Magdeburg l Allein im Ausschlussverfahren lässt sich ermitteln, wer der neue Trainer des Handball-Bundesligisten SC Magdeburg zum 1. Juli 2014 werden könnte. Ausreichend Namen machen die Runde. Aber neben dem vorgegebenen Profil ist wohl auch diese Maßgabe wichtig: Es muss ein Trainer im Geiste des ehemaligen SCM-Meistermachers Alfred Gislason sein.

Velimir Petkovic ist womöglich nicht lustig genug für diesen Job, wenngleich das "Handball-Magazin" ihn mal als witzigen Zeitgenossen in einer Bilderstrecke verkaufen wollte. Am Telefon kann er ebenso schön verbissen klingen, wie er schön verbissen am Spielfeld-rand agieren kann. Neulich haben sie den gebürtigen Jugoslawen mit deutscher Staatsbürgerschaft beim Bundesligisten in Göppingen entlassen. Allerdings nicht mangels Humor, sondern mangels Erfolg. Und das nach neun gemeinsamen Jahren des Jubels und Trauerns bei Frisch Auf. Womit die Frage nach dem Bezug des 57-jährigen Coaches zu Magdeburg beantwortet ist: Es gibt keinen.

Der ist auch nicht bei Markus Baur (42, aktuell bei Kadetten Schaffhausen) und bei Christian Schwarzer (44, aktuell DHB-Jugendtrainer) gegeben, sie sind zudem junge Trainer mit Potenzial. Wer diese Namen aus der der Tiefe der Gerüchteküche an das Licht der Öffentlichkeit transportiert hat, hatte vom vorgegebenen Profil, welches der neue Trainer des SC Magdeburg am 1. Juli 2014 haben muss, keine Ahnung. Jung mit Potenzial ist nicht genug, "das ist schwierig", sagte Marc Schmedt, der Geschäftsführer. Vielmehr sollte der Neue in der Lage sein, "die letzten 20 Prozent des Leistungspotenzials aus der Mannschaft nachhaltig rauszukitzeln", außerdem sollte er "über eine Reputation verfügen". Und außerdem "kann es passieren, dass er schon einmal in Magdeburg tätig war", gab Schmedt einen kleinen Einblick in die Kandidatenwahl. Herzlich Willkommen zurück also - etwa Alfred Gislason?

Seine Vergangenheit beim SCM ist ruhmreich, um seinen Ruf zu beschreiben, reicht schon sein Name als Superlativ, und was er aus einer Mannschaft rausholen kann, haben seine Meister- und Champions-League-Titel mit Magdeburg und dem THW Kiel gezeigt. Der 54-Jährige wird dennoch nicht anrufen bei Schmedt, um ein neuerliches Interesse an dem Job anzumelden, sein Vertrag in Kiel läuft bis zum 30. Juni 2017. Aber er hat vielleicht angerufen, um Hinweise zu geben. Die drei wirklich möglichen Trainerkandidaten könnten nämlich seinem Karteiordner entstammen: Oleg Kuleschow, Christian Gaudin und Patrekur Johannesson. Nach Volksstimme-Informationen liegen zumindest Gaudin und Johannesson bereits ein konkretes Angebot des SCM vor.

Oleg Kuleschow: Bedarf es eines weiteren Nachweises für eine Reputation, wenn sich jemand vor allem mit der gewichtigen Stimme des russischen Handballpräsidenten Boris Aleshin zum Nationalcoach seines Landes hochdient? Im März 2012 hatte Kuleschow den Sieg bei der Kampfabstimmung des Verbandes errungen, neun Kandidaten standen damals für den Posten zur Wahl. Der 39-Jährige führte die "Sbornaja" ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2013 in Spanien, und er führt sie zur kommenden Europameisterschaft nach Dänemark. Der SCM verbindet mit dem Namen Kuleschow wie mit dem Namen Gislason allerdings ein ganz anderes Ereignis: den Gewinn der Champions League 2002.

Kuleschow, geboren in Omsk, hatte die Chance, seine russische Schule mit vielen isländischen Akzenten zu bereichern. Zwischen 1999 und 2007 war Magdeburg sein Zuhause. Der Regisseur gilt sogar als der Lieblingsschüler Gislasons in jener Zeit. Und so introvertiert er auch gewesen sein mag, sein Interesse galt auch immer der Nachwuchsförderung. Reinhard Schütte, mehr als 20 Jahre der Mannschaftsbetreuer des SCM, hat einmal gesagt: "Jedem Klub oder Verband, der Oleg als Trainer hat, kann nichts Besseres passieren."

Nur im Guten ist er nicht gegangen: Kuleschow kehrte nach seinem Intermezzo unter anderem in Gummersbach (und natürlich unter Gislason) als Co-Trainer des SCM noch einmal zurück. Im Mai 2010 wurde der 123-fache Nationalspieler Russlands von diesem Amt aber enthoben. Nach einem Zerwürfnis mit dem damaligen Coach Sven Liesegang. Zwischen Juli 2011 und November 2012 trainierte Kuleschow HF Springe.

Christian Gaudin: Sollten die SCM-Macher ihn an seinem aktuellen Arbeitsplatz besucht haben, um ihm ein Angebot zu unterbreiten, wären sie wohl auf dem Flughafen in Nizza gelandet und an Monaco vorbeigefahren. Die Mannschaft von Saint-Raphael Var Handball geht ihrem Sport nämlich an der schönen französischen Mittelmeerküste nach. Seit 2003, seit seinem Abschied aus Magdeburg, ist Christian Gaudin bereits dort. In den vergangenen zwei Jahren hat der Coach mit dem Erstligisten zweimal das EHF-Cup-Viertelfinale erreicht.

Neulich hat Gaudin geschimpft in einem Interview mit einem französischen Internet-Portal, seine Mannschaft, aktuell Sechster der Tabelle, habe eine der schlimmsten Verteidigungen in der Meisterschaft. Solch ein Zustand würde auch Gislason nicht gefallen. Unter ihm spielte der heute 46-jährige Gaudin, der 247 Länderspiele für Frankreich absolvierte und 2001 Weltmeister im eigenen Land wurde, bei der SG Hameln und in Magdeburg. Und wie Kuleschow gewann auch Gaudin die Champions League mit dem SCM. Sein damaliger Kommentar: "Ich hoffe, Deutschland muss jetzt nicht wieder 20 Jahre auf diesen Pokal warten." Musste Deutschland nicht. Es gab ja weiterhin Gislason. Und in Magdeburg schreiben wir erst das elfte Jahr nach dem Titelgewinn. Gaudin hätte auch in Anbetracht der Tatsache, dass sich der SCM "komplett neu aufstellen" will zum kommenden Sommer, wie Schmedt erklärte, noch einige Chancen.

Patrekur Johannesson:Er kann freund(schaft)lich "Arschloch" sagen. Als Patrekur Johannesson vor drei Jahren erstmals als Trainer beim TV Emsdetten anheuerte, beschrieb er sich so: "Ich bin ein stets offener Mensch, und genau das erwarte ich von meinen Spielern auch." Über Emsdetten hat er zudem gesagt: "Eine super Stadt, jeder kennt jeden, das gefällt mir." Magdeburg ist größer als Emsdetten, fast siebenmal sogar, betrachtet man nur die Einwohnerzahl. Aber das sollte den 243-maligen isländischen Nationalspieler, der in der Bundesliga für TuSEM Essen (1996 bis 2003) auflief, und vierfachen Familienvater nicht erschrecken, wenn er über das SCM-Angebot nachdenkt - in der Magdeburger Handballwelt kennt auch jeder jeden.

Dass Österreichs Presse, ob "Kurier", "Kronen-Zeitung" oder "Standard", unisono jubelte über seine Verpflichtung als Nationaltrainer im Dezember 2012, ist allein deshalb interessant, weil der 41-Jährige bis dato lediglich Coach in Stjarnan (Island) und eben in Emsdetten war. Zur Reputation muss also beispielsweise reichen, dass Johannesson das Team der Alpenrepublik zur Europameisterschaft nach Dänemark im Januar führt und dass er zum Spieler des Jahres in Island 1995/96 gewählt wurde. Damals spielte er bei HB Akureyri. Und sein Trainer hieß: Alfred Gislason.

 

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