Volksstimme: Was denken Sie, auch aus Sicht des Bundestrainers, wie die Saison noch verlaufen könnte?

Timo Hoffmann: Wenn ich ehrlich bin, habe ich aufgrund der aktuellen Entwicklung das Gefühl, dass die Saison möglicherweise nicht zu Ende gespielt werden kann. Mir gehts nicht nur um die sportliche Geschichte. Jeder ist ja auch in seinem Beruf aktiv und ich in meiner Funktion als Personalchef einer großen Bank bekomme es mit, was da im Berufsleben passiert.

Wird da der Sport zur Nebensache?

So hart wie das klingt, ist das so. Wir müssen erstmal schauen, dass wir die wichtigen Dinge im Leben wieder einigermaßen sortiert bekommen. Und mit der aktuellen Situation, dass die Zahlen so massiv steigen, hat der Kegelsport nicht die oberste Priorität.

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Wie sehen Sie die sportliche Entwicklung?

Ich habe große Angst, dass die Bundesliga nicht zu Ende gespielt werden kann, weil meine Befürchtung, dass die Sportstätten wieder schließen, auch wahr wurde und nun sowieso der zweite Lockdown da ist.

Und wie sieht die Lage international aus?

Ich denke, dass auch wieder keine WM stattfindet, ohne dass ich das jetzt hundertprozentig weiß. Ich glaube auch, dass es bei den Sportlern im Kopf eine große Frage ist, weil die Motivation nicht da ist. Wir bereiten uns auf einen Wettbewerb vor und dann wird er abgesagt. Dann bereiten wir uns auf den nächsten vor, der auch wieder abgesagt wird. Es ist eine Situation, die uns insgesamt fordert.

Dies wurde ja schon in der Bundesliga sichtbar?

Gerade am letzten Spieltag hat man es gesehen. Da hat nur die Hälfte gespielt. Die Ausländer können nicht reisen. Ich glaube auch, die Rahmenbedingungen, die sich täglich in die falsche Richtung verändern, machen das alles sehr schwer.

Wie sehen Sie die Haltung des DKBC, der zunächst sagte, dass jeder selbst entscheiden kann?

Meines Erachtens ist es so, dass der Verband vor Entscheidungen stand und steht, die noch nie da waren. Er hat es ja in der letzten Saison mit dem Dreistufen-Konzept hervorragend gemacht. Und ich denke auch, dass die Verantwortlichen jetzt wieder einen Plan entwickeln werden, der in die gleiche Richtung geht. Ich bin aber der Meinung, dass man die Saison, wenn es nicht besser wird, auch frühzeitig abbrechen sollte.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wenn man die Saison nach sieben oder acht Spieltagen abbricht, können wir auch diese Diskussionen vermeiden. Man könnte sagen, die Saison ist erst zu einem Drittel gespielt und man startet nächstes Jahr neu. Aber dann sollte man den Zeitpunkt auch nicht zu früh setzen, denn ich denke, jeder hat gedacht, naja, nun wird es irgendwie weitergehen. Jetzt beschäftigt uns das ganze Thema fast ein Dreivierteljahr. Für mich wäre es realistisch, wenn man ehrlicherweise dahin kommt, dass man die Saison jetzt unterbricht und möglicherweise auch abbrechen muss. Und dann starten wir wirklich erst im September 2021 mit der neuen Saison.

Wäre das nicht sehr hart?

So hart wie das ist. Aber man sieht es auch in anderen Sportarten. Ich glaube, andere Sportarten, die finanziell abhängig sind von den Zuschauern, verschwinden entweder komplett oder die kriegen eine staatliche Hilfe. Ansonsten geht das alles kaputt.

 

Ist das die Gefahr dabei?

Ich kriege das in meinem persönlichen Umfeld mit, wo ich trainiere. Dem Club war es freigestellt zu trainieren, da trainiert und spielt die Hälfte gar nicht. Jetzt wurde es unterbrochen. Wir müssen uns an den Aktiven-Zahlen orientieren, die wir jetzt haben und die wir nach Corona haben. Ich bin der Meinung, dass es eine deutliche Rückentwicklung der aktiven Kegler geben wird. Es gibt viele, die nicht mehr anfangen werden. Gerade die Älteren, aber auch welche, die sagen, es geht ja auch ohne. Darunter werden die Clubs massiv leiden.

Wie ist das für Sie als Bundestrainer. War Ihre Arbeit teilweise umsonst?

Genau. Wir haben jetzt wieder einen Lehrgang im Januar geplant. Wir hatten schon das Trainingslager geplant und abgesagt. Wir wissen jetzt schon, dass wir den Januar-Lehrgang mit großer Wahrscheinlichkeit absagen müssen. Das ist alles absolut demotivierend.

Sie dürfen aber nicht den Kopf in den Sand stecken?

Ich denke immer, du musst deine Sportler bei Laune halten. Ich bin selber ja Spieler, aber wenn ich kein Ziel habe und die WM wieder abgesagt wird, brauche ich im Januar auch keinen Lehrgang machen, wo wir uns auf die WM vorbereiten wollten. Auch die Spieler fragen, warum wir einen Lehrgang machen und worauf wir uns vorbereiten. Ich kann keine Antwort geben. Das ist schwer.

Bisher durfte auch beim Punktspiel nicht gejubelt werden. Wie sehen Sie das?

Die Emotionen gehen komplett verloren. Wenn das der einzige Punkt wäre, dann könnten wir damit leben. Aber es sind inzwischen so viele einzelne Faktoren, die das Ganze so schlecht machen. Es ist schon im Bus schwierig. Jeder muss eine Maske aufhaben. Da unterhalten wir uns schon gar nicht. Das ist alles schwierig, aber wir müssen uns beugen.

Inzwischen hatte die Task Force des DKBC beschlossen, den siebten Spieltag zu verschieben und nun alle weiteren Spieltermine im November behördlich bedingt zu untersagen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Diese Entscheidung ist alternativlos. In unserem Sport ist es das Problem, dass wir völlig unterschiedliche Eigentümer der Sportstätten haben. Und wenn es eine städtische oder eine Sportstätte einer Gemeinde ist, müssen sie zumachen und wir können nicht kegeln. Die zweite Sache ist, unsere Spieler kommen aus vielen unterschiedlichen Gebieten. Risikogebiete hin oder her, wir spielen zwar in Zerbst, aber nur einer kommt aus Zerbst. Alle anderen kommen aus Risikogebieten. Und wir alle haben Arbeitgeber, die nicht möchten, dass wir uns nach unserem Hobby in eine 14-tägige Quarantäne begeben müssen und nicht arbeiten können.

Glauben Sie daran, dass Sie in diesem Jahr noch einmal kegeln können?

Nein, daran glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass das Training noch möglich ist, weil Ministerpräsident Söder hier in Bayern nicht von null auf 100 aufmachen wird. Das wird wieder scheibchenweise gehen und da muss ich ganz ehrlich sagen, da wird Kegeln nicht im Vordergrund stehen.

Und im neuen Jahr?

Das ist schwer abzuschätzen. Ich persönlich habe kein gutes Gefühl für die ganze Saison. Es sind ja immer wieder Einflussfaktoren von anderer Seite da und auch Corona wird ja im Januar nicht weg sein. Wir werden immer wieder neue Fälle haben, die einen normalen Spielbetrieb überhaupt nicht zulassen. Es ist ja jetzt schon so. Die Handball-Nationalmannschaft hat ein Länderspiel, aber die halbe Mannschaft kann nicht kommen, weil sie selbst Corona haben oder ein Teamkamerad. Deswegen glaube ich, dass das eine ganz schwierige Geschichte wird.

Sie und Ihre Mannschaftskameraden sind zwar Angestellte, aber dadurch, dass Sie in der Bundesliga, international und auch in der Nationalmannschaft spielen, doch an den Profisport angelehnt. Die Profis dürfen spielen, Sie nicht. Fühlen Sie sich benachteiligt?

Überhaupt nicht. Ich glaube, der Profi hat jetzt ganz andere Probleme als wir. Ich glaube, die Profisportler kämpfen momentan im Kopf um ihre Existenz. Wenn wir ein halbes Jahr nicht kegeln dürfen, ist das für mich als Sportler schade und traurig, aber ich gefährde dadurch nicht mich und meine Familie.