Magdeburg l Für Mitte Dezember ist es ungewöhnlich lau. Die alte Elbe liegt spiegelglatt in der Sonne. Andreas Ihle wählt für das Gespräch eine Bank im Freien mit Blick auf sein „Wohnzimmer“ an der Zollelbe. Gedankenversunken schaut der 36-Jährige den jungen SCM-Kanutinnen hinterher, die ihre Boote zu Wasser lassen. Sehnsucht nach dem Gefühl von Freiheit, das er stets beim Paddeln durchs Wasser und den rauschenden Wind um die Ohren empfunden habe, macht sich breit: „Ich werde nachher auch noch eine Runde drehen“, sagt Ihle bestimmt und schüttelt den Kopf. „12 Grad im Dezember – ich fass‘ es nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals in all den Jahren diesen Luxus im Training genießen durfte.“

Rückblick

In den zurückliegenden Tagen hat Andreas Ihle viel in alten Erinnerungen gekramt. Eher gezwungenermaßen als freiwillig, was dem Olympiasieger, Welt- und Europameister die Sache nicht leichter machte. Im Gegenteil. Beim Rückblick auf über 25 Jahre Leistungssport und dem nahenden Ende sei „mehr Wehmut als Freude“ aufgekommen, gesteht der Ausnahme-Athlet. „Mir war natürlich schon bewusst, dass früher oder später der Zeitpunkt naht, einen Schlussstrich zu ziehen.“ Aber er habe lange mit der Entscheidung gerungen. Sehr lange. „Wohl auch deshalb, weil mir der Gedanke an das, was danach kommt, immer ein wenig Angst gemacht hat“, gewährt der oft ein wenig zugeknöpfte, unnahbar wirkende Kanute einen Blick auf sein Seelenleben. Und das ist offensichtlich noch immer aufgewühlt.

Für einen TV-Beitrag hat der Olympiasieger kürzlich seine Medaillen zusammengesucht. Die edelsten, darunter die WM-Plaketten und natürlich der komplette olympische Medaillensatz, waren leicht zu finden. Sind sie doch an einem sicheren Ort verstaut, wie der Wahl-Magdeburger verrät.

Die vielen anderen musste der gebürtige Bad Dürrenberger erst einmal suchen. Er fand die blechernen Zeugnisse seiner Karriere schließlich in einem alten Eimer in der Garage. „Der war ganz schön schwer. Ich habe selbst gestaunt. Die erste Medaille war von 1986 – das muss eine von der Kreisspartakiade gewesen sein“, erklärt Ihle. Und er tut das angesichts einer Erfolgsgeschichte, die selbst bei den erfolgsverwöhnten Kanuten des Clubs einmalig ist, mit breiter Brust: „Ich kann mit Stolz sagen, ich habe in meinem Sport wirklich alles erreicht, was möglich war.“

Dass der Olympiasieg 2008 einen Ehrenplatz in seinem Sportlerherz hat, liegt vor allen an den Umständen. Ihles dritte Olympiateilnahme war nämlich lange fraglich, nachdem sein Zweier-Partner Rupert Wagner sechs Wochen vor Peking mit einer Erkrankung ausfiel. Schließlich trat der Magdeburger mit dem acht Jahre jüngeren Martin Hollstein zu einem Stechen um das Olympia-Ticket an – und gewann.

„Martin war ein Glücksgriff. Ich hatte sofort das Gefühl, das passt.“ Dabei hatte Ihle anfangs wie fast in allen Mannschaftsbooten auf Schlag gesessen. Doch dann kam jemand auf die Idee, es mal andersherum zu versuchen. Widerwillig tauschte er seinen Platz mit Hollstein. „Und siehe da, auf einmal flutschte es nur so. Aber, dass wir am Ende alle im Sack hatten und so deutlich gewinnen, hatte selbst ich nicht erwartet“, erinnert sich der Olympiasieger mit einem breiten Grinsen im Gesicht an den goldenen Moment.

In der Folgezeit gab es bei EM oder WM noch weitere goldene Momente für das Dreamteam. Aber auch Tiefschläge, bei denen Ihle das Lachen vergehen sollte. Doch weder Verletzungen, noch die Tribute, die der Leistungssport im privaten Bereich forderten oder das fortschreitende Alter konnten den zweifachen Familienvater daran hindern, weiterzumachen. „Der Sport war meine Welt und Kajak-Fahren nun mal das, was ich am besten konnte“, so der Modellathlet, der sich glücklich schätzte, 14 Jahre lang als Sportsoldat das Leben eines Vollprofis führen zu können.

Konnte er als 32-Jähriger noch mit den jungen Dachsen mithalten und 2012 in London mit Hollstein sogar noch einmal aufs Olympiapodest fahren, ließ es sich irgendwann nicht mehr leugnen: Die alte Liebe fing an zu rosten. Ihle verpasste zwei Jahre in Folge verletzungsbedingt den Sprung ins Auswahl-Team. Die WM 2013 und 2014 fanden ohne ihn statt.

Doch während viele nicht mehr an ihn glaubten oder gar ein Karriereende nahelegten, sei ihm nie der Gedanke gekommen, aufzuhören. Der alte Kanu-Käpt‘n wollte es sich, seinem Körper und der ganzen Welt beweisen, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Verbissen klammerte er sich an seinen Traum, sich mit der Olympiateilnahme in Rio 2016 ein Denkmal zu setzen: „Es gibt fünf olympische Ringe und ich wollte unbedingt fünfmal bei Olympia dabei sein.“ Das schaffen nur die allergrößten im Sport. Und zu denen wollte Andreas Ihle gehören.

Diesen Traum am Ende der Karriere zu Grabe tragen zu müssen, fiel schwer und tat weh. Es habe ihn bis ins Mark getroffen, erkennen zu müssen, dass er in der vor­olympischen Saison 2015 mit der jungen Konkurrenz nicht mehr mithalten konnte, so der Wahl-Magdeburger. „Es reichte offensichtlich einfach nicht mehr.“ Und das, obwohl er noch einmal viel investiert, fünf Trainingslager absolviert, mit Trainer Eckhard Leue völlig neue Reize gesetzt hatte und ohne Verletzungen bis zur entscheidenden Qualifikation durchgekommen sei.

Letztlich trennte eine Sekunde die Spreu vom Weizen. Ihle gehörte nicht mehr zur Top-12 in Deutschland. Nach dem verpatzten Sprung ins WM-Team keimte noch ein letztes Fünkchen Hoffnung. Das starb, als feststand, dass der Viererkajak die Olympia-Quali verpasst hatte. Damit gab es maximal vier Kajak-Tickets für Rio – zu wenig für Ihle, um sich noch ein allerletztes Mal dem Kampf mit den Elementen und der Konkurrenz zu stellen. Es war vorbei!

Ausblick

Und nun? „Ja, das ist die Frage“, gesteht Ihle. Bis März 2016 gehört er noch der Sportfördergruppe der Bundeswehr an – ein angemessener Sold als Hauptfeldwebel inklusive. Noch gut drei Monate „Galgenfrist“ für den Kanurennsportler, den er mit Leib und Seele war. Zeit, um die Drehzahl runterzuschrauben und abzutrainieren. Und Zeit, um sich über seine Zukunft die Gedanken zu machen, die er jahrelang weit weggeschoben hatte.

„Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich 2004 dazu durchgerungen hatte, bei der AOK eine Ausbildung zu machen und danach zwei Jahre im Bereich Marketing zu arbeiten“, so der gelernte Sozialversicherungs-Fachangestellte. „Aber natürlich ist mir auch klar, dass vier Jahre Berufserfahrung, die weit zurückliegen, quasi nichts sind.

Zu DDR-Zeiten brauchte man sich keine Sorgen zu machen, aber heutzutage interessiert es keinen Arbeitgeber, ob du mal Olympiasieger warst, erst recht nicht in so einer Randsportart wie Kanu.“

Die Optionen, die er habe, seien – gemessen an seinen Ansprüchen – nicht gerade rosig. Der B-Trainerschein ist in Arbeit, aber wohl erst Ende 2016 endgültig geschafft. Ein Verbleib in der Bundeswehr setzt Flexibilität beim Arbeitsort voraus, doch Ihle will nicht aus „seinem“ Magdeburg weg.

Und würde ein Bürojob den Naturburschen glücklich machen? „Einen ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, kann ich mir nur schwer vorstellen. Aber vielleicht finde ich etwas, was mich glücklich macht. Ich hoffe einfach, dass ich irgendwo einen Arbeitgeber finde, der mit mir kann und mit dem ich kann.“

Wenn es die Zeit erlaubt, hilft der 36-Jährige auf dem Lemsdorfer Bauernhof von Freundin Marie. „Das bringt mich auf andere Gedanken.“ Die Arbeit sei interessant, und das Schweinefüttern mache sogar Spaß. Aber es ist auch „eine Knochenarbeit“. Und die hat Ihle lange genug gemacht.

Die Sonne ist untergegangen. Es ist kühl geworden. Der Kanu-Käpt‘n a. D. reibt sich fröstelnd die Arme. Wird das Kajak noch rausgeholt? Bauch sagt zu Kopf nein und sein Kopf sagt zu Bauch okay! „Ach, das lass ich mal. Ich gehe lieber in den Kraftraum.“ Diese Freiheit kann sich der Andreas Ihle von heute nehmen.