Magdeburg l „Carpe diem – Nutze den Tag.“ Das war vergangene Woche das Credo von Diskuswerfer Martin Wierig im Trainingslager in Kienbaum. Nach den deutschen Meisterschaften in Kassel, wo er mit Rang vier den ersten Matchball in Richtung Rio nicht verwandeln konnte (nur der Meister mit Olympianorm – in diesem Fall Robert Harting – hatte das Olympia-Ticket sicher), blieb dem Magdeburger bis zu seinem EM-Start nur „verdammt wenig Zeit“ für den Feinschliff. Zumal die grobe Feile noch einmal herausgeholt werden musste, denn es hatte sich ein Technikfehler eingeschlichen, wie die Video-Analyse der Meisterschafts-Würfe durch SCM-Trainer Armin Lemme ergeben hatte.

Wierig beschreibt das Problem so: „Ich habe den Fuß meines Schwungbeins nicht mittig aufgesetzt, so dass ich in der Endkonsequenz die Würfe nicht richtig getroffen habe.“ Das komplexe Bewegungssystem war offenbar in der Wettkampfphase ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten – ohne dass es dem Dritten der aktuellen deutschen Bestenliste (67,60 Meter) bewusst gewesen wäre. Doch kleiner Fehler – große Wirkung!

Mitten in der Vorbereitung auf die EM, dem „Alles-oder-nichts-Showdown“, musste zwangsläufig an der Technik geschliffen werden. Und das im Eiltempo. „Normalerweise braucht man viel länger dafür, einen solchen Fehler auszumerzen und einen neuen Bewegungsablauf zu automatisieren. Aber die Zeit habe ich nun mal nicht. Also haben mein Trainer und ich versucht, das Beste daraus zu machen“, erklärt Wierig, der die normale Trainingsbelastung etwas runtergeschraubt und stattdessen komprimiertes Wurftraining gemacht habe. Am Ende waren es „gut 250“ Drehungen um die eigene Achse, die ausreichen mussten, um das System wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Das richtige Maß zu halten, ist da gar nicht so einfach. Man darf es eben auch nicht übertreiben, sonst kommt alles durcheinander und das Ganze geht nach hinten los“, beschreibt der Diskus-Hüne den Balanceakt.

Und was sagt das Bauchgefühl nach dem „Crashkurs“ und vor dem EM-Start am Donnerstag? Wierig ist sich noch nicht ganz sicher, ob er jetzt den Dreh raus hat: „Es fühlt sich ehrlich gesagt immer noch etwas komisch an, aber ich muss dran glauben, dass es so richtig ist und besser funktioniert.“ Insgesamt sei er „ganz gut beisammen“, so dass er der Qualifikation am Donnerstag frohen Mutes entgegensieht. „Ich habe schon jetzt Bock auf den Wettkampf. Die genaue Quali-Weite weiß ich nicht, aber ich rechne mit 64,65 Metern. Erfahrungsgemäß ist man aber mit 63 Metern im Finale.“

Und ist erst einmal die erste Hürde genommen, soll die zweite am Sonnabend folgen. Dass dann der Druck doppelt so groß ist, weil es nicht nur um die EM-Medaillen, sondern dazu auch noch intern um die Vergabe der letzten zwei Olympia-Tickets geht, sieht der Olympia-Sechste von London als Chance: „Ich freue mich einfach, dass für mich nach den Meisterschaften der Zug in Richtung Rio noch nicht ganz abgefahren war. Ich habe eine zweite Chance bekommen und sehe Rio als die größtmögliche Motivation, alles raushauen, was ich habe. Und dann schaunen wir mal, ob es dazu reicht, einen, oder besser noch beide deutschen Konkurrenten hinter mir zu lassen.“