auch Kevin Pearce und TJ Kern inspirierten mich in ihren Videos mit vielen Tipps, die in meinen Augen auch anfängertauglich waren. Virtuell absolvierte ich also einen Kurs, von der Fallschule, sicheres Stehen auf dem Board bis hin zum ersten Rutschen auf den jeweiligen Kanten. Ich war also vorbereitet, die Winterferien konnten kommen.

Übung macht den Meister

Zwei Monate später bezogen wir in Bad Sachsa Quartier. Es lagen sogar ein paar Zentimeter Schnee und der erste Ausflug am Tag der Ankunft ging nach Braunlage zum Hexenritt. Dort angekommen, wuchs nicht nur die Schneehöhe, sondern auch die Vorfreude auf die ersten wirklichen Versuche auf dem Brett. Vom Parkplatz aus beobachteten wir die Skifahrer, wie sie mit gekonnten Schwüngen in einiger Entfernung den Berg abwärts wedelten. Und siehe da, auch einige Snowboarder waren auszumachen. Morgen, ja morgen geht es los. Ich werde Snowboarden. Auf der Rücktour suchten wir noch eine Verleihstation. An eigenes Equipment war natürlich (noch) nicht zu denken.

Der nächste Morgen kam, der Blick aus dem Fenster versprach schonmal einen tollen Snowboardtag. Dass der mit vielen blauen Flecken, Muskelkater in Regionen, die ich bisher nie kannte und ein wenig Ernüchterung enden sollte, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Voller Vorfreude ging es zum „Schneeladen“. Der sollte uns - die beiden Jungs meiner Partnerin und natürlich mich - mit Material für die nächsten drei Tage ausrüsten. Boots, Bindung und das Board mit der passenden Länge - es dauerte fast 90 Minuten, ehe alle drei versorgt waren.

Jetzt kam sogar noch die Frage nach dem Vorderfuß auf. „Regular oder Goofy?“, fragte der Experte aus dem Laden. Gleichzeitig zucken wir alle drei mit den Schultern. Ein kleiner Trick, bei dem wir die Augen schließen sollten und ein kleiner Schubs von hinten uns aus dem Gleichgewicht brachte, brachte die Antwort. Ich fing mich im Nachvornfallen mit dem linken Fuß ab. „Also Regular“, meinte der Verleiher. Okay, ich glaubte ihm natürlich, wie auch die beiden Jungs bei ihren Tests.

Bevor es aber zum Hexenritt gehen sollte, waren wir uns einig, dass wir den Hausberg in Braunlage als erstes Übungsdomizil nutzen sollten. Er war weniger steil, nicht ganz so stark frequentiert und damit ein gutes Anfängerterrain. Okay, Helm auf, Handschuhe an und mit dem Board im Arm ging es zu Fuß ein paar Meter bergauf. Nun musste das Board an die Füße. Gelernt hatte ich, das Board immer mit der Kante gegen den Abhang abzulegen. Das ist wichtig, damit im Falle eines Fehlers beim Anziehen das Brett nicht den Hang ohne Pilot hinunterjagt.

Allein das Aufstehen war ein Problem

Nun saßen wir da, fertig für die ersten Übungen. Jetzt hieß es also Aufstehen, und nicht nur das, es hieß auch irgendwie erstmal stehenzubleiben. Über die nächsten Minuten hülle ich gekonnt den Mantel des Schweigens, denn allein das Stehenbleiben mutierte zu einer ganzen Übungsstunde. 60 Minuten später und ersten Schmerzen an Gesäß und Knien vom Hinfallen, stand ich also auf dem Board. Ich verkeilte die hintere Kante und stand zumindest schonmal. Immerhin, dachte ich mir, das kann ein langer Tag werden. Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, heute würden wir wohl auf dem Hausberg bleiben.

Nun musste ich also nur noch losfahren. Aber wie? Ich sollte mein Gewicht zum Hang verlagern hieß es. Der erste Versuch dauerte keine drei Sekunden. Nach nicht einmal fünf Metern Strecke lag ich wieder im Schnee, wieder auf dem Gesäß, wieder genau auf der selben Stelle wie schon bei den Aufstehversuchen. Autsch! Genau in diesem Modus quälte ich mich hinunter. Die Jungs hatten das irgendwie schon etwas besser drauf. Die passenden Worte in meine Richtung fanden sie natürlich auch noch. ,Na wartet, euch werde ich es noch zeigen!‘

In diesem Aufsteh-Losfahr-Hinfall-Modus verbrachte ich also die nächsten beiden Stunden. Die Fahrzeiten wurden aber länger und damit auch die zurückgelegte Strecke. Es wurde also immer besser, war aber immer noch weit entfernt vom eigentlichen Snowboardfahren.

Erfolgserlebnisse folgen

Kurz vor Feierabend, wir waren mittlerweile schon fast fünf Stunden auf dem Berg, schafften wir es sogar ohne Sturz, eher langsam und vorsichtig den Hausberg herunter. Tag eins war also geschafft und wir ein großes Stück weiter. Abends wurde gefachsimpelt und nochmal die Tutorials auf YouTube angeworfen. Okay, das müssen wir also noch beachten, dies besser machen. Das probieren wir morgen alles aus - natürlich auf dem Wurmberg.

Am nächsten Morgen ging aber erst einmal nichts mehr. Die Schmerzen waren einfach überall, bläuliche Verfärbungen an Oberschenkeln und Gesäß waren ebenfalls auszumachen. Ich zumindest merkte meinen Körper und vor allem meine 43 Lebensjahre. Meine Frau hatte nur ein „Hab dich nicht so, du wolltest es doch so“ für mich übrig. Danke, genau das brauchte ich jetzt natürlich. Aber Aufgeben war nicht, die Lust war ungebrochen.

Auf dem Zwergenhügel am Hexenritt wiederholten wir dann zunächst das gestrig Gelernte. Auch hier blieben Stürze und auch ein herabgleitendes Board - wohlgemerkt ohne Fahrer - nicht aus. Es wurde aber merklich besser und ich immer sicherer. Ich driftete mittlerweile auf der hinteren Kante hin und her, sogar mit Richtungswechseln. Den Lernvorsprung der Jungs vom Vortag hatte ich aufgeholt. Nun konnte ich mir meine Sprüche in ihre Richtung nicht verkneifen.

Von der Faszination schnell gepackt

Ich hatte es ihnen so richtig gezeigt. Die restliche Zeit des Tages verging wie im Flug. Wir kauften uns sogar eine Zehnerkarte für den Schlepplift. Doch genau da kam das nächste Problem auf. Wie komme ich eigentlich in den Anker? Und vor allem: Wie bleib ich bis zum Ausstieg auch drin? Natürlich blieb ich beim ersten Versuch nicht drin. Nach knapp zehn Metern verließ ich den Lift wieder - unfreiwillig. Aber nach ein, zwei Tipps vom Liftboy kam ich oben an. Der Vorderfuß in der Bindung, der hintere daneben lose auf dem Board. Aber auch der Ausstieg gestaltete sich gar nicht so einfach. Auch hier war ein Sturz natürlich nicht zu vermeiden. Aber egal, ich war oben, ja!

Und getreu dem Motto: Runter kommen sie alle irgendwie, ging es abwärts. Von da oben sah der Hang allerdings viel steiler aus, als aus der Beobachtung vom Parkplatz aus. Vorsichtig schob ich mich auf der Hinterkante hinunter. Schulter nach links, Gewicht ausbalancieren, Gewicht wieder verlagern, Schulter nach rechts. Immer hin und her. Es klappte. Neben mir rauschten die Profis vorbei, natürlich mit gekonnten Schwüngen auf Vorder- und Hinterkante. Okay, das kommt für mich später. Für heute hatte ich mein Ziel erreicht. Ein leckeres Hefeweizen zum Abschluss auf der Hütte hatte ich mir natürlich auch verdient. Komischerweise spürte ich auch die Schmerzen im Rausch des persönlichen Erfolges nicht mehr - zu diesem Zeitpunkt zumindest nicht.

Eigene Ausrüstung sollte schnell folgen

Ich hatte also die ersten Erfahrungen auf einem Brett gesammelt, war restlos begeistert und eine weitere Sportart in meinem Repertoire gebucht. In den folgenden Tagen reifte der Entschluss, mir eine eigene Ausrüstung zu besorgen. Ich war mir schon zu diesem Zeitpunkt sicher: Snowboarden will ich jetzt jeden Winter. Und da der Winter 2018 noch nicht vorüber war, suchte ich mir ein einfaches Anfängerboard heraus, nicht zu teuer und in der Wide-Version, damit auch die Boots in Größe 45 nicht zu weit über die Kanten ragen. Eine Bindung und auch die Boots erstand ich auf eBay-Kleinanzeigen. Auch die passenden Klamotten gab es dort für einen schmalen Taler. Hinzu kamen Helm und Brille und das Vorhaben, am nächsten freien Tag einen Tagesauflug zum Wurmberg auf mich zu nehmen.

Es dauerte nur gut zwei Wochen und ich stand wieder auf dem Parkplatz am Hexenritt. Diesmal kaufte ich gleich eine Tageskarte, ich wollte natürlich auch mit dem Sessellift bis ganz nach oben und auch die anderen Pisten kennenlernen. Angst hatte ich keine mehr, ich wusste ja, wie sich das Hinfallen und die folgenden Schmerzen anfühlen werden. Zudem standen das Wechseln von Vorder- auf Hinterkante und die ersten Schwünge auf meinem Trainingsplan. Ich arbeitete diesen auch diszipliniert ab, übte mich in Geduld, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb klappte, und ließ mir die nötige Zeit.

Ich reizte den Tag komplett aus, steuerte das Zeitfenster sogar so geschickt, dass ich die letzte Auffahrt mit dem Lift noch absolvieren konnte. Die Belohnung mit dem Sieger-Hefeweizen war natürlich auch noch mit eingerechnet. Wieder am Auto angekommen, war ich glücklich. Heute, ja das hatte schon etwas mit Snowbaorden zu tun. Mein Material befand ich ebenso für gut und freute mich darüber, keinen Fehlkauf getätigt zu haben.

In der Folge besuchte ich den Wurmberg noch weitere zwei Male in dem Winter 2018 und verbesserte mich stetig. Nun konnte ich auch mehr Geschwindigkeit aufnehmen. Die Sportuhr zeigte bei der Tagesauswertung in der Spitze schon über 30 Kilometer pro Stunde an. Das konnte sich sehen lassen.

Im folgenden Winter trainierte ich noch zweimal, bevor es mit dem Kreissportbund in die Winterferienfreizeit nach Maria Lankowitz ging. Dort war ich kein blutiger Anfänger mehr, konnte schon relativ sicher am Salzstiegl und auch in Klippitztörl die Pisten beackern. Und eins war immer mit dabei: Der Spaß am Snowboarden.