Leichtathletik

Diskus-Gipfel in Braunschweig

Viele Stars haben ihren Start bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Braunschweig abgesagt. Die Magdeburger Diskus-Hünen messen sich derweil mit den Besten, die diese Disziplin zu bieten hat. Für den Sieger geht es nach Tokio.

Von Daniel Hübner
Martin Wierig muss seine Weite steigern, um das Tokio-Ticket zu sichern.
Martin Wierig muss seine Weite steigern, um das Tokio-Ticket zu sichern. Foto: Eroll Popova

Magdeburg - Daniel Jasinski hat seine langwierigen Probleme mit der Muskulatur vom Zahnarzt beseitigen lassen. Im vergangenen Dezember hat er sich auf den Stuhl des Grauens gesetzt und sich operieren lassen. „Seitdem habe ich kaum Probleme, ich bin gut durch die Saison gekommen“, berichtete der Diskuswerfer aus Wattenscheid. Schöne Zähne, weite Würfe also. Und der weiteste ist ihm am 26. Mai beim Sole-Cup in Schönebeck gelungen. Mit 67,41 Metern. Bestweite. Er führt damit die deutsche Jahresrangliste an.

Es gibt diese Athleten, die aus dem Nichts an die Spitze drängen. Denen alles zuzutrauen ist, obwohl sie auch im Corona-Jahr 2020 zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten waren. Jasinski, der Olympia-Dritte von Rio, gehört dazu. Gehört aber auch der Olympiasieger bei jenem Wettkampf an der Copacabana dazu? Wenn man seinen Trainer, zugleich Bundestrainer Diskus, fragt, klingen Zweifel durch. „Es geht für ihn brutal um Olympia“, sagte Torsten Lönnfors zwar über Christoph Harting. „Es ist aber schwer aufzuholen, was man in einem halben Jahr verpasst hat.“ Es müsse schon eine Explosion kommen vom 31-Jährigen. Zum Beispiel morgen bei den deutschen Meisterschaften, beim Diskus-Gipfel in Braunschweig.

Harting (Bestleistung: 68,37 m) hatte schon vor der Verlegung der Sommerspiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) aus 2020 in dieses Jahr seinen sechsmonatigen Lehrgang bei der Bundespolizei geplant und letztlich auch durchgezogen. „Inklusive der Verletzungen war es für ihn schwierig, in entsprechenden Umfängen und Intensitäten zu trainieren, die notwendig sind, um 67 oder 68 Meter zu werfen“, erklärte Lönnfors. In Schönebeck blieb er mit seiner Leistung weit hinter solch einer Marke zurück und saß danach gedankenversunken auf den Knien hockend neben seinem Trainer. Aber am vergangenen Sonnabend in Berlin konnte er sich der Olympianorm von 66 Metern wieder deutlich nähern: mit 65,40 Metern. Womit er der aktuell Vierte der Rangliste ist. Also ja, mit Christoph Harting ist zu rechnen.

Harting hat sich zugleich um fünf Zentimeter an Martin Wierig vorbeigeschmuggelt. An dem zuletzt traurigen SCM-Hünen, der sich nach einem Faserriss im Brustmuskel, zugezogen Anfang Mai im Trainingslager in Warendorf, weniger mit Würfen, dafür mehr mit Kraftaufbau beschäftigen musste. „Vor der Verletzung hatte ich 160 Kilo gedrückt, jetzt habe ich meinen Aufbau mit 80 bis 100 Kilo gestaltet, das ist ein gewaltiger Unterschied, den man in eineinhalb Wochen nicht aufholen kann“, meinte der 33-Jährige in Schönebeck. Dabei ist er sich sicher: „Wenn ich gesund durchgekommen wäre, wäre auch bei mir mehr gegangen.“

Wrobel hofft auf Goldwurf

Mehr als die 65,35 Meter aus dem April in Neubrandenburg. Nun weiß er, dass für eines der drei Tokio-Tickets „die Zeit knapp ist“. Aber er weiß auch: Mit einer guten Platzierung in Braunschweig und den folgenden drei Wochen, in dem das Qualifikationsfenster geöffnet ist, „habe ich noch die Chance, dass sich für mich alles zum Guten wendet, deshalb bleibe ich optimistisch“.

Das ist Clubgefährte David Wrobel von Natur aus. Und mit Platz drei in der Rangliste (67,30/Bestweite) ist er in einer besseren Ausgangsposition als ein Harting oder ein Wierig. Mit dem Coup des Daniel Jasinski in Schönebeck „ist der Kampf um den Olympia-Start interessanter geworden“, sagte Wrobel, der in den letzten beiden Wettkämpfen seinen 67-Meter-Wurf auch ob der Dauerbelastung nicht bestätigen konnte. „In der Woche vor Braunschweig werde ich ein bisschen rausgehen aus dem Diskuswerfen, um wieder die Geilheit zu bekommen“, hatte der 30-Jährige erklärt. Nicht nur auf einen weiten Wurf. Denn sein Ziel bei den Meisterschaften lautet: „Ich möchte auf das oberste Podest steigen.“ Und dann könnte er bereits „einen kleinen Haken“ hinter der Olympia-Qualifikation machen, bestätigte Lönnfors.

Der Bundestrainer ist gar nicht überrascht über die Leistungsdichte in seiner Disziplin. „Gerade die Jüngeren haben das Corona-Jahr ohne Wettkämpfe sehr gut genutzt“, so Lönnfors. Ein Jüngerer ist Clemens Prüfer (Potsdam), 23, Ranglistenzweiter mit 67,41 Metern. Auch wegen ihm „geht es rund“ im deutschen Diskuswerfen, meinte Wrobel. Und Jasinski blickte voraus: „In Braunschweig geht es wieder von vorne los.“