Schönebeck l Ein gewohntes Bild: Spieler, Trainer und der gesamte Betreuerstab jubeln ausgelassen, bis plötzlich die Pfeife des Schiedsrichters ertönt. Es gab einen Hinweis aus dem „Kölner Keller“. Das Tor wird dort abermals überprüft, erst dann entschiedet es sich, ob der Treffer wirklich zählt oder ob zu früh gejubelt wurde. Der Video Assistant Referee (VAR) sorgt regelmäßig für wirre Szene. Tor, ja oder nein? Abseits, ja oder nein? Rote Karte, ja oder nein. Seit einiger Zeit kommt allerdings eine weitere Frage dazu: VAR für alle Klassen, ja oder nein?

Was erstmal ziemlich absurd klingt, könnte jedoch schneller Einzug halten als gedacht. Mit diesem Konzept beschäftigt sich aktuell die FIFA. Der Fußball-Weltverband setzt in der Entwicklung auf einen sogenannten „VAR light“. Sämtliche Verbände setzen sich dafür ein, erschwinglichere VAR-Systeme für die Vereine zu finden.

Technische und finanzielle Probleme

Doch vor allem im ländlichen Raum wird diese Variante kaum umsetzbar sein, auch wenn drei Technologieanbieter bereits an der Planung sitzen. „In den höheren Spielklassen bis zur Regionalliga macht das auch Sinn. Dennoch wird es schwer, das Ganze technisch und vor allem auch finanziell zu stemmen“, macht Maximilian Scheibel, selbst Schiedsrichter bei der TSG Calbe und beim Fußballverband Sachsen-Anhalt als Schiedsrichteransetzer der Landesklasse I und II sowie Verantwortlicher des Leistungskaders zuständig, deutlich.

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Ein „Schönebecker-Keller“? Klingt absurd, doch ganz so groß möchte es der Weltverband dann nicht aufziehen. Eine mögliche semi-automatische Überprüfung von Abseitsstellungen soll es aber schon werden. Woher die Kapazitäten dafür herkommen soll, dazu äußerte sich der Weltverband noch nicht. Durch Corona gerieten nämlich die Beratungen ins Stocken.

Das Thema Kapazität könnte allerdings ein sehr heikle Angelegenheit werden. „Die Schiris müssen für diese Tätigkeit auch bezahlt werden. Ich denke nicht, dass das möglich ist“, meint Scheibel. Doch nicht nur des Geldes wegen wird es schwer. Für jeden Spieltag müsste eine gewisse Anzahl an Schiedsrichter bereitstehen. Auch diese Kapazitäten sind kaum zu ermöglichen. Schon im regulären Fall ist es auf Kreisebene zumeist so, dass nicht bei allen Spielen drei Unparteiische bereitstehen. Im Falle des „VAR light“ müsste zumindest noch ein weiterer hinzukommen.

Weiterhin steht auch die Frage im Raum, wo die Unparteiischen dann Platz nehmen, um alles im Blick zu haben. Ein separater Raum müsste geschaffen werden, der mit einer Kamera am Sportplatz verbunden sein muss. Eine Hürde, die so mancher Verein gar nicht stemmen kann.

Abgesehen von finanziellen und räumlichen Problemen würden auch die Emotionen aus dem Sport geholt werden – teilweise auf jeden Fall. Denn der Fußball lebt von Emotionen, insbesondere der Amateursport. „Fehler sind menschlich und können passieren. Sollte es einen ‚VAR-light‘ wirklich geben, werden sämtliche Emotionen nicht mehr vorhanden sein“, sieht Scheibel einen weiteren negativen Aspekt in Bezug auf die untersten Ligen.

Der Gesprächsstoff würde den Leuten genommen werden, um im Nachhinein die ein oder andere Szene am Stammtisch ganz genau zu analysieren. Einzig aus dem diesem Grund zieht es an jedem Wochenende zahlreiche Zuschauer auf die Sportplätze des Salzlandkreises. Vom „ehrlichen Fußball“ ist die Rede, ohne große Geldsummen oder dem Einsatz von jeglicher Technik. Doch der Bolzplatz-Charme könnte schon bald verflogen sein.

Aber nicht nur die Menschen neben dem Platz sind vom „VAR light“ betroffen, auch die Schiedsrichter. Die Aufgabe ist keine einfache, durch den Einsatz der Technik „stehen die Unparteiischen noch mehr unter Druck. In der Bundesliga ist das gut zu sehen. Jede Entscheidung wird kritisch beäugt. Schiedsrichter handeln wie alle anderen auch instinktiv und nicht nach dem, was andere sagen“, erklärt Scheibel. Dass nicht jeder der identischen Meinung ist, sollte klar sein.

Der „VAR light“ stößt somit auch bei den Schiedsrichtern aus dem Salzlandkreis nicht unbedingt auf ein offenes Ohr. Es kommt also noch reichlich Arbeit auf die Arbeitsgruppe der FIFA zu.