Schönebeck l Schon in den Zehn Geboten heißt es: Du sollst nicht lügen. Manchmal aber ist ein kleiner Schwindel von Vorteil und kann auch der Grundstein einer erfolgreichen Sportlerkarriere sein. So war es bei Rocco Hinz. Der Schönebecker hat als Zehnjähriger, wie die meisten in seinem Alter, zunächst Fußball gespielt. Hat dann aber probehalber auch mal beim Boxen mitgemacht. „Meine Mutter hat das aber mitbekommen und mir verboten“, erzählt Hinz. Zu hoch sei das Verletzungsrisiko für einen kleinen Jungen.

Und so hat er sein Zuhause dann immer mit dem Vorwand verlassen, zum Fußballtraining zu gehen. Tatsächlich aber verschlug es ihn in die Boxhalle. „Irgendwann ist es aber aufgeflogen, weil mein Trainer zuhause vor der Tür stand“, berichtet Hinz mit einem Lächeln. Seine Mutter war ihm aber nicht böse, unterstützt ihn seit diesem Tag und erlebte eine erfolgreiche Karriere ihres Sprösslings.

Und in dieser könnte sich in der kommende Woche ein weiterer Höhepunkt einreihen. Der Schwergewichtler nimmt an den Deutschen Meisterschaften im Amateurboxen in Berlin teil. Von Dienstag bis Sonnabend muss er vier Kämpfe absolvieren. Gewinnt er alle, ist er Deutscher Meister.

Von den zwölf Konkurrenten kennt er jedoch keinen einzigen. Der Landesmeister Sachsen-Anhalts weiß: „Ich darf keinen unterschätzen.“ Dann könnte sich das wiederholen, was er im Jugendbereich 2006 schon einmal in Köln schaffte. Der PSV Schönebeck würde dann einen Deutschen Meister stellen. Frank Käsebier, gemeinsam mit Lars Thielecke sein Coach, macht deutlich: „Seine Chancen sind gut, sonst würden wir nicht hinfahren. Er kann dort einige Gegner schlagen.“

Hinz selbst weiß: „Ich bin top vorbereitet.“ Woche für Woche trainierte er unglaublich hart. So auch am Donnerstag, als er in der prallen Abendsonne zunächst vier Kilometer von seinem Zuhause in Felgeleben bis zur Boxhalle joggte. Da schauten ihn bei 36 Grad sicherlich einige Schönebecker perplex an, doch Käsebier betont: „Das ist sein Aufwärmprogramm. Einen gesunden Körper kann man so belasten.“

Schweißgebadet trat er in die Halle. Im roten Tanktop seines Heimatvereins, dem er seit mittlerweile fast 20 Jahren die Treue hält. Eines seiner vielen Tattoos sagt: „No fight, no glory.“ Dass es ohne Kampf keinen Erfolg oder Ruhm gibt, hat der Polizist gewissermaßen zu seinem Lebensmotto gemacht. Warum er gerade diesen Sport so gut findet? „Beim Boxen steht man für sich selbst gerade. Wenn ich einen Fehler mache, kriege ich die Konsequenzen zu spüren, wie im Leben auch.“

Die Leidenschaft für das Boxen ist ihm schon beim Training in jeder Pore anzusehen. Gemeinsam mit Käsebier stieg er in den Ring, teilte Schläge aus, als würde es um sein Leben gehen. Es geht in dieser Phase der Vorbereitung „nur noch darum, die Power und Härte zu trainieren, am Stil ändert man nichts mehr“, so sein Trainer. Auch mit 67 Jahren bewegt sich Käsebier, ohne Zweifel eine Schönebecker Boxlegende, noch sehr agil.

Na klar, Hinz zieht dieses Programm schon seit einem halben Jahr durch. Er ist zweimal die Woche in der Boxhalle, läuft und fährt viel Fahrrad. Was ihm aber fehlt, ist ein Sparringspartner auf seinem Niveau. „Beim PSV gibt es keinen anderen Boxer seiner Gewichtsklasse“, sagt Käsebier. Er hätte einmal nach Frankfurt/Oder fahren können, um mit einem anderen DM-Teilnehmer zu trainieren, doch seine Arbeit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. „Es ist schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen“, sagt Hinz selbst.

Für die DM wurde ihm der Urlaub aber nun bewilligt. Und so fährt er in der kommenden Woche in die Hauptstadt. Mit seinen beiden Trainern, Teilen seiner Familie und seiner Frau, „die mich sehr unterstützt“, sagt Hinz. Die Liebsten hat er also bei sich. Die Vorbereitung lief gut. Und seine Einstellung passt sowieso, wie der erfahrene Käsebier einschätzte: „Seine Ehrlichkeit zeichnet ihn aus. Er nimmt den Sport sehr ernst und gibt immer 100 Prozent. Er ist mutig und kneift nie.“

Und das will der Vollblutsportler nun in Berlin erneut beweisen. Es ist seine große Chance. Einen Tag nach dem Finale am kommenden Sonnabend wird er 30 Jahre alt. Das beste Geschenk könnte er sich mit dem DM-Titel also selbst bereiten. Doch egal, wie es ausgeht, seine Angehörigen werden stolz sein. Natürlich auch seine Mutter, die über die kleine Lüge vor gut 20 Jahren nur noch schmunzeln kann.