Salzlandkreis l Über die Fülle an Länderspielen wurde im Vorfeld ebenso heftig diskutiert, wie im Nachgang über die heftige Pleite gegen Spanien. Auch drei Fußball-Experten aus dem Salzlandkreis haben die Entwicklungen genau beobachtet. Die zurückliegende Länderspielwoche ist bei Deutschlands Fußballfans, auch denen im Salzlandkreis, in aller Munde. Schon im Vorfeld des Mammutprogramms, die Mannschaft von Trainer Joachim Löw hatte drei Spiele innerhalb von sieben Tagen zu bestreiten, gab es reichlich Diskussionsstoff.

So sorgte beispielsweise Mittelfeldspieler Toni Kroos für Aufsehen, als er die Vielzahl der Wettbewerbe ungewohnt deutlich kritisierte. Die Nations League, eine neue Super League und die eh schon künstlich aufgeblähten Wettbewerbe wie Champions League oder Welt- und Europameisterschaft, überfordern die Spieler. „Am Ende der Tage sind wir bei diesen ganzen zusätzlichen Sachen, die erfunden werden, als Spieler nur die Marionetten von Fifa und Uefa. Da wird ja keiner gefragt“, sagte Kroos im Podcast „Einfach mal Luppen“. Diesen betreibt der 101-fache Nationalspieler vom spanischen Renomierclub Real Madrid gemeinsam mit Bruder Felix, der aktuell in der 2. Bundesliga bei Eintracht Braunschweig unter Vertrag steht. Aber nicht nur einigen Spielern wird das zu leistende Pensum langsam aber sicher zu viel. Auch die Fans vor den Bildschirmen spüren einen zunehmenden Verdruss. Das spiegelt sich bei den Länderspielen der Nationalmannschaft nicht nur in den Zuschauerzahlen im Stadion wider, sondern ist auch aus den Einschaltquoten der TV-Anstalten abzulesen. Lediglich 5,42 Millionen Fernsehzuschauer verfolgten beispielsweise das Freundschaftsspiel Deutschland gegen Tschechien. Laut statistischen Angaben war das der niedrigste Länderspielwert seit mindestens 20 Jahren.

Anzahl der Wettbewerbe ufert aus

Doch wie stehen Fußballinteressierte aus der Region zu dem Thema? Der Vizepräsident des KFV Fußball Salzland – Helmut Lampe – verfolgt die Spiele des Nationalteams: „Ich habe vergangene Woche alle drei Spiele gesehen, in voller Länge“, erzählt Lampe. Die Frage nach dem Warum, beantwortet der Vizepräsident patriotisch. „Ich gucke das lieber als ein Bundesligaspiel, weil ich mich damit identifizieren kann“, so der Fußballfunktionär. Die Fülle an Länderspielen sieht Lampe aber kritisch. „Die vielen Wettbewerbe sind absolut unübersichtlich. Das ufert alles aus und schlussendlich muss man festhalten, dass der Konsument übersättigt ist.“

Gänzlich verzichtet indes auch Landesliga-Trainer Mario Katte vom TSV Grün-Weiß Kleinmühlingen/Zens nicht auf die Beobachtung der Länderspiele. Er schränkt dennoch klar ein. „Früher habe ich diese Spiele schon mit mehr Leidenschaft geschaut. Es ist inzwischen einfach alles zu viel, das Gefühl eines Höhepunkts bei einem Länderspiel ist einfach nicht mehr so da“, meint Katte. Aus Spielerkreisen bekommt der Coach diesbezüglich sogar noch drastischere Rückmeldungen: „Aus meiner Mannschaft weiß ich von vielen, dass generell weniger Fußball geschaut wird. Man ist einfach überfüttert. Auch die Nations League muss in meinen Augen nicht sein. Der erhoffte Stellenwert dieses Wettbewerbs ist ja irgendwie auch ausgeblieben, finde ich.“

Die Kritik Toni Kroos´ teilt Mario Katte unterdessen nur in Teilen. „Grundsätzlich müssen die Spieler es abkönnen. Es ist ihr Job und dafür werden sie gut bezahlt. Körperlich ist es aber sicher auch zu viel für sie. Die Spieler sind auch keine Maschinen“, schränkt der Übungsleiter ein. Den vermeintlichen Verdruss der Fußball-Fans an Spielen der Nationalmannschaft schreibt Katte aber nicht nur den zahlreichen Partien zu. „Die Vielzahl der Spiele sind ein Grund, aber ich glaube, dass auch die momentanen Maßnahmen, vor allem das Fehlen von Zuschauern in den Stadien, das Interesse gewaltig mindern.“ Und so kommt Kleinmühlingens Trainer zu einem prägnanten Fazit: „Manchmal ist weniger mehr.“

Landesklasse-Trainer Michael Buschke vom SV Förderstedt blickt unterdessen ebenfalls skeptisch auf die Länderspiele. „Grundsätzlich verfolge ich regelmäßig die Nationalelf, ein bisschen hängt es aber auch immer vom Gegner ab. Die letzten zwei Jahre war ich aber nicht mehr so erbaut von den Darbietungen des Teams. Es geht einfach zu viel um Profit. Ich habe inzwischen keine Ahnung mehr, wer da wann und wo spielt. Auch für die Spieler ist das alles viel zu viel“, kritisiert Buschke die Fülle an Wettbewerben und schlägt sich auf die Seite eines Bundesliga-Profis. „Maximilian Philipp hat es aus meiner Sicht auf den Punkt gebracht“, bezieht sich Förderstedts Coach auf ein Zitat vom Spieler des VfL Wolfsburg, welches vom Magazin Fums publiziert wurde. Darin sagt Philipp: „Wenn du jeden Tag Fußball siehst auf irgendeinem Sender, hast du auch keinen Bock mehr darauf. Früher hast du am Wochenende Fußball geguckt, das war dann so Festzeit (…). Aber jetzt guckst du ja Montag Fußball, guckst Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Irgendwann sagt sich der Fan auch: ‚Was soll das?‘ Dann musst du noch 20 Sender abonnieren, brauchst jeden Sender doppelt und dreifach. Das ist einfach ein Witz geworden. Aber daran sieht man halt, dass es immer weiter in eine falsche Richtung geht: Weg von den Fans Richtung Profit.“

Die besten Spielern sollen auflaufen

Auf das Länderspiel gegen Spanien fieberte Buschke dennoch hin. „Auf das Spiel habe ich mich schon gefreut, weil nominell zwei gute Mannschaften aufeinander treffen. Was dann von unserer Mannschaft geboten wurde, war aber schon erschreckend.“ Überbewerten will Förderstedts Trainer die 0:6-Klatsche gegen die Iberer aber auch nicht. „Man kann mal verlieren. Das ist auch schon anderen passiert. Ich erinnere an die WM 2014. Da haben wir Brasilien auch eine Spritze mitgegeben“, verweist Buschke auf das 7:1 im Halbfinale im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. Um einen solchen Aha-Moment wieder zu erleben, muss sich im Nationalteam aber einiges tun, findet der Welslebener. „Es sind einfach zu viele Ersatzspieler im Team. Die Nationalmannschaft ist nicht dafür da, die Spieler ranzuführen. Das muss in den Vereinen passieren. Die besten müssen spielen“, fordert Buschke und hat auch zum Bundestrainer eine klare Meinung. „Herr Löw muss über seinen Schatten springen und mit Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels sprechen.“

Mario Katte schlägt in dieselbe Kerbe: „Es werden einfach zu viele Spieler probiert. Es spielen welche, die keine Stammspieler in ihren Vereinen sind.“ Auch Kleinmühlingens Übungsleiter findet, dass der Bundestrainer die besten Spieler berufen sollte.

KFV-Vizepräsident Helmut Lampe hofft indes, dass Löw künftig gar keine Spieler mehr nominiert. „Wenn Löw Charrakter hat, tritt er sofort zurück und nimmt Oliver Bierhoff (Direktor Nationalmannschaften und Akademie beim Deutschen Fußballbund/ Anm. d. Red) mit. Die Nachfolger werden ja schon gehandelt. Ralf Rangnick zum Beispiel. Bei dem könnte ich mir sogar vorstellen, dass er es machen würde wenn er die nötigen Kompetenzen bekommt. Dass er Mannschaften entwickeln kann, hat er schon bewiesen“, findet Lampe.

Um das Interesse an den Länderspielen wieder zu stärken, hat Lampe indes auch einen Vorschlag. „Man könnte mit den Spielen in kleinere Orte gehen, Rostock oder Dresden zum Beispiel. Da ist das Interesse sicher größer als in Gelsenkirchen oder Dortmund, wo regelmäßig Bundesligafußball geboten wird. Die modernen Stadien gibt es doch inzwischen fast überall“, meint Lampe.

Schwere Gegner bei der Europameisterschaft 20

Beim Nationalteam macht man sich derweil aber sicher erstmal Gedanken um die sportliche Marschroute für das kommende Jahr. Denn dann steht, wohl mit Joachim Löw auf der Trainerbank, die Europameisterschaft auf dem Programm. Dann geht es in der Vorrunde gegen schwere Gegner. Gegen Weltmeister Frankreich, Europameister und Nations League Sieger Portugal sowie Ungarn wird es dann wohl auch wieder alle Fußballfans aus dem Salzlandkreis vor die Mattscheibe ziehen. An ein Public Viewing ist aufgrund der Corona-Pandemie aber wohl nicht zu denken.