Kiel. In Kiel schwärmen sie heute noch von jenem legendären 54:34-Triumph über den SC Magdeburg. "Von dem", meinte ein Fan am Mittwochabend tief unten in den Katakomben der Ostseehalle, "werde ich noch meinen Kindern und Kindeskindern erzählen." Und im offiziellen Programmheft der Nordlichter wird jener Tag sogar als ein "Einschnitt für den Handball" gefeiert, quasi als der Beginn eines neuen Zeitalters im Spiel mit der kleinen Lederkugel. So schnell, so trick- und torreich sei bis dahin noch keine Partie in der Bundesliga verlaufen.

Fünf Jahre liegt das nunmehr zurück. Trainer in einer der schwärzesten Stunden der so ruhmreichen Magdeburger Handball-Geschichte war seinerzeit ein gewisser Alfred Gislason. Und derselbe Mann stand diesmal wieder auf der Platte, allerdings nun als Coach der Kieler, der wahrscheinlich weltweit besten Vereinsmannschaft der letzten Jahre.

Doch Erfolgscoach Gislason traute kaum seinen Augen: Da unten auf dem blauen Geläuf stemmte sich sein Ex-Verein (der nach drei Niederlagen in den letzten vier Spielen angeschlagene Underdog SCM) erfolgreich den anrollenden Ostsee-Wellen entgegen. Sah sich am Ende aber beim 22:25 (15:11) um den Lohn aller Bemühungen gebracht.

Dennoch spendete SCM-Geschäftsführer Marc Schmedt laut Beifall: "Toll, wie sich das Team hier verkauft und den Favoriten am Rand einer Niederlage gebracht hatte. Jetzt muss es nur noch gelingen, mit diesem Einsatz gegen die vermeintlichen schwächeren Teams der Liga aufzutrumpfen." Auch sein Kieler Kollege Uli Derad zeigte sich überrascht: "Ein Kompliment für diese Vorstellung an den SCM."

"Respekt, wie die sich hier präsentiert haben", meinte später ebenso THW-Kanonier Filip Jicha. "Das war schnell, das war gut vom SCM. Vor allem mit Jurecki hatten wir in der Deckung so unsere Probleme."

Eine Dreiviertelstunde lang hatte tatsächlich eine Sensation in der Luft gelegen. Im weiten Rund der Arena, die sich selbst als beste Handball-Halle der Welt feiert, viele ungläubige Blicke. Das kann, so schienen sie zu sagen, doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Da wagte es ein – im Vergleich zum internationalen Star-Ensemble der Zebras – Team mehr oder wenig Namenloser, gegen die großen Kieler aufzubegehren.

Die Uhr zeigte bereits die 45. Minute an, als der THW beim 19:18 (Lundström) erstmals in dieser Partie überhaupt in Front zog. SCM-Trainer Frank Carstens haderte vor allem mit der schlechten Chancenverwertung in den zweiten 30 Minuten: "Nur sieben Treffer in Hälfte zwei, das ist zu wenig. Wir hatten doppelt so viele Möglichkeiten, eine klarer als die andere."

Doch Kritik, das war es nicht, was der 39-Jährige nach diesem spannenden und aktionsreichen Aufeinandertreffen verbreiten wollte. "Das war im Vergleich zu den vorangegangenen Begegnungen ein deutlicher Sprung nach vorn", analysierte Carstens vielmehr. "Die Mannschaft, das hat ihr Auftreten hier bewiesen, sie kämpft um diese Saison. Das ist die für mich die wichtigste Erkenntnis dieses Abends."

Einen Gewinner in Grün-Rot gab es an diesem Abend dennoch: SCM-Außen Robert Weber gewann das direkte Duell der beiden bisher besten Torjäger der Liga gegen Kiels Jicha. Mit zehn Treffern, davon acht verwandelten Siebenmetern, setzte sich der nervenstarke kleine Österreicher gegen den derzeit wahrscheinlich besten Handballer der Welt mit einem Zähler Vorsprung durch. Die tschechische Kampfmaschine (100 Tore), die Weber um einen Kopf überragt, ist jetzt nur noch ein Tor besser.

Der ungleiche Zweikampf zwischen David und Goliath geht also in die nächste Runde ...