Atzendorf l Er hat die Faust geballt, vor Freude geschrien und auf das Wappen der ZLG Atzendorf gedeutet. Drei Treffer steuerte Sebastian Tolle bei der knappen 4:6-Pleite im Endspiel des Salzlandpokals gegen den FSV Rot-Weiß Alsleben bei. Und jedes Mal, obwohl es immer nur Anschlusstore waren, fiel sein Jubel sehr euphorisch aus. Der Grund ist einfach: Zu diesem Zeitpunkt stand sein Wechsel zum Haldensleber SC bereits fest. Er wusste schon, dass er an diesem Tag das vorerst letzte Spiel für den Landesklassisten absolvieren würde. „Für mich war es eine Herzensangelegenheit. Ich habe Atzendorf sehr viel zu verdanken, sie haben mich und auch meinen Sohn sehr unterstützt“, sagt der Torjäger. „Nach so vielen Jahren war die Entscheidung nicht einfach und hat schon Überwindung gekostet.“

Die große Verbundenheit zwischen der ZLG Atzendorf und Tolle war an diesem Finaltag zu spüren. Doch nur er und der sportliche Leiter Bernhard Knoll, den der Stürmer kurz zuvor telefonisch in Kenntnis über das Angebot setzte, wussten schon, was die Geschichte hinter dem leidenschaftlichen Jubel war. Und die beiden verbindet eben auch eine besondere Beziehung. Denn Knoll war einst der Klassenlehrer von Tolle. „Ich kannte ihn vom Sportunterricht. Er hat vorher nie aktiv Fußball gespielt, aber er hatte Talent für Ballsportarten.“ Und so hat Knoll den damals 19-Jährigen, der aus dem Weit- und Hochsprungbereich kommt, im Frühjahr 2012 zur ZLG gelotst. Seiner ersten und bislang einzigen Station im Männerbereich.

Kämpferisch sehr stark

„Er hat sein Potenzial am Anfang noch nicht ganz ausgeschöpft“, so Knoll, der damalige Trainer, der sich immer mehr auch zum Förderer von Tolle entwickelte. „Kämpferisch war er aber schon immer sehr stark“, erinnert sich der 53-Jährige. Und ab der zweiten Saison ging es dann auch bergauf für den Stürmer. Er entwickelte sich zu einer echten „Tormaschine“, die immer für den Großteil der ZLG-Treffer verantwortlich war. „Wenn er intensiv trainiert, dann sind seine Leistungen auf dem Platz auch sehr gut.“ Auch der vielleicht größte Rückschlag in seiner Karriere, sein Kreuzbandriss in der Saison 2014/15, konnte ihn nicht lange stoppen. „Er hat sich danach schnell wieder auf sein altes Niveau zurückgearbeitet“, lobte Knoll.

Das ZLG-Spiel war in den vergangenen drei Saisons schon sehr auf den 25-Jährigen ausgelegt. „Das passiert ja automatisch, wenn du so einen schnellen und torgefährlichen Spieler hast“, sagt Knoll. Vor allem sein Tempo sieht er als großen Pluspunkt: „Er hat einen sehr guten Antritt, in der Landesklasse konnte ihn kaum jemand stoppen. Auch sein linker Fuß ist sehr gut. Dazu ist er kopfballstark“, lobt Knoll.

Attribute, die Tolle im blau-weißen Trikot weit über 100 Tore einbrachten. Und die selbstverständlich auch bei anderen Vereinen und Trainern für Aufmerksamkeit sorgten. In der Landesklasse III hatte da vor allem Marco Wagner, bis zum Sommer Coach beim Ligakontrahenten Germania Wulferstedt, ein Auge auf ihn geworfen und wollte ihn in den Landkreis Börde locken. Doch Tolle lehnte ab. Nun aber klopfte Wagner erneut beim wieselflinken Linksfuß an. Als Coach des Haldensleber SC aus der Verbandsliga.

Und dieses Angebot konnte Tolle sich nicht entgehen lassen. „Ich habe mich hauptsächlich für das Angebot entschieden, um nochmal höherklassiger zu spielen“, so der Stürmer. „Diese Chance hätte er nie wieder bekommen“, ist sich Knoll sicher. „Sportlich ist es verständlich. Aber ich habe ihm auch zu bedenken gegeben, dass die Intensität dort viel größer ist und dass er auch nicht mehr so viel Luxus erwarten kann.“ Der sportliche Leiter meint damit, dass Tolle bei der ZLG große Freiheiten hatte und ihm, auch privat, viel geholfen wurde. „Es wird nicht einfach“, ist sich auch Tolle über die erste große Veränderung seiner fußballerischen Karriere sicher. „Ich muss noch mehr Leistung bringen und mich steigern. Aber das traue ich mir zu, sonst hätte ich das Angebot nicht angenommen.“ Gleich zwei Ligen höher wird der 1,93 Meter große Mann künftig auf Torejagd gehen.

ZLG-Spiel wird sich ändern

Doch er hat sich für diesen Schritt entschieden. Schweren Herzens. Weil auch er weiß: In Atzendorf hinterlässt er damit ein großes Loch. „Wir werden ihn nicht komplett ersetzten können“, ist sich Knoll sicher. „Im Moment sehe ich keinen, der diese Lücke füllen könnte. Wir müssen mannschaftlich noch geschlossener auftreten.“ Auch Coach Heinz Weile ist überzeugt davon, dass sich das Atzendorfer Spiel ändern wird und ein neuer „Zielspieler“ gefunden werden muss. Knoll hofft da zum einen, dass Kai Hänsch in der kommenden Spielzeit mehr Gefahr ausstrahlt und die „Mittelfeldspieler aktiver werden“.

Zum anderen will die ZLG aber auch wieder mehr auf Steffen Linsdorf setzen. Der 36-Jährige war der Vorgänger von Tolle. Und könnte jetzt auch wieder sein Nachfolger werden. Gib es da keine Bedenken aufgrund des Alters? „Nein, er hat immer noch eine ordentliche Dynamik und Durchschlagskraft“, meint Knoll. „Er ist zwar ein anderer Typ, aber genauso torgefährlich“, vergleicht er ihn mit Sebastian Tolle.

Auch wenn es nicht einfach wird, „wir werden zurechtkommen“, weiß Knoll. Keinesfalls wollte er Tolle Steine in den Weg legen. Im Gegenteil: Er drückt ihm die Daumen für den nächsten Schritt. Und hofft eines Tages auf ein Wiedersehen in Atzendorf.