Sommerspiele in Tokio

Franziska Hentke: Ein letzter Genuss

Franziska Hentke ist in diesem Jahr mit ihren Leistungen Achterbahn gefahren. Außerdem kam ihr beim Neuaufbau ihrer Form ein Backenzahn in die Quere. Trotzdem fühlt sich die 32-Jährige vom SCM bereit für ihre zweiten Sommerspiele.

Von Daniel Hübner
Franziska Hentke.
Franziska Hentke. Foto: dpa

Tokio/Magdeburg - Jeden Morgen wird Franziska Hentke nach dem Aufstehen angebrüllt. Und dagegen kann sie sich überhaupt nicht wehren. Der Schreihals heißt nämlich Hitze, ein Produkt des Sommers und der Sonne, die es in Tokio derzeit viel zu gut meint mit allen Beteiligten bei den Olympischen Spielen. Das war auch in Kumamoto, im letzten Vorbereitungslager vor ihrer Anreise in Japans Hauptstadt, so. Morgens um 7 Uhr von 32 Grad im Schatten begrüßt zu werden, ist auch für die Dame vom SC Magdeburg kein Vergnügen, eher eine Tortur. Weshalb es dann ganz beruhigend ist zu wissen, dass Franziska Hentke zur Beckenschwimmerin ausgebildet wurde, die bei angenehmen Temperaturen im Tokyo Aquatics Centre ihren Wettbewerb bestreiten wird. Den Wettbewerb über 200 Meter Schmetterling. Am 27. Juli startet sie zum Vorlauf.

Ihre zweiten Spiele nach Rio werden auch ihre letzten sein, ein letzter Genuss in ihrer Karriere, danach tritt Hentke von der Weltbühne des Schwimmens ab. Aber alles, was danach kommt, hat sie ausgeblendet. Sie ist bestens gelaunt. Sie will viel erreichen. „Ich will ins Finale“, betont sie. Dafür springt sie als eine unter 17 Athletinnen am kommenden Dienstag von Bahn sechs ins Becken, um sich als eine der besten 16 Starterinnen fürs Halbfinale zu qualifizieren.

Bis zu jenem Start hat sie eine Achterbahn durch die Saison erlebt. Bei ihrem letzten Wettbewerb, die Olympia-Qualifikation in Berlin im April, hat sie nach 2:09,68 Minuten angeschlagen, was natürlich als deutsche Rekordhalterin (2:05,26) weit von ihrem Anspruch entfernt war. „Ich habe zwei Wochen gebraucht, um das zu verarbeiten“, erinnert sie sich. Dann hat sie mit ihrem Trainer Bernd Berkhahn die Uhr auf Null gestellt. Sie haben noch einmal einen kompletten Aufbauzyklus gestaltet. Und es wäre prima gewesen, wenn sie diesen ohne Ausfall hätte durchziehen können.

Backenzahn stört Vorbereitung

Aber an einem Morgen im Mai wurde sie wieder angebrüllt. Diesmal vom rechten oberen Backenzahn, der sich mit einer gemeinen Wurzelentzündung meldete. Die dicke Backe gab es kostenlos dazu. Es folgte eine Operation. Eine Woche vor dem Start ins Höhentrainingslager in der Sierra Nevada. „Ich habe in der Sierra meine erste richtige Einheit absolviert“, berichtet sie. Aber auch von diesem Gefühl: „Mir geht es viel besser.“

Gutgetan hat ihr auch der Tapetenwechsel auf der iberischen Halbinsel. Sie ist mit der SCM-Familie weitermarschiert nach Andorra. „Dadurch wurden die insgesamt fünfeinhalb Wochen sehr erträglich“, berichtet sie. Und sehr erfolgreich. Wenn sie über ihre Trainingsleistungen spricht, klingt es beinahe, als würde sie selbst über sich staunen. „Die Leistungen sind gut, sehr gut sogar“, sagt die 32-Jährige, was Trainer Berkhahn bestätigt: „Am Ende war sie wieder in sehr guter Form.“ Sie haben die Zeit intensiv genutzt, die Grundlagen ebenso intensiv aufzubauen und ins Tempo zu kommen. In Tokio soll sie das alles ins Finale spülen.

Es wäre dann ihr erstes bei Sommerspielen: In Rio vor fünf Jahren ist sie Elfte geworden. Inzwischen ist sie außerdem Vizeweltmeisterin, Europameisterin, zweimal WM-Vierte geworden. Seit 2015. Im Jahr 2021 ist sie mit ihrer Saisonbestzeit mal nicht unter der Top Ten der Weltrangliste vertreten. Die wird angeführt von Yufei Zhang (China/2:05,44). Für Hentke, die vor den Höhepunkten immer auf einem Spitzenplatz zu finden war, ist das eine neue Ausgangsposition. Womöglich eine gute, um am Ende vielleicht ein Brüllen zu vernehmen. Als Jubelschrei.