Stefan Lenhart: Hallo Herr Kehr, Sie sind als Spieler gemeinsam mit dem neuen TSG-Trainer Andrzej Wojcik zur TSG Calbe gewechselt. Wie ist der Kontakt zur TSG zustande gekommen und welche Gründe gab es damals für Sie, ins Hegerstadion zu wechseln?

Herausforderung gesucht

Christian Kehr: Andrzej Wojcik und ich lernten uns durch unsere gemeinsame Tätigkeit als Nachwuchstrainer im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) beim 1. FC Magdeburg kennen. Die TSG Calbe stand zum damaligen Zeitpunkt vor einem Umbruch und da ich eine neue Herausforderung gesucht habe, kam dann eins zum anderen und ich wurde Spieler der TSG.

Wie würden Sie das Verhältnis zu Andrzej Wojcik beschreiben?

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Unser Verhältnis als Trainerkollegen war stets von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Es gab viele interessante, teils kontroverse, aber immer zielführende Diskussionen über Trainingsformen, Spielsysteme oder grundsätzliche Trainingsinhalte. Als Spieler von Andrzej war die ganze Sache schon etwas anders. Als offensiver Kreativkopf habe ich für so manchen Ballverlust im Team gesorgt und somit für Sorgenfalten beim Trainer. Aber da er oftmals selbst noch auf dem Platz stand, hat er diese Fehler meist selbst ausbügeln können.

In der Folgezeit waren Sie insbesondere für sämtliche Freistöße und maßgenaue Flanken zuständig. Hatten Sie das im Vorfeld lange trainiert oder war das eher mit individuellem Talent zu begründen?

Jeder Spieler hat seine Alleinstellungsmerkmale und individuelle Qualitäten. Mir war schon immer das Spiel mit dem Ball am wichtigsten und dazu gehörte es, die Pille anständig und maßgenau treten zu können. Ehe mir das einigermaßen gelungen war, bedurfte es fortwährend vieler Wiederholungen und Übung.

An welche besondere Situation beziehungsweise Anekdote im TSG-Trikot erinnern Sie sich auch heute noch gern zurück?

Da gibt es viel schöne, glückliche, aber auch traurige Momente zu nennen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Mir fällt in jedem Fall der 7:0-Auswärtssieg bei Edelweiß Arnstedt und die anschließende 1:2-Niederlage bei Einheit Wernigerode ein. Das Spiel zum 100. Vereinsjubiläum gegen den damaligen Zweitbundesligisten Hansa Rostock, das 2:1-Pokal-K.o. über die Roten (Motor Schönebeck, Anm.d.Red.) mit meinem Siegtreffer in der 90. Spielminute oder auch die Pokalfinalniederlage mit der zweiten Mannschaft in Kleinmühlingen. Auch mein erstes Pflichtspiel für die TSG, als ich uns nach Rückstand mit einer fulminanten ‚Freistoßgurke‘ den Punkt rettete und meine tolle TSG-Zeit ihren Anfang nahm.

Was oder wer hat Sie und Ihre damalige Mannschaft so stark gemacht?

Es war stets die Gemeinschaft und das familiäre Umfeld des Vereins, was das Fußballspielen für die TSG Calbe ausgemacht hat. Und das hatte immer mit den handelnden Personen zu tun, ob Rainer Schulze, Thomas Dummer, Burkard Faupel oder Markus Scheibel als Vorstand oder sportliche Leistung der Abteilung, die Trainerkollegen Achim Godon und Kay Resch oder Peter Körner als Mannschaftsleiter und nicht zuletzt alle Spieler, mit denen ich zusammengespielt habe oder trainieren durfte.

Nach dem Ende der Trainerzeit von Andrzej Wojcik haben Sie die Verantwortung an der Seitenlinie für die erste Mannschaft der TSG Calbe übernommen. Wie ist der Wechsel aus Ihrer Sicht abgelaufen?

Christian Kehr: Wie der genaue Ablauf war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich dachte, ich könnte helfen, da ich die Mannschaft kannte und die Verantwortlichen mich dafür berufen sahen, übernahm ich das Amt. Ich weiß nur noch, dass mir Achim nach der Auswärtsniederlage in Braunsbedra versprochen hatte, dass ich im nächsten Spiel eine Einsatzzeit bekommen sollte. Nur beim nächsten Spiel war ich dann selbst Trainer und spielte wieder nicht.

Welche Personen haben Ihre Zeit bei der TSG Calbe besonders geprägt?

Prägend in dieser Zeit waren die Gespräche mit ‚Lothi‘ (Thomas Dummer) oder dem ‚Bär‘ (Burkhard Faupel). Ich war der junge, dynamische aufstrebende Trainer, wusste und kannte vermeintlich alle fußballspezifischen Abläufe, nur die große Lebenserfahrung hatte ich eben noch nicht. Und die beiden verstanden es meist, mich so zu erden, dass alles, was auf und neben dem Platz passierte, auch Sinn machte. Ansonsten sind hier Mitspieler wie ‚Pitti‘, ‚Klette‘, ‚Ice‘, ‚Don Weste‘ und viele mehr anzuführen.

Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben? Welchen Spielstil wollten Sie umsetzen?

Mir wäre am liebsten, wenn das andere beurteilen. Dann wüsste ich das vielleicht auch mal, was für ein Trainertyp ich bin. Alles in allem war für mich immer die Wahrhaftigkeit in meinem Tun und Handeln am bedeutendsten. Die Jungs, von meiner Art Fußball zu spielen, zu inspirieren und sie mit auf eine Reise zu nehmen, an die sie sich immer gern erinnern wollen.

Sie waren und sind bis heute wohl der bestausgebildetste Trainer im Hegerstadion. Wie haben Sie Ihre Trainerlizenz erworben?

Ich bin schon im jungen Alter von 16 Jahren an das Trainerdasein herangeführt worden. Seitdem habe ich, bis auf wenige kurze Unterbrechungen, stets Mannschaften trainiert. Als ich dann über mein Sportstudium ein Praktikum beim 1. FC Magdeburg absolvieren durfte, bekam ich die Möglichkeit, meine Lizenzen beim DFB zu erwerben. Seitdem besuche ich regelmäßig Weiterbildungen und versuche, die neuesten Strömungen des Spiels zu verfolgen.

Als erster TSG-Trainer haben Sie damals die Viererkette als Abwehrvariante eingeführt. Sie sind teils mit dem Maßband über den Trainingsplatz geflitzt, um die Abstände zwischen den Spielern zu messen. Wie haben Ihre Spieler reagiert?

Die Viererkette im Verbund mit der Raumdeckung war neu und innovativ. Und ich wollte den Jungs die Vorteile dieses Abwehrverbundes aufzeigen, zumal diese Raumaufteilung auch Vorteile für die Offensive mit sich bringt. Die Jungs, ob gerade frisch aus der A-Jugend oder gestandene Fußballstrategen, waren alle neugierig. Man sah ja Woche für Woche in der Bundesliga oder auch international, wie die Dynamik des Spiels sich dadurch veränderte. Von daher war es nur logisch, die Viererkette auch bei der TSG Calbe zu schulen.