Kühtai l Nach knapp acht Wochen zu Hause in seiner Wahl-Heimat im belgischen Kelmis (bei Aachen) kam bei Robert Wagner dann doch wieder die DNA eines Radprofis durch. Koffer packen, Rennrad zerlegen, rein ins Auto oder den Flieger, ab zu einem Rennen oder zum stundenlangen Kilometerschinden - diesmal in einem Höhentrainingslager in Kühtai/Tirol. Und doch war diesmal beim Magdeburger alles anders.

„Ich habe mich auf die Jungs und das Trainingslager wirklich gefreut. Auf der anderen Seite ist es mir diesmal sehr schwer gefallen, loszufahren“, sagt Wagner. Der 35-Jährige, seit 2006 Radprofi und seit 2015 in Diensten des Teams Lotto-NL Jumbo, und seine Partnerin Katrin sind Anfang Juni Eltern geworden. Für Wagner war es nach Tochter Juli (9 Jahre) das zweite Mal. William heißt sein Sohn. „Und er strampelt wie ein Weltmeister“, berichtet „Wagi“ mit dem für ihn so typischen Strahlen und Lachen.

In Tirol holt sich Wagner momentan das Rüstzeug für die zweite Jahreshälfte. In den vergangenen Jahren war der Klassiker-Spezialist zu dieser Zeit bei der Tour de France dabei – damit erfüllte sich im Spätherbst seiner Karriere noch ein Kindheitstraum. Dass er 2018 nicht zum Team gehören wird, war relativ frühzeitig klar. „Ich bin aber nicht traurig darüber“, sagt Wagner, der 2017 dem Niederländer Dylan Groenewegen auf der Schlussetappe auf den Champs Elysées zum Etappensieg verhelfen konnte.

„Ich bin froh und dankbar, dass ich das erleben durfte und bei diesem Sieg mithelfen konnte. Auf der anderen Seite war ich mit meiner Tour-Performance 2017 nicht so zufrieden“, erklärt Wagner. Zudem habe sich der Charakter der Rundfahrt auch stark verändert – ein Beleg seien dafür die vielen Stürze und Verletzungen in diesem Jahr. „Für manche geht es da um Leben und Tod. Das ist mir eine Spur zu bekloppt. Ich brauche das nicht mehr – ich habe jetzt Familie“, sagt der deutsche Meister von 2011.

Keine Zeit für Regeneration

Am Saisonende läuft das Arbeitspapier von Wagner bei Lotto-NL Jumbo aus. Eine Vertragsverlängerung steht bisher aus. „Wir haben natürlich miteinander gesprochen. Derzeit ist aber alles offen – es kann definitiv in alle Richtungen gehen“, sagt Wagner. Alle Richtungen heißt: Eine Fortsetzung der Karriere als Radprofi ist ebenso denkbar wie ein Wechsel auf die andere Seite als Sportlicher Leiter oder eine Stelle in der Nachwuchsarbeit. Hier hat Lotto-NL Jumbo Pläne für eine Development (Entwicklungs)-Mannschaft. „Auf jeden Fall werde ich 2019 weiter im Radsport sein“, sagt Wagner zuversichtlich.

Deshalb gilt es, im Training Kilometer für die zweite Jahreshälfte zu sammeln. Kontakt zu Partnerin Katrin und Sohn William hält er per Telefon und per Whatsapp. Das ist zwar nicht das Gleiche wie daheim in Kelmis, das Trainingslager in Österreich hat aber auch seine Vorteile. Wagner: „Zu Hause kommt die Regeneration gerade ein bisschen kurz – hier habe ich eindeutig mehr Schlaf.“