Magdeburg l Als auch die offizielle Nominierung für die Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin (7. bis 12. August) durch war, richtete Martin Wierig über Facebook seine besten Wünsche an die deutschen Diskuswerfer. Nicht nur an Christoph Harting (Berlin) und Daniel Jasinski (Wattenscheid). Vor allem Robert Harting galt der Gruß: „Besonders dir, lieber Robert Harting, wünsche ich von Herzen einen letzten großen Wettkampf in deinem Wohnzimmer“, schrieb der Magdeburger. Ganz ohne Groll über die lediglich 20 Zentimeter, die beide in der EM-Qualifikation am vergangenen Sonnabend bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg getrennt hatten. Ganz ohne Groll über „schwammige Nominierungsrichtlinien“ des Verbandes (DLV). Der 31-Jährige hat sein EM-Aus akzeptiert, niedergeschlagen ist er trotzdem.

Gemeinsam mit Trainings- und Lebenspartnerin Anna Rüh, die ebenfalls in der Qualifikation scheiterte, muss er die EM nun am Fernseher verfolgen. Als Zweiter der Jahresbestenliste mit 66,98 Metern, als Fünfter im europäischen Ranking. „Das ist bitter und schwer nachzuvollziehen“, sagt Wierig zwar. „Aber am Ende gab es vielleicht 20 Gründe, warum es nicht geklappt hat“, resümiert er über den Tag in Nürnberg, an dem er Vierter wurde mit 63,72 Metern, hinter dem vornominierten Sieger Christoph Harting (66,98), Jasinski (64,82) und Robert Harting (63,92).

Vielleicht war der sechste und letzte Wurf das Paradebeispiel für das Aus Wierigs: „Die Anspannung war ja mit Ausnahme von Christoph bei allen sehr, sehr groß, es war eine knifflige Situation“, erinnert sich Wierig. Dann war die Platte im Ring trotz Regens stumpf, „weshalb ich meine Technik nicht optimal umsetzen konnte“. Und als es dann „um alles oder nichts ging“, erklärt er, „war mein Wurf vollkommen verunglückt. Das muss ich mir ankreiden, in dem Moment mein Leistungspotenzial nicht abgerufen zu haben.“

Wierig braucht derzeit aber nicht nur Kraft, gegen die eigene Enttäuschung anzukämpfen. Er braucht alsbald einen „Masterplan, wie die vielleicht letzten zwei Jahre meiner Karriere aussehen“ sollen, so der 2,02-Meter-Hüne. Denn: „Ich habe trotzdem einen großen Traum.“ Und der heißt: Sommerspiele 2020 in Tokio.

Überzeugungsarbeit beginnt

Doch dafür muss der Olympia-Sechste von London nun Sponsoren, Verein und Olympiastützpunkt von einem gemeinsamen Engagement überzeugen. Diese Partner braucht er, um in der kommenden Saison zum Beispiel Trainingslager finanzieren zu können, oder wie er sagt: „Um eine Chancengleichheit mit der Konkurrenz zu haben.“ Während Robert Harting die Karriere nach der EM in Berlin, wo er vor neun Jahren mit Gold bei der Weltmeisterschaft seinen ersten großen Titel gewann, beendet, dürfte dessen Bruder Christoph und Jasinski mit dem EM-Start ein finanzieller Bonus vom DLV für die nächste Saison sicher sein.

Es wird kein leichter Weg für Wierig. Nach den verpassten Sommerspielen in Rio vor zwei Jahren hatte er schon einmal Unterstützer verloren, wie hoch sein Verlust war, kann er nicht beziffern. Und beim SCM läuft sein Vertrag zum 31. Dezember dieses Jahres aus. Die Gespräche werden womöglich erst im September oder Oktober stattfinden. „Natürlich sind wir gesprächsbereit, der Verein steht hinter seinen Athleten“, betont Eik Ruddat, Vizepräsident Leistungssport beim SCM. Das Präsidium wird sich Anfang August zur ersten Sitzung nach der Sommerpause treffen und die Saisonanlayse seiner Sportler vorbereiten.

Wierig hat indes den ersten Satz in seiner Überzeugungsarbeit bereits gefunden: „Ich habe den Drang und das Zeug, noch einmal in einem großen Finale zu stehen.“