Borne/Schönebeck l Aus der Ferne war schon ein leichtes Tuckern zu hören. Ja, er war schon wahrnehmbar, auch wenn Andreas Hagemeyer noch nicht zu sehen war. Sein Bruder Michael musste beim Interviewtermin noch einen kleinen Moment warten. Dann bog Andreas aber um die Ecke. Mit einem kleinen Traktor. Der 31-Jährige arbeitet für die beschauliche Gemeinde Borne. Er ist seinem Dorf sehr verbunden. Nicht nur beruflich. Auch Familie und Freunde hat er hier. Und seine vielleicht größte Leidenschaft: das Kegeln.

Denn Andreas ist Kegler beim Landesligisten KSV Germania Borne. Schon seit er neun Jahre alt ist. Er hielt Borne die Treue, anders als sein Bruder Michael, der mit Union Schönebeck kürzlich den Aufstieg in die 2. Bundesliga realisierte. Und künftig zwei Ligen über seinem älteren Bruder spielen wird. Das spricht aber nicht unbedingt dafür, dass der 25-Jährige der souveränere Kegler ist. Im Gegenteil. „Andreas ist der bessere“, adelt ihn der Bruder. „Wenn er wollen würde, könnte er auch zwei Ligen höher spielen.“

Zum Beispiel in Schönebeck. Denn jedes Jahr klingelt sein Telefon. Die Unioner wollen ihn abwerben. Fangen sich aber immer wieder Absagen ein. Und dabei spielt eben die Heimatverbundenheit eine sehr große Rolle. „Hier habe ich meine Freunde, kann mit dem Rad zur Kegelbahn fahren“, sagt Andreas. „Bei Union wäre der Zeitaufwand deutlich größer.“ Nicht das Training betreffend, denn der 31-Jährige trainiert in Eigenregie zweimal in der Woche. Sondern viel mehr, was die Auswärtsfahrten angeht. „Da gehen wir jedes Mal noch essen, sind den ganzen Tag unterwegs“, so Michael. „Das ist für jemanden mit Haus und Familie nicht so leicht.“ Der Student bekommt das besser hin.

Andreas im Zwiespalt

Dennoch ist das Interesse bei Andreas vorhanden. Keine Frage. Die Aussicht auf die 2. Bundesliga reizt ihn. Zumal er seine Klasse in der Landesliga gar nicht ausspielen kann. „Ich bin der König unter den Blinden“, sagt er selbst mit einem Lachen. Er kommt fast immer auf 100 Holz mehr als seine Mitspieler. „Das ist manchmal schwierig zu ertragen.“ Der Borner steckt im Zwiespalt. Nach über 20 Jahren könnten die Rufe irgendwann laut genug werden, damit er sie erhört.

Denn immerhin drängt nicht nur sein Bruder Michael, sondern auch Guido Müller, sein Onkel, der ebenfalls bei Union spielt, auf diesen Wechsel. Zweifelsohne: Die Familie der Brüder ist wie kaum eine zweite mit dem Kegelsport im Salzlandkreis verbunden. Das fing bei ihren Großeltern Toni und Wilfired Müller an und zieht sich über ihre Mutter Corinna Hagemeyer bis zu den Geschwistern. Auch ihr Bruder Marco war mal aktiv, hat sich dann aber für den Handball entschieden. Bei Andreas war das genau andersherum. Sein Opa, der „die Kegelanlage in Borne ermöglicht und geplant hatte“, brachte ihn in jungen Jahren zu diesem Sport. Auf der alten Kegelbahn gegenüber von seinem Heimathaus hat er begonnen. Auch Michael kegelt schon, „seitdem ich denken kann“. Die Großeltern waren dabei bei beiden Förderer und Trainer. „Opa hat uns analysiert, Tipps gegeben und weitergebracht“, sagen beide unisono.

Zusammengespielt haben die Brüder dabei nie. Zwar trafen sie im Pokal schon öfter aufeinander und waren dabei „immer noch ein bisschen mehr angestachelt“, aber Spiele miteinander gab es höchstens beim Training. Das liegt zum einen am Altersunterschied von sechs Jahren, zum anderen aber auch am frühen Wechsel von Michael. Als großes Talent wurde er mit 14 Jahren vom damaligen Landestrainer zu einer Sichtung eingeladen. Einen Tag vor seiner Jugendweihe. „Das war nicht so leicht, da ist man ja doch schon mal länger auf“, erinnert er sich mit einem Lächeln. Doch sein Opa und Onkel bekräftigen ihn, sagten: „Wenn du jetzt nicht dort hinfährst, bekommst du die Chance nie wieder.“

Großer Schritt mit 14 Jahren

Und Michael nahm die Chance wahr, spielte sich in den Fokus der Schönebecker Trainerin Gudrun Lemgau. „Sie war verantwortlich für meinen Wechsel, hat mich noch ein Stück nach vorn gebracht.“ Mit 14 Jahren wagte er den Schritt in die Elbestadt. Und trat damit nicht in die Fußstapfen seines Bruders, der zu diesem Zeitpunkt als junger Erwachsener schon in die erste Borner Mannschaft gerutscht war. „Ich habe in dieser Zeit nicht darüber nachgedacht zu wechseln, bin hier ständig hochgerutscht, weil die Leistung passte“, so Andreas.

Sportlich sind die beiden verschiedene Wege gegangen, dennoch verbindet die Brüder die Liebe zum Kegeln. Denn Michael und Andreas räumen die Kegel nicht nur ab, weil es ihnen in die Wiege gelegt wurde. Der Sport ist für beide eine Leidenschaft. „Es ist ein Präzisionssport. Man kann sich immer weiter verbessern, auch die Nerven und die Psyche spielen eine Rolle“, beschreibt Michael den Reiz. Ob sich die Brüder dabei gegenseitig etwas von einander abgucken können? „Nein, dafür kegeln wir zu unterschiedlich“, so der Student. Andreas hält sich strikt an die Regeln. „Vernünftiger Anlauf. Mäßige Geschwindigkeit. So wie es im Buche steht“, beschreibt er selbst. Er befolgt die Drei-Schritte-Regel, legt die Kugel in der Mitte auf. „Ich bin nach und nach davon abgekommen“, sagt Michael. „Ich setze ganz weit links auf, spiele die Kugel eher rein als raus.“ Zudem hat der 25-Jährige mehr Kraft hinter den Würfen.

„Wie ein Mönch“ kegeln

Die beste Technik gibt es aber ohnehin nicht. „Jeder muss das für sich herausfinden. Das Ziel ist es, immer alles gleich zu machen“, erzählt Michael. „Fast wie ein Mönch“, ergänzt sein Bruder. Ein falscher Atemzug und der Wurf ist nicht perfekt. Das zeigt: Es steckt viel dahinter beim Classic-Kegeln. Der Ruf als „Kneipensportart“ ist dabei überhaupt nicht gerechtfertigt. Fitness, Athletik aber auch die mentale Komponente müssen passen. Nur dann kann man in diesem Sport Erfolg haben.

Und auch wenn Andreas der bessere ist, Michael macht das kein Stück weniger ehrgeizig. So will er mit Union die Klasse halten, vor allem aber will er sich „stetig verbessern“. Und irgendwann, eines Tages, vielleicht noch einmal seinen Bruder an die Elbe lotsen.