Magdeburg l Bei der Frage, wann Robert Schulze und Tobias Tönnies denn von ihrer WM-Nominierung erfahren haben, zückt Schulze kurzerhand sein Handy. Und liest wenig später vor: „Ich war gerade in Kroatien im Urlaub. Nach dem Frühstück habe ich meine E-Mails gecheckt – und mir dann noch einmal einen starken Espresso gemacht.“ Dann dreht er das Display zu Tönnies. „Und ich war gerade Pizza holen. Es war die leckerste Pizza, die ich bisher gegessen habe“, sagt er und grinst.

Diese Frage ist den beiden in den vergangenen Monaten eindeutig des Öfteren gestellt worden. Kein Wunder: Die Magdeburger sind vom Weltverband IHF als einziges deutsches Schiedsrichter-Gespann für die heute beginnende Handball-WM nominiert worden. Und das zudem auch etwas überraschend, hatte man eher den Zuschlag für das Gespann Lars Geipel und Markus Helbig (Halle) erwartet, die bereits bei allen großen Turnieren gepfiffen haben. Schulze und Tönnies wollen das nicht kommentieren. Müssen sie auch nicht. Die Entscheidung trifft die IHF.

Die beiden 35-Jährigen, die sich seit der Grundschule kennen, sind seit 20 Jahren als Schiedsrichter aktiv, leiteten bislang rund 500 Spiele in der Bundesliga und 100 auf internationaler Ebene. Zuletzt standen sie bei der Frauen-WM 2017 in Deutschland als Unparteiische auf dem Spielfeld. Sie sagen von- und übereinander: Den Mann fürs Leben haben wir gefunden.

Bauchkribbeln, Respekt, Lampenfieber

Und sie haben dieses eine, besondere Gefühl seit ihrer ersten Bundesliga-Partie nie verloren. „Ein Wechselbad der Gefühle. Bauchkribbeln, Respekt, Lampenfieber – das gehört aber auch dazu, um die volle Konzentration zu erreichen. Und das ist immer noch so“, erzählt Tönnies.

Zwischen 40 und 50 Spiele betreuen sie pro Jahr. „Und das macht ja auch nur dann richtig Spaß, wenn es zwischenmenschlich passt“, sagt Schulze. Was bei ihnen der Fall sein muss, trotz so mancher Herausforderungen: „Die 60 Minuten im Spiel sind ja das eine. Aber wir sind viel unterwegs, drei Wochen in einem fremden Land, in einem Doppelzimmer“, berichtet Tönnies und lacht, „was da schon alles geflogen ist, weil einer geschnarcht hat. Stifte, Telefonhörer, Badelatschen.“

Zwei linke Schuhe, ein fehlender Taxi-Fahrer

Und sie erinnern sich gern an allerlei kuriose Erlebnisse, die sie dabei erlebt haben. Tönnies musste zum Beispiel mal ein Vorbereitungsspiel mit zwei linken Schuhen leiten. Bei den Pan-Amerikanischen Meisterschaften in Buenos Aires tauchte der Taxi-Fahrer, der sie am Hotel abholen sollte, nicht auf. „Als wir dann unter der Zuschauertribüne in die Arena liefen, haben wir schon die Nationalhymne gehört. Die Reserve-Schiedsrichter aus Uruguay standen zur offiziellen Aufstellung auf dem Spielfeld. Als die Vorstellung vorbei war, sind die vom Feld runter und wir rauf“, erzählt Tönnies.

Doch ihr Hobby verlangt den beiden neben dem Beruf – Schulze ist selbständiger Investment-Berater und Tönnies in der Wohnungswirtschaft tätig – auch einiges ab. „Der Spagat ist extrem schwierig. Familie, Beruf und dann dieses Hobby. Für mehr bleibt kaum Zeit“, stellt Tönnies klar. Schulze sieht es pragmatisch. „Du lernst eben, zu verzichten. Auf Familienfeiern und Geburtstagspartys. Aber die wenige Zeit, die du hast, nutzt du dafür intensiv. Und als wir diesen Weg eingeschlagen haben, wussten wir ja, was auf uns zukommt.“

Um im Schiedsrichterwesen zu bestehen und sich in punkto Ausstrahlung weiterzuentwickeln, greifen sie auch zu ungewöhnlichen Methoden. 2017 trainierten sie mit Pferden – ein Hinweis ihres Mental-Trainers. „Das Pferd macht, was du willst. Und urplötzlich steht es still. Bewege mal 800 Kilogramm Muskeln. Keine Chance“, erinnert sich Tönnies, „Pferde merken die kleinste Unsicherheit an dir, an deiner Ausstrahlung und den Befehlen.“ So hätten sie gelernt, sich selbst in Stresssituationen wieder runterzufahren.

„Im Schiedsrichterwesen ist Persönlichkeit gefragt. Bei den Spitzen-Schiris geht es nicht darum, Einzelsituationen zu bewerten. Das Regeltechnische kennt da jeder. Es geht eher darum, wie man Situationen löst, an Konflikte herangeht, die unter hohem Stress entstehen“, meint Schulze. Fehler sind da unumgänglich. „Aber davor darf man keine Angst haben.“