München (dapd) l Er ist im gleichen Krankenhaus geboren, verführte ihn als Held im TV erstmals zum Skispringen - irgendwie ist das eine ganz spezielle Beziehung zwischen Sven Hannawald und Richard Freitag.

Deshalb wäre es auch logisch, dass der neue Vorflieger als erster Deutscher seit Hannawald vor zehn Jahren die Vierschanzentournee gewinnt. Auch wenn Freitag frisch gestärkt von Weihnachten ganz in Familie davon vor dem Auftaktspringen am 30. Dezember in Oberstdorf noch nichts wissen will.

"Sven Hannawald war ein großes Vorbild. Die Sache, die er geschafft hat, ist riesig", sagt Freitag, der mit seinem ersten Weltcup-Sieg in Harrachov in den Favoritenkreis aufgerückt ist: "Aber mein Ziel ist die Top Ten. Man muss das richtige Gleichgewicht zwischen Ehrgeiz und Realismus haben. Und man muss es einfach passieren lassen."

Genauso hatte Hannawald im Winter 2001/2002 seinen historischen Grand-Slam-Sieg bei der Tournee geschafft. Diesen Rekord will er gern auch die nächsten 50 Jahre behalten - und wenn ihn doch einer bricht, sollte es am liebsten Richard Freitag sein.

"Es sieht unspektakulär aus, was er macht, aber ist richtig gut. Er hat einen Grundfluss im Sprung. Er ist nicht der Größte, hat schnelle Absprungzeiten, verliert wenig Zeit bis zur perfekten Flughaltung und hat einfach einen effektiven Sprungstil", lobt Hannawald: "Er ist nicht groß und schwer - und passt von der Statur perfekt ins Reglement. Außerdem ist er ein ruhiger Kamerad, kein ausgeflippter Vogel."

Keine Familienwette

Genauer gesagt ist Richard Freitag ein intelligenter junger Mann, der sein Abitur trotz 205Fehltagen in den letzten drei Jahren mit einem Schnitt von 1,5 abgeschlossen hat. Einer, der vielleicht schon nach Olympia 2014 in Sotschi Medizin studieren will. Genau wie sein Papa Holger, der in seiner Skisprung-Karriere nur einen Weltcup-Sieg feierte. Genau dort in Harrachov, wo sein Sohn in diesem Winter den Durchbruch geschafft hat.

"Mein Vater hat sich schon sehr gefreut", erzählt Richard Freitag. Eine Familienwette bei 1:1-Weltcupsiegen gibt es zwischen Vater und Sohn aber nicht: "Es ist eher mein eigenes Ziel, dass es nicht bei einem Sieg bleibt."

Dass es genauso kommt, dafür würde Bundestrainer Werner Schuster "seine Hand ins Feuer legen". Und Routinier Martin Schmitt setzt noch einen drauf: "Richy hat ein Riesenpotenzial, weiß, was er will und ist mental stark. Von der Sprungqualität muss er sich vor niemandem verstecken. Wenn es dieses Mal bei der Tournee nicht klappt, dann eben nächstes Jahr."

Fliegendes Doppelzimmer

Richard Freitag macht all dieses Lob fast ein bisschen verlegen. Trotz seines Höhenflugs ist er ein bodenständiger junger Mann, der sich vor Weihnachten damit beschäftigt hat, wer den Weihnachtsmann für seine kleine Schwester spielen muss. Er fährt gern Motorrad und spielt Gitarre.

Das Instrument hat er bei der Tournee im fliegenden Doppelzimmer mit dem anderen neuen Vorflieger Severin Freund allerdings nicht dabei. "Wenn ich den ganzen Abend klimpere, würde Sevi irgendwann durchdrehen", glaubt Freitag.

Freund allerdings wäre durchaus an den Musikkünsten seines Kollegen interessiert, "wenn er eine ordentliche Performance zeigt." Am besten eine wie auf der Schanze, wo Freitag in die Fußstapfen von Hannawald treten will.