Stendal l Dabei sinken die Zulaufzahlen nicht in allen Regionen. Im Landkreis Stendal gilt eher das Gegenteil. Doch was läuft dort anders? Redakteur Marco Heide hat sich mit dem Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses, Michael Müller, unterhalten.

Volksstimme: Wie schätzen Sie die Situation beim Schiedsrichter-Nachwuchs im Landkreis Stendal ein? Kommen genug junge Leute nach, um die altersbedingten Ausfälle zu kompensieren?

Michael Müller: Es kommen aktuell genug junge Leute im KFV Altmark Ost nach, um altersbedingte Ausfälle zu kompensieren. Wir haben gegenwärtig keinerlei Probleme mit der Besetzung von Spielen. Bei uns ist eher so, dass wir uns glücklich schätzen können, weil wir aktuell sehr, sehr gut aufgestellt sind. Ich will nicht sagen, dass bei uns alles perfekt läuft, da auch bei uns Luft nach oben ist. Seit Sommer letzten Jahres ist es so, dass wir Wartelisten bei den Anwärterlehrgängen haben. Im Oktober haben wir den nächsten Lehrgang.

In der jüngeren Vergangenheit haben wir auch Anwärter in andere Kreise – KFV Altmark West – schicken müssen, die dankenswerterweise die Ausbildung für uns übernommen haben. So haben wir in der vergangenen Saison 34 Schiedsrichter ausgebildet, wovon noch 30 weiterhin aktiv sind. Natürlich freuen wir uns über jeden weiteren Interessierten an der Schiedsrichtertätigkeit, egal welchen Alters.

Wie kommt es zu dieser großen Nachfrage?

Der größte Punkt ist wahrscheinlich, dass zufriedene Schiedsrichter, die ihr Hobby gerne ausüben, die besten Werbeträger sind. Aus dem Umfeld der zufriedenen Schiedsrichter werden aktuell viele neue Anwärter geworben. Fabian Kopecki vom SV Rochau legte im Oktober 2018 erfolgreich die Schiedsrichter-Prüfung ab. Im Januar 2019 ließen sich fünf Mitspieler und Fabians Vater zum Schiedsrichter ausbilden, weil Fabian sie für die Funktion des Schiedsrichters begeistern konnte. Ein weiterer Punkt, um Schiedsrichter zu gewinnen, ist die Kommunikation mit den Vereinen. Die Vereine sind bei der Gewinnung von Schiedsrichtern genauso in der Verantwortung wie der KFV Altmark Ost.

Deshalb haben wir Dialog- und Informationsveranstaltungen angeboten, bei denen sich der KFV und die Vereine Gedanken gemacht haben, wie sie die Zusammenarbeit, die Attraktivität und das Image des Schiedsrichterseins verbessern können. Außerdem haben wir uns Aktionen einfallen lassen, die das Gemeinschaftsgefühl unter den Schiedsrichtern stärken. So haben wir beispielsweise erstmals eine Weihnachtsfeier ins Leben gerufen, die Schiedsrichterauswahl reaktiviert, sind gemeinsam zu einem Bundesligaspiel gefahren und führten im September ein Veteranentreffen durch. Das alles ist auch nur möglich, weil meine Mitstreiter im Schiedsrichterausschuss eine sehr gute Arbeit leisten.

Was ist das größte Problem bei der Gewinnung von Schiedsrichter-Nachwuchs?

Die größte Herausforderung stellt aktuell weniger die eigentliche Gewinnung des Nachwuchses dar, sondern vielmehr die langfristige Gewinnung von Schiedsrichtern. Das Schiedsrichterwesen lebt davon, dass erfahrene Schiedsrichter unseren neuen und zumeist jungen Schiedsrichtern Wissen und Tugenden wie korrektes, aber selbstbewusstes Auftreten oder dem Umgang mit Emotionen und auch Unsportlichkeiten auf dem Platz vermitteln. Leider nimmt die Zahl der Schiedsrichter, die diesem Hobby langfristig, also länger als fünf Jahre, nachgehen, ab. Diese Hürde gilt es künftig zu überwinden.

Welche Pläne gibt es, um junge Menschen an die Pfeife zu holen?

Wir haben vergangenes Jahr im November auch die Eltern von jungen Schiedsrichteranwärtern eingeladen, damit sie Fragen stellen konnten, die wir beantwortet haben. Die Schiedsrichterauswahl wird auch vorwiegend von jüngeren Leuten genutzt. Wir nutzen auch moderne Medien wie Facebook um besonders junge Leute anzusprechen. Außerdem haben wir den Ablauf des Anwärterlehrgangs etwas umgestellt.

Dieser Lehrgang wird mittlerweile als erster Höhepunkt im Schiedsrichterleben von vielen Schiedsrichtern angesehen. Auch wenn eine Leistung abgefordert wird, kommt der Spaß nicht zu kurz, ich denke da zum Beispiel an die Fußballturniere an der Konsole, welche an einem am Abend stattfinden. Neben dem Spaß muss aber auch die Leistung stimmen. Wir haben bei jedem Lehrgang auch Leute, die die Prüfung nicht bestehen. Wir sind auch den Vereinen gegenüber einer gewissen Leistung verpflichtet und müssen - wenn auch nicht gern –unseren Prüflingen das Nichtbestehen der Prüfung mitteilen.

Gibt es Hochburgen in der Altmark, aus denen viele junge Schiedsrichter kommen?

Goldbeck hat in der vergangenen Saison fünf Schiedsrichter ausgebildet. Bei Post Stendal werden stetig Schiedsrichter ausgebildet. Bei jenem Verein vergeht eigentlich kein Jahr, in dem nicht neue Schiedsrichter ausgebildet werden. Für den neuen Lehrgang sind es sogar zwei. Dort wirken viele Schiedsrichter positiv und machen Werbung. Außerdem hat es in den vergangenen Jahren in Tangermünde, Havelberg und bei Lok Stendal sehr gut geklappt, junge Unparteiische für die Ausbildung zu finden. Neben der Gewinnung gehört auch eine weitere Betreuung der Vereinsschiedsrichter durch den Verein dazu, da haben einige Vereine durchaus noch Reserven.

In welchen Regionen gibt es die größten Probleme bei der Nachwuchsgewinnung?

Vor allem in den ländlichen Gegenden ist die Nachwuchsgewinnung schwierig. Vor allem die Dörfer mit wenigen Einwohnern und nur einer Männermannschaft im Spielbetrieb haben damit Probleme. Ich habe dafür Verständnis, dass man in einem Verein viele Baustellen hat. Man muss die Männermannschaft am Leben halten,Trainer sowie Betreuer finden, man muss sich um den Sportplatz kümmern, Sponsoren akquirieren. Aber das Schiedsrichterwesen darf nicht das fünfte Rad am Wagen sein. Bei kleinen Vereinen ist es umso wichtiger einen zuverlässigen Interessierten für die Schiedsrichterei zu gewinnen. Dies ist zum Beispiel in Uetz, Hohengöhren, Sandau oder Schönberg der Fall.

Was schreckt Ihrer Meinung nach junge Menschen am meisten davor ab, die Rolle des Schiedsrichters einzunehmen?

Man muss sich als junger Schiedsrichter daran gewöhnen, dass man zum Teil von Zuschauern negativen Äußerungen ausgesetzt ist. Das müssen 15-, 16-jährige Schiedsrichter, die vorwiegend an der Linie stehen, ersteinmal lernen, wie man damit souverän umgeht. Das ist für junge Menschen, die diese Art von Kommunikation so kaum kennen, gewöhnungsbedürftig. Ein weiterer Punkt, der organisiert werden muss, ist die Mobilität von jungen Schiedsrichtern, da sie oftmals kein Fahrzeug haben. Eltern und Vereine müssen da schauen, wie die Schiedsrichter zu ihren Spielen kommen.

Herzlicher Dank geht da auch an die Eltern, welche ihren Nachwuchs teils sehr kurzfristig zu den Spielen fahren und viel Zeit dafür opfern. Ich denke da an zwei junge Schiedsrichter aus dem Jerchiower Land (Jerichow und Parey), wo fast jedes Wochenende die Eltern ihren Nachwuchs zu Schiedsrichtereinsätzen fahren. Außerdem müssen die Vereine in den ländlichen Regionen auch dafür sorgen, dass die Schiedsrichter sich im Verein geborgen fühlen, so wie die Spieler in den Mannschaften, die oftmals eine Gemeinschaft bilden. Diese Gemeinschaft darf für die Schiedsrichter, die fernab der Städte wohnen, nicht fehlen.

Wie überzeugen Sie einen Jugendlichen, Schiedsrichter zu werden?

Wir sagen immer, dass die Werte, die man während der Schiedsrichtertätigkeit lernt, ein ganzes Leben lang prägen können. Besonders hinsichtlich der Charakterstärke. Man übernimmt als Schiedsrichter Verantwortung, man muss entscheidungsfreudig, kritikfähig sowie teamfähig sein. Weiterhin soll man menschlich und nicht arrogant wirken. Man muss sich verkaufen, also auch ein bisschen schauspielern können. Das ist viel für einen jungen Menschen. All dies sind Charakterwerte, die sich positiv auf den persönlichen wie beruflichen Werdegang auswirken können. Wir kennen Arbeitgeber, bei denen die Schiedsrichtertätigkeit positiv berücksichtigt wird.

Wir erhalten außerdem Rückmeldungen von jungen Schiedsrichtern, die positive und negative Situationen auf dem Platz gut in Erinnerung behalten und stolz darauf sind, wenn sie eine schwierige Situation gut gemeistert haben. Als Schiedsrichter-Team erlebt man gemeinsam teilweise außergewöhnliche Sachen. Dieser Teamgeist auf dem Platz und bei den Lehrgängen kommt bei vielen jungen Schiedsrichtern gut an.