Schönebeck l Am Anfang war das Vertrauen, das Florian Neugebauer einfach nicht mehr spürte und im Kopf eine unüberwindbare Blockade aufgebaut hatte, die so viel Positives von außen nicht mehr zuließ. Erst ging der sportliche Elan flöten. Das ist schlecht für einen Fußballer. Und als er dann noch mit Trainer Torsten Brinkmann aneinandergeriet, vergaß der 21-Jährige für einen bedauerlichen Moment seine gute Kinderstube. Böse Worte fielen, jeder konnte es hören. Das Trikot warf er auf die Erde. Das war das Ende. Ein Zurück gab es nicht mehr.

Ja, Anfang Februar war das Tuch zwischen dem Verbandsligisten Union 1861 Schönebeck und Florian Neugebauer soweit angeschnitten, dass dieser kurzen Prozess machte. Er holte die metaphorische Schere, schnitt das Tuch durch und reichte seine Abmeldung ein.

Was war passiert? Anfang Januar spielte Union eine Reihe von Hallenturnieren, darunter auch den Fides-Cup in Calbe. Da kam es zu einem verbalen Scharmützel zwischen Neugebauer und dem Trainer. „Das war mein Fehler. Das gehört sich nicht. Da sind Worte gefallen, die unschön waren. Ich habe da überreagiert.“ Wow. Anstand hat der junge Fußballer. In einer schwierigen persönlichen Lage beweist Neugebauer menschliche Größe. Er bereut es heute, gegenüber dem Coach so ausfällig geworden zu sein. Klar ist aber auch: Wäre nur dieser Vorfall gewesen, Florian Neugebauer hätte wohl nicht hingeworfen bei Union. „Torsten Brinkmann ist ein fachlich guter Trainer, der taktisch enorm viel mitbringt. Er ist der beste Trainer, den ich bisher hatte. Er lobt, kritisiert aber auch viel. Er verlangt viel.“ An diesem Punkt war Neugebauer mit dem Trainer aneinandergeraten. Unüberbrückbar war diese Differenz aber nicht.

Mehr Zeit für die Ausbildung

Die Unzufriedenheit Neugebauers liegt tiefer. Das Wort-Gefecht Anfang Januar war nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. „Das Vertrauen war weg“, sagt Neugebauer. Nicht das zum Trainer, sondern das zum Verein. „Es gab im Sommer Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. In den letzten Wochen hatte ich den Elan verloren, ich war sehr unzufrieden.“

Was das für Versprechungen waren, will er nicht sagen. Das spielt im Endeffekt aber auch keine Rolle. Fakt ist: Neugebauer ist weg. Union hat mit ihm einen echten Schönebecker verloren, der zur Philosophie des Vereins, mehr Spieler aus der Region an die Elbe zu holen, wie die Faust auf‘s Auge gepasst hat. „Es war ein schleichender Prozess“, so Neugebauer. Der irgendwann unumkehrbar war. Schon einen Tag nach dem Vorfall beim Fides-Cup hatte der 21-Jährige ein Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Dorian Reichelt geführt und seine Absichten erklärt. „Da wurde mir gesagt, dass der Verein ein Gespräch mit mir wünscht. Diese Chance wollte ich einräumen. Dann ist mehrere Wochen aber gar nichts passiert. Dass es da keine Rückmeldung mehr gab von Union, war ein kleiner Schlag ins Gesicht.“ Also reichte er Anfang Februar seine Abmeldung ein. Wobei Reichelt die Sache mit der fehlenden Kommunikation etwas anders sieht. „Wir standen immer in Kontakt. Es wurden viele Gespräche geführt“, sagt er. Reichelt hätte Neugebauer gern behalten. „Wir sind traurig, dass er sich gegen Union entschieden hat. Er ist ja Schönebecker.“

Wie es für Florian Neugebauer weiter geht? Erst einmal muss er gucken, wie sich das mit seinem Knorpelschaden im Knie entwickelt. „Im Moment darf ich gar kein Sport machen“, sagt er. Frühestens im Sommer will er sich umschauen. So hat der Linksfuß mehr Zeit für seine Lehre als Bankkaufmann. „Ich will mich auf meine Ausbildung konzentrieren. Im April stehen Abschlussprüfungen an, im Juni die mündliche Prüfung.“ Ganz plötzlich hat der Fußballer alle Zeit der Welt, um sich darauf in aller Ruhe konzentrieren zu können.

Trotzdem wird der Name Neugebauer weiter bei Union in aller Munde sein. Denn Philipp Neugebauer, Florians Zwillingsbruder, ist weiterhin aktiv bei Union. „Ich werde ihm nicht im Weg stehen und den Verein schlecht reden“, sagt Florian Neugebauer. Den Spielern und dem Trainer drückt er vielleicht auch weiterhin aus der Ferne die Daumen. Denn: „An der Mannschaft lag es nicht. Das ist ein Top-Team. Da geht jeder für jeden durchs Feuer.“

Der Teamgeist ist nach wie vor eines der schlagkräftigsten Argumente für Union Schönebeck. So war das schon unter Ex-Coach Mario Katte, der das Team mit seiner emotionalen Art zum Aufstieg geführt hatte. Und so ist es auch unter Brinkmann, dem der Ruf vorauseilt, ein Fußball-Fachmann zu sein. Auch das würde Florian Neugebauer nie abstreiten. So ehrlich ist er zu sich selbst und zum Verein.

Und doch: Wenn zu viel Porzellan zerschlagen ist, hilft auch aller Kleber dieser Welt nicht mehr. Dann ist es besser, wenn man geht. So gesehen hat Florian Neugebauer alles richtig gemacht. Trotz aller Turbulenzen. „Ich wünsche ihm viel Glück. Er wird seinen Weg gehen“, sagt Brinkmann. Was nicht wie eine Floskel klingt, sondern wie ein ehrliches Bedauern. Auch der Coach hat Anstand bewiesen. Nachtragend ist er nicht.