Köln/Berlin (dpa) - Mehrkosten in Milliardenhöhe, Debatte um eine Impfpflicht in Corona-Zeiten - braucht es das auf 2021 verschobene Mega-Event Olympia in Tokio überhaupt?

Die Olympischen Spiele könnten ein positives Zeichen der Gemeinsamkeit setzen, glaubt der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer.

"Wir haben nicht den einen großen Krieg, sondern ganz viele Kriegsherde und schwelende Konflikte. Dass man darüber hinweg sich treffen kann zum Sport, nicht einfach nur zum Vergnügen, sondern auch, indem man gemeinsam friedliche Wettkämpfe veranstaltet, ein Verständnis über die verschiedenen Grenzen hinweg entwickelt, ist eine wertvolle Sache", sagte der emeritierte Professor im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Zugleich warnte er aber auch vor einem potenziellen "Super-Super-Spreader".

Frage: Herr Gebauer, ist Olympia 2021 für die (Sport)-Welt unverzichtbar?

Gunter Gebauer: Man kann sagen, dass Sport nicht unbedingt unverzichtbar ist, weil er nicht zu unserem Überleben beiträgt. Aber das ist eine sehr vordergründige Auffassung. Das ist bei allen möglichen Varianten von Kultur so, und dazu würde ich den Sport auch zählen. Der Grund ist ein anderer: Sie geben uns Hoffnung, sie ermöglichen uns Höhenflüge und richten uns in dieser niedergedrückten Stimmung wieder auf. Das sind enorm wichtige Manifestationen des Menschseins in einem Kontext großer Gefährdung. Deswegen finde ich, sind alle diese Manifestationen, die zeigen, dass Menschen nicht nur Opfer von Corona sind, sondern auch von sich aus große Dinge leisten können, sehr wichtige Beispiele. Das trifft zu für Musik, für Theater, für Tanz und natürlich auch für Sport.

Frage: Ist es für Sie bei aller Unsicherheit vertretbar, Zehntausende Athleten, Ausländer nach Japan zu schicken für ein Sportfest?

Sie werden nicht geschickt, sie fahren dorthin und müssen überhaupt erst mal ins Land gelassen werden. Ich kenne Japan einigermaßen gut, ich war selbst Gastprofessor dort. Die Japaner sind extrem vorsichtig mit der Pandemie umgegangen, sie sind immer vorsichtig mit Gefahren gewesen und sind es auch heute. Es würde mich deswegen wundern, wenn Japan ohne weiteres Zehntausende Leute einfach ins Land lässt, um Sport zu machen. Ich denke, dass wenn die Athleten zugelassen werden, das nur unter ganz bestimmten, sehr restriktiven Bedingungen möglich ist. Japan braucht auch möglichst viele ausländische Gäste und auch Zuspruch. Man hatte irrsinnig hohe Kosten für die Spiele, dann kamen die Verschiebung und weitere Kosten hinzu.

Frage: Was halten Sie von der Idee einer Impfpflicht, die IOC-Chef Thomas Bach ausschließt?

Ich finde, eine Impfpflicht kann man nicht einführen. Man kann die Verpflichtung zu einer Testung einführen, das wird auch der Fall sein, schätze ich. Eine Impfpflicht einführen, das ist ein Eingriff in die Körperlichkeit. Ich bin kein Impfgegner, aber andere Menschen, die Furcht davor haben und schlechte Erfahrungen mit Impfungen gemacht haben, kann man nicht dazu verpflichten. Aber man müsste sicher sein, dass diese Leute, die nicht geimpft sind, auf jeden Fall nicht infektiös sind. Das ist die andere Seite. Bei 10.000 Athletinnen und Athleten im olympischen Dorf ist der Gefahrenherd gewaltig. Wenn das nicht beherrschbar ist, ist es sicher besser, man lässt die Spiele ausfallen, als dass man so etwas wie einen Super-Super-Spreader veranstaltet. Denn hinterher fahren alle wieder in alle Weltgegenden nach Hause und dann ist die Pandemie noch mal potenziert, falls eine Pandemie überhaupt potenzierbar ist.

Frage: Hat sich der Sport, im konkreten Beispiel das IOC, mit dieser auch finanziellen Abhängigkeit von Mega-Ereignissen in eine Zwangslage gebracht, die es aufzulösen gilt?

Das IOC hat trotz aller Unsicherheit, die enorm ist, einfach einen Termin für dieses Riesenereignis angesetzt. Das ist schon mutig im Moment. Der Druck aus finanziellen Gründen auf das IOC ist außerordentlich hoch. Das nehme ich Thomas Bach ab, wenn er sagt, es geht nicht, dass Olympische Spiele ausfallen. Olympische Spiele sind nur sehr selten ausgefallen, das war in beiden Weltkriegen so. Ansonsten haben Olympische Spiele immer stattgefunden, auch in Kriegen, obwohl ja ständig vom olympischen Frieden geredet wird.

Frage: Können die Olympischen Spiele ein positives Zeichen setzen?

Wenn man die Überzeugung gewinnt, die Olympischen Spiele seien eine sehr wichtige Veranstaltung, die so etwas wie das Gemeinsame von Menschen ausdrückt, über die Grenzen der Ethnien hinweg, über die Kulturen hinweg, dann haben wir tatsächlich im Weltsport mit dem Olympismus so etwas wie eine große Kultur. Diejenigen, die sich daran beteiligen, auf jeden Fall jene in der westlichen Welt, empfinden das als eine Gemeinsamkeit. Das ist etwas sehr Wichtiges, wenn wir uns anschauen, wo überall auf der Welt es brennt und wo Konflikte explodieren können. Wir haben nicht den einen großen Krieg, sondern ganz viele Kriegsherde und schwelende Konflikte. Dass man darüber hinweg sich treffen kann zum Sport, nicht einfach nur zum Vergnügen, sondern auch, indem man gemeinsam friedliche Wettkämpfe veranstaltet, ein Verständnis über die verschiedenen Grenzen hinweg entwickelt, ist eine wertvolle Sache. Das Friedliche ist das Dominierende bei den Olympischen Spielen, das muss man immer wieder herausstreichen. Das ist kein Ersatzkrieg. Möglicherweise war es das mal zwischen Ost- und Westblock, aber das ist schon lange her.

Frage: Wie, meinen Sie, wird das Publikum auf die Spiele reagieren?

Man wird sehen, ob das weltweite Publikum die Olympischen Spiele ohne Weiteres annimmt. Es kann sein, dass den positiven Effekten zum Trotz, Olympia vom großen Publikum nicht wirklich angenommen wird, weil so viel Leid passiert ist, weil die Furcht so groß ist. Das kann man nicht ganz ausschließen. Es hängt davon ab, wie sich die Lage entwickelt. Wenn die Impfungen gut klappen und viele Menschen geimpft sind, so dass man im nächsten Jahr vieles lockern kann, man sich nicht mehr hochängstlich in sich verkriecht, dann könnten die Olympischen Spiele im nur schwer zu ertragenden japanischen Hochsommer so etwas wie ein Wiederaufatmen sein, wie ein Signal, dass die Normalität langsam wieder einkehrt. Es könnte ein Fanal sein, das sehr viel Kraft hat, weil es in der ganzen Welt empfangen wird.

ZUR PERSON: Gunter Gebauer (76) ist emeritierter Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der FU Berlin. Er wuchs in Kiel auf, lebt heute in Köln. Sein jüngstes Buch heißt: "Olympische Spiele".

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