Magdeburg l 1300 Athleten, darunter neun vom SC Magdeburg, kämpfen am Wochenende um Meistertitel und Medaillen. Doch für die Crème de la Crème der deutschen Leichtathletik geht es um mehr. Viel mehr: Die Hatz auf die begehrten Tickets für die EM in Amsterdam (6. – 10. Juli) und erst recht die Olympischen Spiele in Rio (5. – 21. August) wird im Kasseler Auestadion ihren Höhepunkt erreichen. Dabei wird vor allem mit Blick auf Rio knallhart abgerechnet: „Durch“ ist nur der Meister mit Olympia-Norm. Der „Rest“ muss auf dem Weg nach Brasilien noch weitere Hürden aus dem Weg räumen. Die höchste steht dabei bei der EM.

Nach Angaben des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), der maximal drei Tickets pro Disziplin vergeben kann, haben bis dato 45 Männer und 50 Frauen die Normen für die EM und 32 Männer und 48 Frauen die noch etwas „schärferen“ Richtwerte für Olympia erfüllt.

Zu letzteren zählen auch die Magdeburger Diskus-Asse Anna Rüh und Martin Wierig. Doch damit ist längst nicht gesagt, dass sich für sie auch der Olympiatraum erfüllt, denn die Sache hat einen Haken: Beide gehören jener Zunft an, bei der der DLV die Qual der Wahl hat: Bei den Männern haben bereits fünf, bei den Frauen gar sechs Aktive die Olympia-Norm übertroffen (siehe Info-Kasten).

„Es war ja zu erwarten, dass es bei den Meisterschaften zur Stunde der Wahrheit kommt“, trägt Wierig, aktueller Zweiter der nationalen Bestenliste, sein Schicksal mit Fassung. „Diese Stresssituation haben alle, und mein Ziel ist es, unter die ersten Drei zu kommen, dann sehen wir weiter. Wir liegen alle dicht beieinander, da entscheidet die Tagesform“, so der 28-Jährige, der zuletzt eine kleine Wettkampfpause eingelegt hatte, um den eingerissenen Mittelfinger zu schonen. „Der Finger ist okay, jetzt fehlt noch ein wenig die Frische. Wenn die da ist und ich umsetzen kann, was ich drauf habe, fliegt der Diskus auch weit.“

Auch Anna Rüh ist auf einen „brutalen Konkurrenzkampf“ eingestellt. Die Generalprobe in Schönebeck (64,08 m) macht dem heutigen Geburtstagskind (23) Mut, den zehntägigen Trainingsausfall und Substanzverlust infolge einer Magenschleimhautentzündung gut weggesteckt zu haben: „Ich fühle mich top-vorbereitet.“ Zur geballten Konkurrenz meinte die Ex-Neubrandenburgerin: „Es läuft erneut auf einen Vierkampf hinaus, und eine von uns Mädels wird Tränen vergießen. Ich hoffe, es trifft diesmal eine andere“, so Rüh, die im Vorjahr das WM-Ticket verpasst und „wie ein Schlosshund geheult“ hatte. Sollten dennoch alle Stränge reißen, bleibt noch der Rettungsanker Kugelstoßen. Hier peilt Rüh eine neue Bestleistung im Bereich der Rio-Norm von 17,50 Metern an ...

Diskuswerfer David Wrobel (64,00 m) und Kugelstoßer Dennis Lewke (20,00 m) haben indes die EM-Normen ins Visier genommen. Lewke konnte seinen Hausrekord bereits auf 19,47 Meter steigern. Zuletzt warfen ihn aber Probleme mit dem Rücken und Ellenbogen zurück. „Ich bin trotzdem optimistisch und fahre mit einem guten Gefühl nach Kassel. Bislang hatte ich noch nicht den perfekten Stoß, aber wenn mal alles passt, kann die Kugel weit fliegen.“ Wrobel freut sich nach gelungenem „Vorglühen“ bei den Mitteldeutschen Meisterschaften (62,55 m) „wie ein Kind“ auf das Kräftemessen mit den Harting-Brüdern, Wierig & Co.: „Das wird ein krasses Ding. Ich hoffe, ich kann wieder den ,Wrobel‘ auspacken“, so der 25-Jährige. „Die Zeit ist reif für eine neue Bestleistung.“ Die alte steht seit 2014 bei 62,72 Metern.

Bestzeit müssten auch Eric Krüger und Thomas Schneider laufen, um die Olympianorm über 400 Meter zu knacken (45,40 Sekunden). Doch nach Verletzungen oder muskulären Problemen zur Unzeit kommen die Viertelmeiler nur schwer in Tritt. Gleiches gilt für Hürdenläufer Varg Königsmark, dessen Comeback nach einjähriger Wettkampfpause durchwachsen verlief (52,00 sec/Olympianorm 49,40 sec). Und so braucht es aus Sicht von Heim- und Bundestrainer Marco Kleinsteuber „ein mittleres bis großes Wunder“, um in Kassel auf den Olympia-Zug aufzuspringen.

Dennoch wollen weder Königsmark noch Krüger trotz verpatzter Generalprobe in Mannheim (47,98 sec) und erst recht nicht Schneider, der noch gar kein Rennen bestritten hat, die Flinte ins Korn werfen. Das Trio hofft, über den Umweg EM noch vieles geradebiegen zu können.