Staßfurt l Er hat alles um sich herum ausgeblendet. In der Merkewitz-Halle gab es nur noch den Ball und ihn. Cosmin Tiganasu war fast eins mit dem Spielgerät. Der Konter lief. Der Rumäne sprintete mehreren Spielern des HC Aschersleben davon. Frei vor dem Torwart hatte er dann noch genügend Power, um den Ball mit einer Wucht ins Tor zu schmettern, dass man Angst um das Netz haben musste. Drei Sekunden vor der Pause erzielte er, der Spieler, der wegen einer Sperre zuvor fünf Spiele pausieren musste, das so wichtige 13:11. Dann ertönte die Sirene.

Diese sehr starke erste Hälfte des HV Rot-Weiss Staßfurt wurde am Ende aber nicht belohnt. Im Derby der Mitteldeutschen Oberliga mussten sich die Bodestädter dem HC Aschersleben knapp mit 25:26 geschlagen geben. Nach dem letzten Spiel der Hinrunde bleiben sie damit Vorletzter. „Das ist schon bitter, wir hätten die Punkte dringend benötigt“, fasste Präsident Patrick Schliwa zusammen. Nicht nur Rückraumspieler Nils Hähnel war „extrem enttäuscht“ – vor allem, weil „die zwei Punkte drin waren“.

Es begann alles nach Plan. Schon die Kulisse war eines Derbys in der vierten Liga mehr als würdig. Über 500 Zuschauer strömten nach Staßfurt, um sich das letzte große Duell zwischen Rot-Weiss und dem HCA in der Merkewitz-Halle anzuschauen. Und sie bekamen ein hochklassiges Duell zu sehen, bei dem sich aber zunächst die Gäste als effektiver im Abschluss entpuppten. „Asche“ ging mit 4:2 in Führung (7.). Bis zur zehnten Minute blieb die hitzige Partie aber sehr ausgeglichen (5:5). Nachdem die Gastgeber sich dann eine 7:5-Führung erarbeiteten, gab es einen kleinen Rückschlag. Andreas Steinbrink musste nach einem Foul an Sascha Berends mit glatt Rot vom Feld (15.).

Zu sicher gefühlt

Doch auch davon ließ sich Rot-Weiss nicht aus dem Konzept bringen. In Unterzahl erzielte Tiganasu, dem in dieser Phase fast alles gelang, das 8:5 (16.). Nachdem der HCA danach besser in die Partie fand, war das Spiel wieder ausgeglichen. Als die Gäste dann drauf und dran waren, den 12:12-Ausgleich zu erzielen, startete der Rumäne seinen Sololauf. Und damit nicht alles: Nach der Pause stellte Tiganasu mit einem Doppelpack auf 16:12 (34.). Doch während die Staßfurter laut Hähnel in der ersten Hälfte noch „alles aus dem Training abgerufen“ haben, klappte das in Hälfte zwei nicht mehr. Trotz des sehr guten Starts? Oder vielleicht genau deswegen, wie Hähnel vermutete: „Dadurch fühlten wir uns schon zu sicher.“

So wurde der HCA wieder Stück für Stück besser, kam zunächst wieder zum Ausgleich (17:17, 41.) und dann zu einer recht komfortablen 25:21-Führung fünf Minuten vor dem Ende. Doch warum hat der HV Rot-Weiss das Spiel aus der Hand gegeben? Da waren sich beide Trainer einig. „Wir haben auf eine 5:1-Deckung umgestellt und das Spiel dadurch gewonnen“, sagte HCA-Trainer Dmitri Filippov. Auch Enrico Lampe, der den erkrankten Staßfurter Coach Sven Liesegang einmal mehr an der Seitenlinie vertrat, wusste: „Das war der Knackpunkt. Wir waren zwar darauf vorbereitet und hatten Absprachen, doch daran konnten wir uns leider nicht halten“, so der verletzte Mittelmann. „Uns hat am Ende die Geduld gefehlt“, bescheinigte Schliwa. Filipov bestätigte das und verriet, was der Schlüssel zum Erfolg war: „Wir haben auf die Lücke gewartet.“

Staßfurter zeigen Charakter

Als noch eine Minute und zehn Sekunden auf der Uhr waren, markierte Nicolas Berends, mit acht Treffern bester Werfer des Tages, das 26:22. „Oh, wie ist das schön“, schallte es von den Ascherslebener Fans. Diese haben wohl nicht mit der starken Moral der Staßfurter gerechnet. In der Schlussminute erzielten sie drei weitere Treffer. Das reichte zwar nicht mehr, zeigte aber: „Wir sind nicht eingebrochen und haben Charakter gezeigt. Wir hätten noch eine Minute mehr gebraucht“, sagte Hähnel.

Die gab es aber nicht. Und so gab es für Lampe und sein Team keine Punkte, sondern lediglich die Erkenntnis: „Wir haben Handball gearbeitet und aufopferungsvoll gekämpft. Kompliment an die Mannschaft.“ Es war ein schönes Derby mit dem, aus Staßfurter Sicht, falschen Ausgang. Doch der Kopf, der nach so einer Niederlage logischerweise nach unten ging, muss in dieser Position nicht lange verharren. Es gab doch einige positive Faktoren, die in die Rückrunde mitgenommen werden können. Und dazu zählt auch der starke Auftritt von Tiganasu. „Er hat seine anfänglichen Schwierigkeiten überwunden“, berichtete Lampe. „Wir werden noch sehr viel Freude an ihm haben.“

Staßfurt: Tuchen, Schliwa - Kaiser, Fanselow (2), Zimnick, Ortmann, Retting (5), Jacobi (5), Steinbrink (1), Frank (1), Spadt, Schöne (1), Hähnel (3), Tiganasu (7)

Siebenmeter: Staßfurt 2/3 - HCA 4/3 Zeitstrafen: Staßfurt 4 - HCA 5 Rot (o.B.): Steinbrink (15.), Hähnel (54.)