Magdeburg l Das Telefonat mit Tatjana Hüfner verschob sich Tag für Tag, die 35-Jährige hatte nämlich Stress. Vor allem am Donnerstag, als sie ihr Training in Winterberg absolvierte, dann zum Physiotherapeuten und zudem den Schlitten für das dritte Rennen in der Weltcup-Qualifikation präparieren musste. Den Wettbewerb hat sie am Freitag mit Platz drei hinter den bereits gesetzten Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger abgeschlossen. Hüfners Start beim Saison-Auftakt am kommenden Wochenende in Innsbruck (Österreich) ist also gesichert. Es wird ihr letzter sein an jenem Ort, an dem die Rennrodlerin 2017 zum fünften Mal Einzel-Weltmeisterin wurde. Es wird überhaupt ihre letzte Saison in den Eiskanälen der Welt sein.

Man möchte ihr zurufen: Du hast es geschafft. Nach 14 Jahren auf internationaler Bühne, auf der sie einen kompletten Medaillensatz bei vier Olympischen Spielen und bislang 38 Weltcuprennen gewann sowie fünfmal das Gesamtklassement als Saisonbeste für sich entschied, gibt sie den ständigen Kampf um die schnellste Zeit auf. Auch den Kampf gegen den eigenen Körper inklusive Rückenleiden und Achillessehnenriss, den sie seit einigen Jahren führt. „Ich freue mich schon darauf, Sport für die Gesundheit statt für die Leistung treiben zu dürfen“, sagt die Blankenburgerin. Sie klingt wunderbar entspannt, sie lacht bei Witzen übers Alter, dieses Telefonat am Freitag hatte wirklich nichts von Wehmut oder Traurigkeit.

"Knockout" in Pyeongchang

Die letzte Traurigkeit im Sport verspürte sie im vergangenen Februar. Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang (Südkorea) lag Tatjana Hüfner bis zum letzten der vier Durchgänge auf dem Silberrang, ehe sie noch auf Platz vier zurückfiel. Das war eine der bittersten Niederlagen ihrer Karriere. Ein schlechter Start, zu niedriges Tempo, „ein Knockout“, erinnert sich die Olympiasiegerin von Vancouver 2010. Sie war schon angeschlagen angetreten. Eine Nervwurzelentzündung im Rücken sorgte dafür, dass „ich das Gefühl hatte, mir fault mein rechter Fuß ab. Ich bin noch Anfang des Jahres auf Krücken rumgelaufen, hatte mich dann aber wieder rangekämpft“. Zur vierten olympischen Medaille fehlten dann 0,069 Sekunden. Da bekommt die Floskel „denkbar knapp“ eine völlig neue Dimension.

Ein paar Wochen später war dann die Entscheidung gefallen. Die nächste Saison wird die letzte sein. „Kein mal gucken, kein vielleicht. Definitiv die letzte“, betont Hüfner. Sie kann den Jetlag nach Langstreckenflügen inzwischen schlechter wegstecken, sie mag die stundenlangen Autofahrten von Bahn zu Bahn nicht mehr. Und nicht zuletzt: Ihr Körper stellt sie immer wieder vor neue Herausforderungen.

Rippe gebrochen, Wirbel verschoben

In der Vorbereitung auf den neuen Winter zum Beispiel. Erst stürzte sie beim Lehrgang in Lillehammer (Norwegen), sie brach sich eine Rippe, irgendwie verschoben sich die Wirbel. Kein Vergnügen in der Physiotherapie, eher ein Martyrium. Dann zog sie sich während der Trainingswoche in Whistler (Kanada) eine Lebensmittelvergiftung zu. Erst machte der Bauchmuskel zu, dann der Rücken mal wieder dicht. Sie begab sich direkt in ihrer Erfurter Wahlheimat in Pflege. Jetzt ist sie wieder fit. Fit für die deutsche Meisterschaft an diesem Sonntag, fit für die Weltcup-Saison.

Sie weiß auch, wie es nach der Karriere weitergeht. „Es macht auch Spaß, über den Rodelteller hinauszuschauen“, sagt Hüfner. Es läuft alles auf einen Posten bei der Bundeswehr hinaus. Aber jetzt legt Hüfner, die neben der Laufbahn erfolgreich das Studium Pädagogik der Kindheit abgeschlossen hat, ihren Fokus auf den neuen Winter: „Ich habe alles gewonnen. Ich kann befreit in die Saison gehen“, betont sie.

Aber es wäre ja nicht Tatjana Hüfner, wenn ihre letzte Reise durch den Weltcup inklusive letzter WM kein letztes großes Ziel hätte: „Ich möchte eine WM-Medaille“, erklärt sie so selbstverständlich wie eh und je. Ende Januar beim Saisonhöhepunkt in Winterberg heißt es also: letzte Konzentration.